Betrachtet man das Sterben der sauerländischen Fichtenwälder, so es ist kein Borkenkäfer, die Klimakatastrophe ist Ergebnis der Ausplünderung der Lebensgrundlagen.

Wo einst die Köhlereien den Wald fraßen, um das Eisen zu schmelzen, stehen heute die Monokulturen als leblose Holzfabriken. Der Borkenkäfer ist nicht der Aggressor; er ist bloß der Gerichtsvollzieher, der eine längst überfällige Schuld eintreibt. Die Fichte, als industrielles Massenprodukt in den Boden gerammt, war von Anfang an kein Baum, sondern aufgepumptes Kapital. Ihr Sterben entlarvt die Natur als Kulisse, die unter der Last ihrer Ausbeutung zusammenbricht.
Was die Natural Born Neheimer ´Klimakatastrophe` nennen, ist die Quittung für eine Epoche, die den Wald wie eine unterirdische Kohleader behandelte.
Die Industrialisierung des Sauerlandes vollzog sich im Zeichen des Lichts. In Neheim schossen Fabriken empor, um die Dunkelheit der bürgerlichen Salons und der städtischen Straßen zu vertreiben. Doch je heller die elektrischen Drähte glühten, desto finsterer wurde es im Tann. Die Leuchtenindustrie brauchte Messing, Galvano-Bäder, Strom und Logistik; sie brauchte eine disziplinierte Landschaft, die ihr zu Diensten stand. Das künstliche Licht, das als Triumph über die Natur gefeiert wurde, beruhte auf der systematischen Verdunkelung des ökologischen Bewusstseins.
Die Natural Born Neheimer stellten Lampen her und übersahen, dass man der Heimat das Licht aussaugte.
Ein Blick auf die kahlen Hänge gleicht dem Studium einer Konkursmasse. Die Leuchtenbarone des 19. und 20. Jahrhunderts sahen in den Hügeln nur einen doppelten Nutzen: billigen Baustoff für ihre Fabrikhallen und billiges Grubenholz für die Erze, die ihre Maschinen fütterten. Die Natur wurde in die Buchhaltung der Fabrikanten gepresst, verbucht unter der Rubrik „kostenlose Ressource“. Dass die Fichte im sauren Boden flach wurzelt, wusste jeder Forstwirt. Aber die Rendite wurzelte tief im Denken der Unternehmer.
Das Sauerland steht vor den Trümmern einer Forsteinrichtung, die wie eine Aktiengesellschaft geführt wurde – und deren Blase in den heißen Sommern geplatzt ist.
Der Konsumismus der Nachkriegszeit verlangte nach Design, nach glänzenden Chrom- und Messingarmaturen aus den Neheimer Werkstätten. Jede Design-Ikone, die das Sauerland verließ, trug den unsichtbaren Stempel der Landschaftsvernichtung. Um den Export anzukurbeln, wurde die Region asphaltiert, die Flüsse kanalisiert, die Wälder parzelliert. Die Ausplünderung geschah nicht mit der groben Axt, sondern mit der Eleganz des industriellen Fortschritts. Die Leuchten erhellten die Metropolen der Welt, während im Sauerland die Quellen versiegten und der Boden erodierte.
Die Natural Born Neheimer betreiben eine Dialektik der Aufklärung im regionalen Maßstab: Das Licht der Zivilisation erzeugt eine Wüste.
Wer heute durch die Totholz-Areale geht, wandelt durch die Ruinen der Moderne. Die silbrigen, nackten Stämme stehen wie Mahnmale einer Epoche, die glaubte, man könne die Grundlagen des Lebens unendlich plündern, ohne die Rechnung zu bezahlen. Die Leuchtenindustrie hat sich längst transformiert und globalisiert, doch ihre Spuren bleiben in die Geografie eingeschrieben. Der Wald stirbt nicht an einem Insekt. Er stirbt an der Unfähigkeit des Menschen, den Unterschied zwischen einem Lebensraum und einer Warenbörse zu begreifen. Auf den Kahlschlägen wächst nun der Ginster – die gelbe Warnweste einer Natur, die sich streikend zur Ruhe setzt.
Luther Blissett
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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarr scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.
Weiterführend → Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.
→ Die Online-Publikation „Schmieds Katze“ wird im Lauf der Zeit zu einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 – in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Es ist ein stetig wachsendes Rhizom aus echten Lebensgeschichten, fiktionalen Nebenwegen sowie autosoziobiographischer Analyse. Im Lauf des mythopoetischen Erzählmosaiks wird in 1001 Vertellstückskers das Leben in 5760 Neheim rekonstruiert.