Eigentlich wollte Pichel, formally known as Stefan Hagelstein, einen Trödelmarkt aufmachen, damit das Publikum länger bleiben sollte, schenkte er auch Bier aus. Das mit dem Trödel lief eher semioptimal. Das Bier lief besser…

Unter den zahlreichen Lokalen hatte sich das „Pichel“ auf der Goethestr. 44 einen besonderen Platz im Herzen der Natural Born Neheimer erobert. Diese Kneipe war weit mehr als eine einfache Tränke; sie war gleichsam ein kultureller Treffpunkt, gelebte Geschichte und ein Ort, an dem persönliche Erzählungen und gemeinschaftliche Erinnerungen miteinander verwoben sind. Was heute oft als ´Kult` bezeichnet wird, war in den späten 1980er Jahren schlicht das „zweite Wohnzimmer“ einer ganzen Generation.
Ein wesentlicher Grund für die besondere Atmosphäre im Pichel war zuerst der Wirt. Der Bärtige Hagelstein ist eine lokale Legende für sich – ein Kleinstadtcharismatiker, der das Herz und die Seele der Kneipe verkörpert hat. Mit einem ewigen Lächeln und einer unerschöpflichen Quelle an Geschichten hat er die Fähigkeit, Gäste sofort in seinen Bann zu ziehen.
Der Bärtige verstand es, Menschen zusammenzubringen, so war der Quizabend an jedem Dienstag sehr beliebt. Seine herzliche Art und sein offenes Ohr für die Sorgen und Freuden der Gäste machen das Pichel zu einem vertrauten Raum. Hier wurde kein Unterschied zwischen Stammgast und Neuankömmling gemacht; jeder war willkommen, und jeder konnte Teil der Gemeinschaft werden. Unter seine Leitung wurde die Kneipe zu einem Ort, an dem Freundschaften entstehen und Geschichten erzählt werden, die oft bis in die frühen Morgenstunden nachhallen.
Die rustikale Einrichtung, die Holztische und die liebevoll ausgewählten Dekorationen tragen zur behaglichen Atmosphäre bei. Es gab eine spezielle Kombination aus Lachen, Musik und lebhaften Gesprächen, die den Raum erfüllt. Oft verwandelte sich das Pichel in eine Bühne für lokale und regionale Musiker, die mit ihrem Gesang und ihren Melodien für noch mehr Lebensfreude sorgen. Der Bärtige selbst schnappte sich gelegentlich die Gitarre und brachte die Gäste mit alten Volksliedern zum Mitsingen und Schunkeln.
Die Getränkeauswahl ist sowohl traditionell als auch kreativ. Vom regionalen Bier bis hin zu Whisky Cola oder dem „Knochenbrecher“ (ein Kräuterschnaps) bietet das Pichel für jeden Geschmack etwas. Besonders beliebt sind die hauseigenen Schnäpse, die oft nach geheimen Rezepten zubereitet werden und für einen unverwechselbaren Geschmack sorgen. Jedes Getränk erzählt seine eigene Geschichte, und der Bärtige war immer bereit, diese Geschichten zu teilen.
Das Pichel war nicht nur ein Ort, um zu trinken; es war ein Platz, an dem Erinnerungen geschaffen wurden. Viele Paare haben hier ihre ersten Dates erlebt, Freundschaften sind durch nächtliche Gespräche und gemeinsames Lachen gewachsen, und Feiern werden oft mit einem Fest im Pichel zelebriert.
In einer Zeit, in der viele traditionelle Kneipen verschwinden und durch sterile Bars oder Online-Communities ersetzt werden, steht „Pichel“ symbolisch für eine untergehende, aber unglaublich lebendige Form von Vergemeinschaftung. Es war kein perfekter Ort – manchmal laut, manchmal verraucht, manchmal zu eng –, aber es war ein ehrlicher. Ein Ort, an dem man sein durfte, wie man war, und an dem das Leben in all seiner chaotischen Schönheit für ein paar Stunden seinen Platz fand. Die Kneipe ´Pichel` ist Geschichte. Aber die Geschichten, die dort entstanden sind, die ersten Küsse, die nächtlichen Geständnisse, die verrückten Pläne und das befreite Lachen – dies lebt weiter, solange es Menschen in Neheim gibt, die sich erinnern und vielleicht leise lächeln, wenn jemand sagt: „Weißte noch, damals im Pichel…?“
Das Pichel in Neheim war mehr als nur eine Kneipe; es war eine Institution, ein Stück Heimat und ein Ort, an dem das Leben in all seinen Facetten gefeiert wurde. Durch eine einzigartige Wirtspersönlichkeit, den einladenden Charme und die unzähligen Erlebnisse, die hier geteilt wurden, bleibt das Pichel unvergessen, weil diese Kneipe ein Anker für das war, was 5760 Neheim in ihrem eigentlichen Kern ausmacht: Bodenständigkeit gepaart mit einem gewissen Freiheitsdrang.
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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarr scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.
Weiterführend → Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.
→ Die Online-Publikation „Schmieds Katze“ wird im Lauf der Zeit zu einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 – in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Es ist ein stetig wachsendes Rhizom aus echten Lebensgeschichten, fiktionalen Nebenwegen sowie autosoziobiographischer Analyse. Im Lauf des mythopoetischen Erzählmosaiks wird in 1001 Vertellstückskers das Leben in 5760 Neheim rekonstruiert.