Das Original im Zeitalter des Re:enactments

Kollaboration, Urheberschaft und die Grenzen zwischen Inspiration und Aneignung.

Die Idee zur New Yorker Performance „The Artist Is Present“ von Marina Abramović stammt von Klaus Biesenbach. Biesenbach, der Direktor des MoMA PS1, hat Abramovićs Werk und ihre Performances maßgeblich gefördert.

Performances erfreuen sich im Kunst-Betrieb auch weiterhin einer großen Beliebtheit. Zwischen dem 13. und 14. November 1974 fand im Guggenheim Museum in New York City die Performance mit den Titel I Like America and America Likes Me, sie beinhaltete eine dreitägige Interaktion zwischen Joseph Beuys und einem lebenden Schakal. So besehen kann man Marina Abramović als eine Schwester im Geiste bezeichnen. Die alte Dame wirkt zuweilen wie ein alternder Rockstar, der mit seinen Greatest Hits noch einmal auf Tour geht. Nun präsentiert die Ruhrtriennale unter dem Titel „Balkan Erotic Epic“ eine immersive Performance von Abramović, basierend auf alten Balkan-Mythen. Damit  geht die auf ihre ersten Performances in einem untergegangenen Land namens Jugoslawien zurück.

Performance-Kunst ist eigentlich unwiederholbar. Wenn Abramović jedoch Jahre später Stücke durch andere Performer „re-enacten“ lässt, stellt sich die Frage: Ist das eine Hommage oder eine Aneignung?

Lässt sich eine Performance vakuumverpakt länger frisch halten?

Der Rechtsstreit zwischen Marina Abramović und Ulay (Uwe Laysiepen) zeigte, dass im Kapitalismus auch die radikalste körperliche Erfahrung zur Ware wird, deren Anteile präzise vertraglich geregelt sein müssen. Die Frage nach dem „Diebstahl“ rührt an ein tieferes Problem der Performance-Kunst:

Was gehört wem, wenn zwei Menschen beschließen, ihre Identitäten zu verschmelzen?

Eine Rückblende: Zwischen 1976 und 1988 arbeiteten Abramović und Ulay als ein „zweiköpfiger Körper“. In ihrer gemeinsamen Zeit versuchten sie das „Ego“ zu eliminieren, um ein drittes Wesen zu erschaffen – „The Other“. In dieser Phase war die Idee des Diebstahls absurd, da es kein getrenntes Eigentum an Ideen gab. Alles war gemeinsames Experiment am eigenen Körper.

Die Beziehung ist nicht nur eine der berüchtigtesten in der Kunstwelt, sondern wirft auch grundlegende Fragen über Originalität, Einfluss und den „Diebstahl“ von Ideen auf*.

Der Begriff der Originalität ist in der Kunst komplex und oft umstritten. In vielen Fällen beruhen künstlerische Innovationen auf bestehenden Traditionen und Einflüssen. Kunst ist ein Dialog zwischen Künstlern, Gesellschaft und Kultur. Die Frage, ob Abramović von Ulay „gestohlen“ hat, berührt daher auch das Thema entlehnter Kreativität.

Nach der Trennung 1988 wurde Abramović zum Weltstar, während Ulay eher im Hintergrund blieb. Der „Diebstahl“ geschah schleichend durch das Narrativ:

Wer die Bühne der Öffentlichkeit beherrscht, besetzt die Deutungshoheit über die Geschichte. Indem Abramović die gemeinsamen Werke in ihren großen Retrospektiven präsentierte, ohne Ulays Beitrag gleichwertig zu betonen, „stahl“ sie nicht die Idee an sich, sondern den Platz in der Geschichte.

Bei gemeinsamen Performances (wie Relation in Space) bildeten die physische Präsenz, das Konzept und das gemeinsame Durchhalten beider Künstler den schöpferischen Beitrag. Wird ein Partner in Retrospektiven verschwiegen, wird nicht die Idee ignoriert, sondern der reale, geschützte Schöpfungsanteil an der Umsetzung.

Der Vorwurf des „Diebstahls“ manifestierte sich 2015 in einer Klage von Ulay gegen Abramović vor einem niederländischen Gericht. Ulay warf ihr vor, seinen Namen bei gemeinsamen Werken systematisch weggelassen, ihn nicht über Verkäufe informiert und ihm zustehende Tantiemen vorenthalten zu haben. Das Gericht gab Ulay 2016 recht. Abramović wurde verurteilt, ihm über 250.000 Euro nachzuzahlen und ihn bei allen gemeinsamen Werken korrekt als Miturheber zu nennen.

Da eine KI keinen „geistigen“ Beitrag leisten kann, gilt sie nicht als Schöpfer.

Institutionen und Kritiker der Kunstwelt und nicht zuletzt das Publikum stehen vor der Herausforderung, persönliche und kulturelle Einflüsse zu erkennen und zu würdigen, während sie gleichzeitig die Rechte und den Schöpfergeist der Künstler respektieren. Nachdem der Fuppes nicht mehr als Religionsersatz taugt, dürfen wir uns auch von der Performance-Kunst keine Heilwirkung mehr erhoffen.

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Die Ruhrtriennale präsentiert Balkan Erotic Epic – eine immersive Performance von Marina Abramović, basierend auf alten Balkan-Mythen.  Duisburg, Landschaftspark Nord (Kraftzentrale) 5. September, 15.00 – 19.00 Uhr

Auch Bertolt Brecht, wie viele Künstler der Moderne, gestand seine „Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“.

Weiterführend → Eine andere dekonstruierte Legende. Der Absturz mit seiner Nachgeschichte diente Joseph Beuys als Stoff einer Legende, der zufolge nomadisierende Krimtataren ihn „acht Tage lang aufopfernd mit ihren Hausmitteln“ (Salbung der Wunden mit tierischem Fett und Warmhalten in Filz) gepflegt hätten.

→ Bei aller offensiver Rhetorik blieb Joseph Beuys eine kritische Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland schuldig. Wir dürfen diesen Schamanen der alten BRD und seinen Aktionismus mit zeitlichem Abstand neu betrachten.

→ *Für KI-generierte oder manipulierte Bildinhalte besteht in der Europäischen Union seit dem 2. August 2026 eine gesetzliche Transparenz- und Kennzeichnungspflicht (oft umgangssprachlich als „Meldungspflicht“ bezeichnet). Geregelt wird dies durch Artikel 50 des EU AI Acts (KI-Verordnung). Der Herausgeber hätte nie gedacht, dass Satire erklärungsbedürftig ist;-)