„Wenn ich die Brücke hinter mir gelassen habe, bin ich zu Hause.“
Jürgen Diehl

Der Begriff Sauerland wurde erstmals 1266 als Beiname des Zeugen Wesselo de Suderlande erwähnt.
Am Anfang stand in den Suderlanden das Wort… inhaltlich steckt dahinter die Idee, dass Sprache, Vernunft oder göttliches Wort / Logos als Ursprung von allem verstanden werden. Erst später kommen Sinn und Ordnung dazu. Im Westfälischen fand ab dem 13. Jahrhundert ein Schwund des intervokalischen d statt, sodass aus Suderlande allmählich Suerland wurde. Sozial höher gestellte Schichten hielten am d fest; entsprechend finden sich Schreibweisen mit d in von Kanzleien und Schreibstuben verfassten Dokumenten. Vermutlich unter dem Einfluss der aus den Niederlanden beziehungsweise von der Nordseeküste vordringenden Form süd für sud setzte sich in gelehrten Kreisen die Bezeichnung Süderland durch. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts verlor die mittelniederdeutsche Schriftsprache an Bedeutung und wurde durch das Hochdeutsche ersetzt. Daraufhin wurde die Bezeichnung des Sauerlands an das Hochdeutsche angeglichen: Der lange Vokal u wurde zu au diphthongiert, sodass die Namensform Sauerland entstand.
In ihrem Blick auf das Sauerland findet Félin Murr eine Beobachtungsschärfe, mit der sie die Natural Born Neheimer, in ihrer verknappten Sprache erfasst, ohne sie bloßstellen zu wollen.
Die Sauerland ist für die Katze sichtbar, aber zuweilen nicht klar erkennbar. Konturen verschwimmen. Gewissheiten verlieren ihre Schärfe. Wahrnehmung wird unsicher. Während die Natural Born Neheimer eine farbenfrohe und scharfe Detailwelt sehen, priorisiert die Augen von Félin Murr die Lichtausbeute sowie Schnelligkeit. Sie erkennt das Morbide unter der Oberfläche, das allmähliche Kippen von Ordnung in Auflösung, die Verbindung von Schönheit und Verfall. Sie ahnt, dass etwas bereits beschädigt ist, bevor es sichtbar wird… es geht um das Sichtbarmachen der Mikrorisse im Gefüge der Welt, bevor das System kollabiert oder die Erinnerung verblasst.
In 5760 Neheim erlebt man die Schönheit der Distanz.
Wenn ein Kulturkritiker das Sauerland betritt, sucht er vergebens nach der großen Geste, der Kathedrale oder dem Manifest. Die bloße Realität der Provinz reicht nicht aus. Erst durch die künstlerische Aneignung und das Erzählen entsteht aus den Details einer sauerländischen Kleinstadt eine greifbare, psychologisch bewohbare Welt. Kultur war hierzulande immer nur die Tarnung, die sich die harte Arbeit überstreifte, um am Sonntag vor den Nachbarn zu bestehen. Wenn nun diese Kultur – das Schützenfest als bürgerliches Hochamt, der Gesangverein als Ersatzparlament – wegbricht, bleibt keine Leere. Es bleibt das Skelett. Der Natural Born Neheimer spricht nicht, um Sinn zu stiften, sondern um Energie zu sparen. Seine verknappte Sprache ist das Äquivalent zu den präzisen Stanzwerkzeugen seiner Fabriken. Fällt das Ornament der Kultur, bleibt das Werkzeug übrig.
Der Natural Born Neheimer steht im leergeräumten Lüerwald trotzig und bereit, dem nächsten Sturm mit gefasstem Trotz zu begegnen.
Es gibt eine Beobachtungsschärfe, die das Sauerland nur im Vorbeifahren erfasst. Wer anhält und nachfragt, zerstört das Phänomen. Die Sprache der Einheimischen ist ein Regiolekt, sie exponiert den Sprecher nicht; sie schützt ihn vor der Zumutung der Kommunikation. Wenn es keines Überbaus aus Werten, Kunst und Tradition bedarf, schrumpft das Sauerland auf seinen physischen Kern genannt. Was bleibt, ist ein mürrisches Einverständnis mit der Schwerkraft und dem Landregen. Es ist die Verweigerung, sich dem Zeitgeist der Westfalenmetropole anzupassen. Der Neheimer entblößt sich nicht, weil er unter seinem Lodenmantel nichts verbirgt als die Gewissheit, dass auch dieser Winter lang wird.
Die Landschaft ist im Sauerland kein romantisches Gemälde, sondern ein Holzlagerplatz unter freiem Himmel.
Begeisterung und Befremden liegen dicht beieinander. Die Nähe unter den Natural Born Neheimern ist prekär, ihr Unbewusstes lässt sich – im Zeitalter der Abklärung – nicht ans Licht bringen, daher ist das Vertrauen in die Zukunft instabil. Ohne Kultur kollabiert das Sauerland nicht in die Barbarei, sondern es fällt zurück in seine eigentliche Bestimmung: eine Topographie des Widerstands gegen die Romantik. Der Natural Born Neheimer bleibt als der übrig, der er immer war: ein Statist in einem Wald, der auch ohne ihn rauscht, betrieben von einer wortkargen Melancholie. Sobald sie die Kleinstadt verlassen, umgibt die Natural Born Neheimer etwas Getriebenes, fast Atemloses, als würden sie außerhalb des Sauerlands unter dem permanenten Erwartungsdruck leiden.
Wenn es keiner Kultur mehr bedarf, was bleibt dann vom Sauerland?
Die Natural Born Neheimer bleiben in einem Zustand der Schwebe. Die Dinge sind nicht geklärt, sondern lediglich zur Ruhe gekommen. Was der Beobachter für Frieden hält, ist lediglich die Sedimentierung des Ungesagten. Die Konflikte werden nicht gelöst, sie werden eingekapselt – wie die Schlacke in den Fundamenten der alten Fabriken an der Möhnestraße. Man wartet ab. Das Nicht-Geklärte ist hier kein Mangel an Bewusstsein, sondern eine Kulturtechnik des Überlebens: Was man nicht anspricht, muss man nicht begraben. Heimat ist im Sauerland das, wovon man nicht wegkommt. Es verbleiben für die Katze ausgesparte Räume des Nicht–Beobachteten. Damit lässt sich vor der Hand arbeiten.
Obwohl das Sauerland eine Hymne hat, ist es noch kein Staat. Im Grunde seines Wesens lebt der Neheimer in einem ortlosen Exil. Die Single Sauerland der Band Zoff erschien 1983 bei Jupiter Records. Sie ist inzwischen ein begehrtes Sammlerstück.
Weiterführend→ Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.
→ Johannes Schmidt ist ein Buiterling aus dem Bergischen Land. Diese Bezeichnung stammt aus dem Suerlands Platt, sie setzt sich zusammen aus dem Begriff buiten (für „außen“ oder „außerhalb“) und der Personenendung -ling. Es bedeutet: Außenseiter.
→ Das ´Autosoziobiografische Schreiben` lebt von der Verknüpfungskompetenz, die das Ganze des kulturellen Lebens überblickt. Lesen Sie dazu auch den Hinweis: „Zu den Quellen“.
→ Die Online-Publikation „Schmieds Katze“ wird im Lauf der Zeit zu einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 – in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Es ist ein stetig wachsendes Rhizom aus echten Lebensgeschichten, fiktionalen Nebenwegen sowie autosoziobiographischer Analyse. Im Lauf des mythopoetischen Erzählmosaiks wird in 1001 Vertellstückskers das Leben in 5760 Neheim rekonstruiert.
1 comment for “Das Sauerland als eine ethnografische Kuriosität betrachtet”