
„Vertell, vertell! Diu ruikest sau schoin no Schnaps.“
Sauerländisches Sprichwort
Das Wort Vertellstückskers ist ein Neologismus. Diese Bruchstücke aus der Realität sind verwandt mit den Miszellen, dies ist eine Bezeichnung für eine Rubrik, unter der Kurztexte variierenden literarischen Inhalts veröffentlicht werden.
Kritik bedeutet unterscheiden, was sagen die Kritiker des Unterscheidungsvermögens?
Wer heute durch die Täler der Möhne oder Ruhr fährt, begegnet einer Landschaft, die ihr Gedächtnis im Kehlkopf verloren hat. Das Sauerländer Platt ist nicht einfach verschwunden wie ein verlegter Schlüssel; es wurde enteignet. Es ist die Melancholie der Ruine, die nicht aus Stein, sondern aus Schweigen besteht.
Früher war die Mundart das grobe Lodenzeug des Geistes. Man trug sie bei der Arbeit, im Stall, in der Enge der Fachwerkhäuser. Doch die Sprache der Väter hielt der Geschwindigkeit der Züge und der Glätte der Formulare nicht stand. Als das Sauerland „erschlossen“ wurde, blieb die Mundart auf der Strecke liegen wie ein überfahrenes Tier. Das Hochdeutsche kam als die Sprache der Beamten, der Lehrer und der Ingenieure – eine blankpolierte Asphaltstraße, auf der kein Platz für die holprigen Karrenwege des Dialekts war.
Es gibt eine spezifische Form der Scham, die das Aussterben einleitete: die Angst, durch das „P“ und das „T“ als rückständig entlarvt zu werden. Die Eltern schnitten ihren Kindern die Zunge gerade, damit sie in der fernen Stadt nicht über ihre eigene Herkunft stolperten. So wurde das Platt zur Geheimsprache der Greise, zu einem Museumsstück, das man sonntags im Heimatverein ausstellt, aber werktags im Keller versteckt.
Die Eisenindustrie brachte nicht nur den Ruß, sondern auch die Normung. Wo Maschinen im Takt schlagen, muss die Anweisung eindeutig sein. Der Dialekt, der für jedes Tal ein eigenes Wort für den Nebel oder den Stein besaß, war für die Fabrik zu unpräzise. Die Sprache wurde zum Werkzeug, und Werkzeuge müssen austauschbar sein. Das Suerlands Platt aber war ein Unikat, geschmiedet aus dem Widerstand gegen den Wind und die karge Erde.
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Das Sauerland und seine Bewohner, Friedrich Wilhelm Grimme (1866, überarbeitetet 1886)
Memoiren eines Dorfjungen , Friedrich Wilhelm Grimme (1859, Neue Folge 1867)

Friedrich Wilhelm Grimme war kein weltabgewandter Romantiker. Er war ein realistischer Menschenkenner mit scharfem Witz, warmem Herzen und klarem Blick für die Stärken und Schwächen seiner Landsleute. Indem er das Sauerland literarisch ´erfand` und zugleich liebevoll sezierte, gab er den Menschen der Region ein Stück Stolz und Selbstbewusstsein zurück – in einer Zeit, in der ländliche Räume oft als rückständig abgetan wurden.
Links eine historische Ansicht des Grimme-Denkmals, gesetzt 1906/7 mit Unterstützung des Sauerländischen Gebirgsvereins, befindet sich an der Grimmestraße in der Dorfmitte von Assinghausen (Sauerland). Das Denkmal erinnert an den westfälischen Heimatdichter Friedrich Wilhelm Grimme (1827–1887)
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