Bildstock

Meist steht ein Bildstock dort, wo ein Unfall einen Menschen jäh aus dem Leben gerissen hat.

Dieser Bildstock ist eine blasse Erinnerung an das ehemals schönste Backsteingebäude von Neheim. Die Villa Cosak wurde – trotz Denkmalschutz – durch Investitionsarchitektur ersetzt.

Neheimer geraten nicht ganz unvorbereitet in Verklärungszusammenhänge. Im Sauerland ist die Errichtung und Pflege von Bildstöcken eine weitverbreitete Form der katholischen Frömmigkeit. Er steht dort, wo der Weg zögert oder sich spaltet. Nicht als Wegweiser, der ein Ziel diktiert, sondern als Ausrufezeichen in der Landschaft. Während der Kilometerstein die Entfernung misst, misst der Bildstock die Einkehr. Er ist die vertikale Unterbrechung der horizontalen Flucht.

Die Motivation ist denen bei Wegkreuzen ähnlich. Sie dienen als Anlass zu einem Stoßgebet unterwegs, als Zeichen der Dankbarkeit für überstandene Gefahren oder Seuchen sowie zur Erinnerung an Unglücksfälle. Diese Wegmarken erinnern den Betrachtenden an die eigene Sterblichkeit.

Der Stein ist nicht stumm. Er spricht die Sprache der Flechten und des Regens. In den verwitterten Zügen des Heiligen liest man die Zeitrechnung des Dorfes. Vor dem Gitter verrotten Blumen in Plastikvasen – die Botanik der Hoffnung. Hier wird Gott im Vorbeigehen erledigt. Ein flüchtiger Gruß, ein kurzes Innehalten im Getriebe des Alltags. Der Bildstock ist die Haltestelle für Seufzer, die zu kurz sind für die Kathedrale. Vögel nutzen das Gesims als Aussichtspunkt, Spinnen weben Schleier vor das Antlitz der Madonna. Die Natur nimmt das Sakrale in Beschlag, nicht aus Ehrfurcht, sondern aus Nachbarschaft. Im Bildstock versöhnen sich Liturgie und Geologie.

Leuchttürme sind weithin sichtbare Zeichen und dienen Nachts durch abgegebene Leuchtfeuer, als Peilmarke sowie als Ortsbestimmung.

Die Bildstöcke im Sauerland sind aus Holz, Stein oder Mauerwerk gefertigt. Oft werden bei ihnen Blumen niedergelegt oder Kerzen entzündet. Dies führt zu einer charmanten Perspektive auf die Gemeinde Körbecke am Möhnesee. Bei einer Nachtwanderung leitet die Beleuchtung der Bildstöcke den Spazierenden an das Ziel.

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„Die pflege der heimatlichen bauweise ist eine berechtigte forderung. Kein fremdkörper sollte sich in ein stadtbild hineinwagen dürfen, kein indischer pagodenprunk sich auf dem lande breit machen. Wie aber wird von den heimatkünstlern die frage gelöst?“; fragte Adolf Loos in Schrift ist der Vortrag Ornament und Verbrechen (1910).

→ Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.

→ Die Online-Publikation Schmieds Katze ist als Mosaik aus Erinnerungen, Gedanken, Informationen angelegt, es wird im Lauf der Zeit zu einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 – in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Es ist ein stetig wachsendes Rhizom aus echten Lebensgeschichten, fiktionalen Nebenwegen sowie autosoziobiographischer Analyse. Im Lauf des mythopoetischen Erzählmosaiks wird in 1001 Vertellstückskers das Leben in 5760 Neheim rekonstruiert.