Sichtbarmachung einer Unsichtbaren

Es hat den Anschein, als sei in Neheim ein surreales Mischwesen mit vogelähnlichen Zügen gelandet.

Ein stilisierter Hahn, Skulptur von Agnes Richter

Auf der kleinen Schobbostraße findet der Kurator eine Skulptur von Agnes Richter, die Assoziationen an menschliche oder tierische Wesen weckt, während offenkundig die skulpturalen Qualitäten der Formen in den Vordergrund treten. Die Künstlerin bemühte sich, die von innen heraus urhaft keimende organische Formen darzustellen. Ihre Arbeiten begegnen dem Betrachter nicht als reine Abbildungen, sondern als verdichtete Momente menschlicher Erfahrung: Körperhaltungen, gefasste Bewegungen und subtile Oberflächenstrukturen erzählen von Fragilität, Widerstand und Würde. Agnes Richter suchte weniger das dramatische Geständnis als die stille Präsenz – Werke, die Zeit verlangen, um ihre Tiefe zu entfalten.

Dieser Ansatz erinnert den Kurator an Hans Arps Biomorphismus und die vegetativen Formen. Auch Arp produzierte immer neue Konstellationen, wobei er die Erkenntnis für seine ‚bewegten Ovale‘ nicht nur aus der Naturbeobachtung, sondern auch aus philosophischen Texten von Lao Tse oder Jakob Böhme bezog. Gerinnung, Verhärtung, Verdickung, Zusammenwachsen sind Sinnbilder der ewigen Verwandlung in der Natur. Die Kräfte dieser Prozesse nannte Arp ‚tension de sol‘.

Diese Bodenspannung hat sich auch auf die  Skulptur von Agnes Richter übertragen. In ihren Skulpturen deutet sich der menschliche Körper an – nicht als Abbild, sondern als Spur, Erinnerung oder Gefäß von Erfahrung. Die Skulpturen vermitteln physische Anwesenheit und zugleich Fragilität. Erinnerung und Zeit: Oberflächenritzen, geschichtete Materialien und Reparaturspuren verweisen auf Vergangenes und auf das Fortdauern von Prozessen. Richter interessiert, wie Materie Erinnerung trägt und transformiert. Am Fuß der abgebildeten Skulptur haben sich Mosse gebildet. Sinnfällig ist Kunst im öffentlichen Raum immer dann, wenn sie eine Verbindung zwischen Mensch und Natur herstellt. Ihr künstlerisches Vermächtnis lebt in den plastischen Gesten und der handwerklichen Sorgfalt fort: Werke, die Räume prägen, Blicke lenken und zum Verweilen einladen.

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Margareta Hesse, Axel Schubert, Martini, Karl Hosse, Jürgen Diehl, Agnes Richter – Photo: N.N.

Agnes Richter war Lehrerin an der Berufsschule, zunächst in Neheim in der Villa Bremer. Sie war auch Mitglied der Künstlergruppe „Der Bogen“, damals noch in der Langen Wende ansässig.

Weiterführend → Im Rahmen der De-Industrialisierung werden ehemalige Fabrikgebäude zu Orten der Kunst. Diese ehemals toten Orte wurden zu Aufführungsorten für Musik, Theater, Literatur und Film, Bildende Kunst, Tanz und Performance verwandelt. Im Zentrum stehen spartenübergreifende neue Produktionen, Uraufführungen und Neuinszenierungen, die die Besonderheiten der jeweiligen Spielstätten aufgreifen.

Aufrichtiger Dank: Wertvolle Informationen verdankt dieser Artikel der Stadtführerin Monika Nückel (Mitglied des Heimatbund- Vorstandes).