Vor 40 Jahren wurde der Tunnel unter dem Strohdorf von Neheim eingeweiht.

Der Begriff des Tunnels gehört in das Vokabular der Geologie, nicht der Städteplanung. Wenn der Ingenieur von einem Tunnel spricht, erweckt er das Bild eines heroischen Durchbruchs durch das unnachgiebige Gestein eines Berges. Er suggeriert ein Eindringen in das Innere der Natur, um zwei Welten miteinander zu verbinden.
In Neheim aber verhält es sich umgekehrt: Hier gab es keinen Berg zu bezwingen. Was hier vollzogen wurde, war keine Bohrung, sondern eine Vivisektion. Die Stadt wurde für Jahre wie eine Torte aufgeschnitten. Die offene Wunde legte nicht das sedimentierte Gestein frei, sondern die Eingeweide des städtischen Alltags, das Fundament der nachbarschaftlichen Topographie, das urplötzlich dem gaffenden Blick preisgegeben war. Der „Tunnel“ ist der Euphemismus einer Kastration: Man hat der Stadt das Rückgrat gebrochen, um ihr ein Implantat aus Beton einzusetzen.
Drei Jahre fraßen sich die Bagger und Betonmischer durch das Herz der Stadt. Von den ersten Erdbewegungen im Jahr 1983 bis zum Schicksalstag im Spätherbst 1986 glich die Altstadt einer offenen Wunde.
Es war eine Epoche des Lärms, die ironischerweise die absolute Stille vorbereiten sollte. Die Bürger ertrugen das Bersten des Gesteins und den Staub auf den Fensterscheiben in der Hoffnung auf das gelobte Land der Konsumenten. Am Novembertag der Einweihung – am 3. November 1986 – schloss sich die steinerne Decke endgültig. Was als Triumph feierlich dem Verkehr übergeben wurde, war in Wahrheit das Begräbnis einer lebendigen Stadtstruktur. Mit dem feierlichen Banddurchschnitt am Eröffnungstag wurde der Autostrom planmäßig unter die Erde verbannt, um Platz für die künstlich verlängerte Flanier-Meile zu schaffen.
Das Datum des 3. November 1986 steht für das paradoxe Fest einer Verschwindung. Man feierte das Bauwerk, indem man es sogleich ungesehen machte – vergraben unter den Fundamenten der Einkaufsstadt.
Mit dem Durchstich von 1986 vollendet Neheim seine eigene Demontage, um im Konzert der modernen Konsumzentren die erste Geige zu spielen. Wo einst das Fundament der Altstadt ruhte, frisst sich heute eine künstliche Höhle durch das Gestein, um den störenden Fluss der Automobile unter die Erde zu verbannen. Es ist das Paradoxon der modernen Stadtplanung: Um die Oberfläche für den Konsum zu „retten“, muss ihr Untergrund ausgehöhlt werden. Dem Fortschrittsversprechen der Nachbarstädte kann Neheim nicht nachstehen. Der Preis für die neue Fußgängerzone ist die radikale Unsichtbarkeit des Verkehrs, der nun wie ein unterirdischer Strom den Kern der Stadt unterspült, während oben eine trügerische Ruhe einkehrt.
Seit jenem Novembermontag des Jahres 1986 ist die lebendige Reibung des alten Neheim einer künstlichen Ruhe gewichen, die seither wie Reif auf den Schaufenstern der Stadt liegt.
Tritt man heute auf das Pflaster der oberen Stadt, begegnet man keiner lebendigen Urbanität, sondern einer Kulisse. Unter der Altstadt fließt der Verkehr jetzt unsichtbar, doch an der Oberfläche ist die Stadt erstarrt. Die Fußgängerzone, als Befreiung vom Lärm der Motoren gefeiert, entpuppt sich als das steinerne Grabmal des alten Neheim, die Pfarrkirche Johannes Baptist klatscht mit ihrem Geläut stündlich Beifall. Die Passanten bewegen sich zwischen den Auslagen wie Museumsbesucher, die vergessen haben, was ausgestellt wird. Das Auto, ehemals sichtbares Zeichen von Dynamik und Verbindung, ist aus dem Sichtfeld verdrängt und in eine technokratische Unterwelt verbannt. Dadurch verliert die Oberfläche ihre Reibung, ihren Rhythmus und letztlich ihre Geschichte.
Die Stadt ist um die Pfarrkirche Johannes Baptist erstarrt im Diktat des reinen Konsums, der keinen Aufenthalt mehr kennt, sondern nur noch den sterilen Durchgang von Ladentür zu Ladentür.
Viele Menschen teilen heute das Gefühl, dass damals zugunsten von Beton und Zweckmäßigkeit viel unwiederbringliche Identität und Charme der alten Fabrikanten- und Ackerbürgerstadt verloren gegangen sind. Das Wort „ausgemerzt“ trifft den Kern dessen, was Historiker und Denkmalschützer als „Zweite Zerstörung“ der deutschen Innenstädte bezeichnen. In Neheim zeigte sich diese kompromisslose Epoche besonders drastisch an den prächtigen Bauten aus der Industrie- und Gründerzeit. In den 1960er- bis 1980er-Jahren galten die reich verzierten Fassaden, Erker und Stuckelemente der Gründerzeit bei Stadtplanern nicht als erhaltenswertes Kulturgut, sondern oft als überladen, altmodisch und „kitschig“.
Neheim war durch die Leuchtenindustrie zu Wohlstand gekommen. Diesen wirtschaftlichen Aufstieg wollte man im Stadtbild durch eine kompromisslose, nüchterne Moderne mit Glas, Beton und funktionalen Kaufhausfassaden repräsentieren.
Man hat die Fassaden nicht restauriert, sondern sie zu Kulissen einer permanenten Warenmesse degradiert. Die Umgestaltung der Oberfläche dient nicht dem Menschen, der auf ihr wandelt, sondern der Ware, die auf ihr ausgestellt ist. Es ist die Verwandlung der Stadt in ein offenes Kaufhaus unter freiem Himmel, dessen Gänge so glatt gefegt sind, dass jeder Stillstand bereits als ordnungswidrige Blockade erscheint. Die Fußgängerzone in 5760 Neheim hat sich selbst überlebt. Sie stirbt nicht an einem plötzlichen Schock, sondern an einem schleichenden, selbstverschuldeten Siechtum. Der Abgesang auf das Shopping ist ein Abgesang auf die Illusion, dass man eine Stadt allein um den Konsum herum bauen kann. Die Menschen, die sich noch durch diese Schluchten aus Beton und Rabattschildern bewegen, wirken oft wie Zombies in einem Endzeitfilm. Sie werden mitgerissen vom Strudel einer Entwicklung, die das Diktat des reinen Kommerzes über das menschliche Bedürfnis nach echter Heimat und Identität gestellt hat. Die Mitte um den Platz an der Pfarrkirche ist leer. Und den Natural Born Neheimern bleibt die schmerzhafte Aufgabe, zu lernen, was eine Stadt abseits von Kassenbändern und Schaufenstern überhaupt noch zusammenhält.
Luther Blissett
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Die Erstausgabe von Die demolirte Literatur erschien 1896 in der Künstlerzeitschrift „Wiener Rundschau“. Karl Kraus war der erste Autor, der vor über hundert Jahren die kulturkritische Kommentierung der Weltlage zur Dauerbeschäftigung erhob.
Weiterführend → Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.
→ Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird.Die Online-Publikation Schmieds Katze ist als Mosaik aus Erinnerungen, Gedanken, Informationen angelegt, es wird im Lauf der Zeit zu einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 – in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Es ist ein stetig wachsendes Rhizom aus echten Lebensgeschichten, fiktionalen Nebenwegen sowie autosoziobiographischer Analyse. Im Lauf des mythopoetischen Erzählmosaiks wird in 1001 Vertellstückskers das Leben in 5760 Neheim rekonstruiert.
