Die Vertellekes dienten den Kulturforscher Friedrich Wilhelm Grimme dazu, das Suerländer Platt lebendig zu halten. Die Vertellstückskers dienen dem Herausgeber Johannes Schmidt ein mythopoetisches Erzählmosaik in 1001 Fragmenten durch ein Rhizom zu verpflechten.

„Vertell, vertell! Diu ruikest sau schoin no Schnaps.“
Sauerländisches Sprichwort
Das Wort Vertellstückskers ist ein Neologismus. Diese Bruchstücke aus der Realität sind verwandt mit den Miszellen, dies ist eine Bezeichnung für eine Rubrik, unter der Kurztexte variierenden literarischen Inhalts veröffentlicht werden. Genau wie historische Miszellen rahmen diese Vertellstückskers kurze, oft anekdotische oder literarische Fragmente ein, die für sich stehen, ohne die Länge einer großen Abhandlung oder Erzählung zu besitzen. Zusammengenommen sollten sich aus den avisierten 1001 Realitäts-Bruchstücken ein Bild ergeben, um als zeitgeschichtliches Zeugnis zu wirken.
Kritik bedeutet unterscheiden, was sagen die Kritiker des Unterscheidungsvermögens?
Die Sprache der Väter war ein Gehöft mit dicken Mauern. Man betrat sie durch das Deelentor, man roch den Stall, die Kälte des Lehms, die Schwere des ungewaschenen Lodens. Wer heute durch die Täler der Möhne oder Ruhr fährt, begegnet einer Landschaft, die ihr Gedächtnis im Kehlkopf verloren hat. Das Sauerländer Platt ist nicht einfach verschwunden wie ein verlegter Schlüssel; es wurde enteignet. Es ist die Melancholie der Ruine, die nicht aus Stein, sondern aus Schweigen besteht.
Das Suerlands Platt besaß keine Begriffe für das Provisorium. Es war geschmiedet für die Ewigkeit der Jahreszeiten, für das langsame Reifen des Korns und das repetitive Schlagen des Beils im Forst.
Früher war die Mundart das grobe Lodenzeug des Geistes. Man trug sie bei der Arbeit, im Stall, in der Enge der Fachwerkhäuser. Doch die Sprache der Väter hielt der Geschwindigkeit der Züge und der Glätte der Formulare nicht stand. Als das Sauerland „erschlossen“ wurde, blieb die Mundart auf der Strecke liegen wie ein überfahrenes Tier. Das Hochdeutsche kam als die Sprache der Beamten, der Lehrer und der Ingenieure – eine blankpolierte Asphaltstraße, auf der kein Platz für die holprigen Karrenwege des Dialekts war.
Das Suerlands Platt war ortsgebunden; es funktionierte nur im Schatten des Kirchturms.
Es gibt eine spezifische Form der Scham, die das Aussterben einleitete: die Angst, durch das „P“ und das „T“ als rückständig entlarvt zu werden. Die Eltern schnitten ihren Kindern die Zunge gerade, damit sie in der fernen Stadt nicht über ihre eigene Herkunft stolperten. So wurde das Suerlands Platt zur Geheimsprache der Greise, zu einem Museumsstück, das man sonntags im Heimatverein ausstellt, aber Werktags im Keller versteckt.
Das Formular ist die Guillotine der Mundart. Der preußische Beamte, der Lehrer mit dem Rohrstock, der Ingenieur mit dem Nivelliergerät – sie brachten eine Sprache mit, die wie eine Walze funktionierte.
Die Leuchtenindustrie brachte nicht nur den Ruß, sondern auch die Normung. Wo Maschinen im Takt schlagen, muss die Anweisung eindeutig sein. Der Dialekt, der für jedes Tal ein eigenes Wort für den Nebel oder den Stein besaß, war für die Fabrik zu unpräzise. Die Sprache wurde zum Werkzeug, und Werkzeuge müssen austauschbar sein. Das Suerlands Platt war jedoch ein Unikat, geschmiedet aus dem Widerstand gegen den Wind und die karge Erde.
Das Suerlands Platt ist keine Sprache, eher ein Erforschen, das häufig weniger zu Antworten führt, als den Fragen Gestalt zu geben.
Mit ihrem feinen Gehör fällt der Katze beim genauen Hinhören des Suerlands Platt vieles auf. Zuallererst die Variationsmöglichkeiten der Vokale in der Mundart. Es ist ein Dialekt, der die lokale Einwurzelung des Einzelnen in Zeiten der Globalisierung verteidigt. Er widersetzt sich dem Reglement der Einheitssprache, den Gesetzen der Grammatik ebenso wie der ‚korrekten‘ Lesart eines Wortes. Eine Sprache verschwindet selten spurlos. Sie hat ein sogenanntes Substrat hinterlassen. Auch wenn diese Mundart nicht mehr aktiv im Alltag gesprochen wird und sich biologisch auf löst, hinterlässt aber tiefe, bleibende Spuren… typische Wendungen bleiben im neheimischen Alltag bestehen, nicht zuletzt das typische „woll“ am Satzende.
Die Sauerländer haben ihre Mundart nicht vergessen, sie haben das Suerlands Platt sterilisiert.
Die Natural Born Neheimer haben das Suerlands Platt aus dem Alltag in die Heimatstuben und Vereinsregister verbannt. Dort liegt es nun, ein ausgestopftes Objekt, museal und größtenteils harmlos. Im Stall wird längst englischsprachige Melktechnik bedient; in den Fachwerkhäusern flackern die Bildschirme im Takt der globalen Monotonie. Der Verzicht war kein Akt des Hasses auf das Eigene, sondern die stumme Kapitulation vor der Effizienz. Die Sauerländer haben das grobe Lodenzeug gegen den bürgerlichen Anzug getauscht und dabei verlernt, wie sich die Kälte der Heimat auf der nackten Haut anfühlt.
Wenn die letzten Muttersprachler versterben, wandelt sich die lebendige Sprache in ein historisches Archivgut.
Wenn eine Mundart gestorben ist, wird die Literatur im Rahmen eines mythopoetischen Erzählmosaiks zu ihrem Schutzraum. Indem Sie Begriffe wie Vertellstückskers nutzt, überführt Sie die Bruchstücke des sterbenden Idioms in die moderne Schriftsprache. Es gibt keinen Anfang und kein Ende, ein Rhizom wächst unterirdisch in alle Richtungen und bildet überall neue Knotenpunkte. Sie rettet die Worte vor dem Vergessen, indem Sie ihm einen neuen Kontext geben. Mythopoetik – das Erschaffen eigener, neuer Mythologien – dient im 21. Jahrhundert nicht mehr der Welterklärung im religiösen Sinne. Sie dient der Sinnstiftung in einer komplexen Welt. Wenn die „großen Erzählungen“ der Menschheit (wie unendlicher Fortschritt oder absolute Gewissheiten) bröckeln, bauen zeitgemäße Autoren aus den Bruchstücken der Gegenwart neue, poetische Mythen, um Identität und Wahrheit fassbar zu machen.
Jedes Textfragment ist ein Knotenpunkt. Leserinnen und Leser wählen eigene Pfade durch das Erzählmosaik. Die Geschichte entsteht erst im Kopf des Rezipienten durch das Verknüpfen freier Assoziationen.
Bei „Schmieds Katze“ verhält es sich genauso: Jedes Vertellstücksker, jede Straßenszene, die von Martin Vanselow in 5760 Neheim dokumentiert wird und jeder historische Splitter ist ein eigener Einstiegspunkt. Sie können an jeder Stelle anfangen zu lesen, und jeder Punkt ist mit einem anderen verbunden. Wo eine klassische Erzählung auf eine geschlossene Struktur setzt, bricht „Schmieds Katze“ diese auf. Fällt ein Strang weg, kommt ein neuer Text-Bild-Knoten hinzu, das System bricht nicht zusammen – es wächst in eine andere Richtung weiter und fängt somit die Zersplitterung der modernen Identität in der Provinz ein.
Zeitgemäßes Erzählen im 21. Jahrhundert ist ein Experimentierfeld. Es fordert die Leserinnen und Leser heraus, das Projekt „Schmieds Katze“ nicht mehr als Einbahnstraße, sondern als ein begehbares, unendliches Netzwerk zu begreifen.
Während Friedrich Wilhelm Grimme im 19. Jahrhundert mit seinen Vertellekes die mündliche Tradition und das Suerländer Platt konservieren und beleben wollte, spiegelt der Ansatz des Herausgebers Johannes Schmidt die Realität der digitalen und globalisierten Welt wider. Klassische Geschichten folgen meist einer klaren Chronologie (Anfang, Mitte, Ende). Zeitgemäßes Erzählen nutzt das philosophische Konzept des Rhizoms (frei nach Deleuze und Guattari). Es gibt kein festgelegtes Zentrum und keine feste Hierarchie mehr. Der Betrachter, die Leserin werden zum aktiver Mitgestalter des Erzählwegs. Sobald diese 1001 Fragmente im Netz oder in einer hyperlinearen Struktur in 2035 existieren, sind sie alle gleichzeitig im Jetzt verfügbar. Eine Vertellstücksker altert nicht mehr entlang eines Zeitstrahls. Jedes Fragment und jedes Foto wartet im selben Moment darauf, vom Leser aktiviert zu werden. „Jetzt und immerdar“ ist somit kein starrer Zustand mehr, sondern die Dynamik eines lebendigen Netzwerks, das sich in jedem Moment des Lesens neu erschafft.
Luther Blissett
***
Das Sauerland und seine Bewohner, Friedrich Wilhelm Grimme (1866, überarbeitetet 1886)
Memoiren eines Dorfjungen, Friedrich Wilhelm Grimme (1859, Neue Folge 1867)
Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Friedrich Wilhelm Grimme ist kein weltabgewandter Romantiker. Er war ein realistischer Menschenkenner mit scharfem Witz, warmem Herzen und klarem Blick für die Stärken und Schwächen seiner Landsleute. Indem er das Sauerland literarisch ´erfand` und zugleich liebevoll sezierte, gab er den Menschen der Region denk Stolz und das Selbstbewusstsein zurück – in einer Zeit, in der ländliche Räume als rückständig abgetan wurden.
Weiterführend→ Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.
→ Johannes Schmidt ist ein Buiterling aus dem Bergischen Land. Diese Bezeichnung stammt aus dem Suerlands Platt, sie setzt sich zusammen aus dem Begriff buiten (für „außen“ oder „außerhalb“) und der Personenendung -ling. Es bedeutet: Außenseiter.
→ Das ´Autosoziobiografische Schreiben` lebt von der Verknüpfungskompetenz, die das Ganze des kulturellen Lebens überblickt. Lesen Sie dazu auch den Hinweis: „Zu den Quellen“.
→ Die Online-Publikation „Schmieds Katze“ wird im Lauf der Zeit zu einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 – in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Es ist ein stetig wachsendes Rhizom aus echten Lebensgeschichten, fiktionalen Nebenwegen sowie autosoziobiographischer Analyse. Im Lauf des mythopoetischen Erzählmosaiks wird in 1001 Vertellstückskers das Leben in 5760 Neheim rekonstruiert.
21 comments for “Suerländischer Neologismus”