In ihrer Selberlebensbeschreibung leben die Natural Born Neheimer im Konjunktiv, gefangen zwischen Sehnsucht und Scheitern.

Die Mittelgebirgslandschaft erschließt sich nicht dem Reisenden, der das Ziel sucht, sondern dem, der das Verweilen erduldet. Das Sauerland ist kein Panorama, das sich willfährig ausbreitet; es ist ein Palimpsest aus Nebel und Schiefer. Wer die Serpentinen hinaufschreitet, tankt nicht bloß Sauerstoff, sondern Sekundenglück. Die Ewigkeit verbirgt sich hier nicht im Monumentalen, sondern im Prekären: Ein Busunglück der Wahrnehmung, bei dem die Zeit für eine Sekunde zersplittert und den Blick auf das Wesentliche freigibt.
Das Paralleluniversum von 5760 Neheim ist mehr als eine Anderswelt.
Im Unterholz des Lüerwaldes, dort wo das Moos die Feuchtigkeit der nahen Möhne speichert, vollzieht sich eine lautlose Alchemie. Die Poesie ist hier ein Blitzlicht, das im nächsten Moment von den Schatten des dunklen Tann. Es ist das optische Unbewusste der Landschaft: Zwischen den sterbenden Monokulturen und dem nachwachsenden Dickicht blitzt ein Vers auf, den niemand geschrieben hat. Die Bäume stehen nicht als Staffage; sie sind Chiffren einer geheimen Korrespondenz. Das Totholz im Lüerwald ist nicht tot — es wartet, wie das ungelesene Buch im Regal des Sammlers, auf die Erweckung durch den melancholischen Blick.
Das Denken hilft den Natural Born Neheimern dabei, das Was zu verstehen, nicht immer jedoch das Warum.
Das sauerländische Fachwerk ist die Materialisierung des dialektischen Bildes. Schwarz und Weiß, Balken und Ausfachung — eine strenge Geometrie, die nur scheinbar leblos ist. Tritt man nah genug heran, bemerkt man die Risse im Holz, in denen die Zeit nistet. Hier findet eine lyrische Beseelung statt: Das Holz erinnert sich an den Wald, der Stein an den Bruch. Im Ineinandergreifen der Balken vollzieht sich eine Metaphorisierung der Elemente. Das Haus schaut den Betrachter an. Es ist die Aura des Alltäglichen, die sich im Moment des Vorübergehens entzündet und im selben Augenblick verlischt, als hätte es das barocke Schnitzwerk nie gegeben.
Die indirekte Wahrnehmungsfähigkeit Natural Born Neheimer ist ein sechster Sinn.
Das Mittelgebirge beherrscht die Kunst der Verweigerung. Es bietet keine Alpen-Gipfel, die das Ewige simulieren. Es bietet Kuppen, die für kurze Zeit im Dunst verschwinden. Die Ewigkeit des Moments ist kein Besitztum, sondern ein Fundstück. Man findet sie wie eine verlorene Postkarte in den Gassen von 5760 Neheim oder im Spiegelbild der Möhnetalsperre bei Dämmerung. Sie ist nur lesbar im Zustand der Zerstreuung. Wer das Sauerland durchmisst, um die Ewigkeit zu fotografieren, kehrt mit leeren Händen zurück. Wer aber gelernt hat, das Blitzhafte im Fachwerk und das Erlöschen im Wald als zwei Seiten derselben Medaille zu begreifen, der findet Rückeweg dieser Landschaft den Ausgang zur Unsterblichkeit.
In dieser Ansicht liegt zugleich die Bestimmung, was schöne (geistige) Nachahmung der Natur sei. Mit einer trockenen Sacherklärung der Schönheit reicht man nicht weit. Die Kantische: »das sei schön, was allgemein ohne Begriff gefalle« legt in das »Gefallen«, das sie vom Angenehmsein absondert, schon das hinein, was eben zu erklären war. Der Beisatz »ohne Begriff« gilt für alle Empfindungen, so wie auf den andern »allgemein«, den noch dazu die Erfahrung oft ausstreicht, ebenfalls alle Empfindungen, ja alle geistige Zustände heimlich Anspruch machen. Kant, welcher eigensinnig genug nur der Zeichnung Schönheit, der Farbe aber bloß Reiz zugestand, nimmt seine Erläuterungen dazu immer aus den zeichnenden und bildenden Künsten hervor. Was ist denn poetische Schönheit, durch welche selber eine gemalte oder gebildete höher aufglänzen kann? Die angenommne Kluft zwischen Natur-Schönheit und zwischen Kunst-Schönheit gilt in ihrer ganzen Breite nur für die dichterische; aber Schönheiten der bildenden Künste könnten allerdings zuweilen schon von der Natur geschaffen werden, wenn auch nur so selten als die genialen Schöpfer derselben selber. Übrigens gehört einer Poetik darum die Erklärung der Schönheit schwerlich voran, weil diese Göttin in der Dichtkunst ja auch andere Götter neben sich hat, das Erhabene, das Rührende, das Komische etc. Ein Revisor der Ästhetik macht eine öde leere Definition des Schönen von Delbrück mit Vergnügen zur seinigen (für Delbrück eine mäßige Schmeichelei, welcher als ein zarter scharfer Kunstliebhaber und Kunstrichter, z.B. Klopstocks und Goethens, zu ehren ist), und diese Definition lautet wörtlich (außerhalb meiner Einklammerungen) so: »Das Schöne besteht in einer zweckmäßigen, zusammenstimmenden Mannigfaltigkeit von Ideen (setzen hier nicht beide Beiwörter gerade das voraus, was zu erklären ist, gleichsam als ob man sagte: eine zur Schönheit zusammenstimmende Mannigfaltigkeit?), welche die Phantasie in sich hervorruft (wie unbestimmt! und womit und woraus?), um zu einem gegebnen Begriff (zu welchem? oder zu jedem?) viel Unnennbares (warum gerade viel? – Unnennbares wäre genug; ferner welches Unnennbare?) hinzuzudenken, mehr als auf der einen Seite darin angeschaut, und auf der andern Seite darin deutlich gedacht werden kann (deutlich? In dem Unnennbaren liegt ja schon das Nichtdeutliche. Aber was ist denn dies für ein Mehr, das weder zu schauen, noch deut lich zu denken ist? Und welche Grenze hat dieses relative Mehr?); – das Wohlgefallen an demselben wird hervorgebracht durch ein freies und doch regelmäßiges Spiel der Phantasie in Einstimmung mit dem Verstande (Letztes lag schon in ›regelmäßig‹; aber wie wenig ist ›Spiel‹ und bloße ›Einstimmung‹ charakteristisch!).«- Der Revisor der Ergänzblätter knüpft dieser Definition seine kürzere an: »Die schöne Kunst entspringt als schöne Kunst aus einer Vorstellungart durch ästhetische Ideen.« Da in »ästhetisch« das ganze Definitium (die Schönheit) schon fertig liegt: so ist der Definition, so wie jedem identischen Satze, eine gewisse Wahrheit nicht zu nehmen.
Nur noch eine werde beschauet; denn wer wollte seine Schreib- und Leszeit an Prüfungen alles Gedruckten verschwenden? Schönheit, sagt Hemsterhuis, ist, was größte Ideenzahl in kleinster Zeit gewährt; eine Erklärung, welche an die ältere: »sinnliche Einheit im Mannigfaltigen« und an die spätere: »freies Spiel der Phantasie« angrenzt. Die Frage falle weg, wie überhaupt Ideen nach der Zeit zu messen sind, da jene diese selber erst messen. Aber überhaupt ist jede Idee nur ein Terzien-Blitz; sie festhalten heißt sie auseinanderlegen, also in ihre Teile, Grenzen, Folgen, und heißt mithin eben nicht mehr sie festhalten, sondern ihre Sippschaft und Nachbarschaft durchlaufen. Außerdem müßte die Ideenfülle im kürzesten Zeitraum, welche z.B. auch der Überblick eingelernter mathematischer oder philosophischer Kettenrechnungen gewährt, durch ein absonderndes Abzeichen erst der Schönheit zubeschieden werden – und endlich, wenn nun jemand definierte: Häßlichkeit ist, was größte Ideenzahl in kleinster Zeit darreicht? Denn ein Oval stillt und füllt mein Auge, aber ein Linien-Zerrstück bereichert es mit betäubender Mannigfaltigkeit von an- und wegfliegenden Ideen, weil der Gegenstand zugleich soll begriffen, bestritten, geflohen und gelöset werden. Man könnte Hemsterhuis‘ Definition vielleicht so ausdrücken, Schönheit sei, wie es einen Zirkel der Logik gibt, der Zirkel der Phantasie, weil der Kreis die reichste, einfachste, unerschöpflichste, leichtfaßlichste Figur ist; aber der wirkliche Zirkel ist ja selber eine Schönheit, und so würde die Definition (wie leider jede) ein logischer. –
Wir kommen zum Grundsatze der poetischen Nachahmung zurück. Wenn in dieser das Abbild mehr als das Urbild enthält, ja sogar das Widerspiel gewährt – z.B. ein gedichtetes Leiden Lust –: so entsteht dies, weil eine doppelte Natur zugleich nachgeahmt wird, die äußere und die innere, beide ihre Wechselspiegel. Man kann dieses mit einem scharfsinnigen Kunstrichter sehr gut »Darstellung der Ideen durch Naturnachahmung« nennen. Das Bestimmtere gehört in den Artikel vom Genie. Die äußere Natur wird in jeder innern eine andere, und diese Brotverwandlung ins Göttliche ist der geistige poetische Stoff, welcher, wenn er echt poetisch ist, wie eine anima Stahlii seinen Körper (die Form) selber bauet, und ihn nicht erst angemessen und zugeschnitten bekommt. Dem Nihilisten mangelt der Stoff und daher die belebte Form; dem Materialisten mangelt belebter Stoff und daher wieder die Form; kurz, beide durchschneiden sich in Unpoesie. Der Materialist hat die Erdscholle, kann ihr aber keine lebendige Seele einblasen, weil sie nur Scholle, nicht Körper ist; der Nihilist will beseelend blasen, hat aber nicht einmal Scholle. Der rechte Dichter wird in seiner Vermählung der Kunst und Natur sogar dem Parkgärtner, welcher seinem Kunstgarten die Naturumgebungen gleichsam als schrankenlose Fortsetzungen desselben anzuweben weiß, nachahmen, aber mit einem höhern Widerspiele, und er wird begrenzte Natur mit der Unendlichkeit der Idee umgeben und jene wie auf einer Himmelfahrt in diese verschwinden lassen.
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Jean Paul nimmt in der deutschen Literatur eine Sonderstellung ein. Bei den einen erntete er höchste Verehrung, bei anderen Kopfschütteln und Desinteresse. Er trieb die zerfließende Formlosigkeit des Romans auf die Spitze; August Wilhelm Schlegel nannte seine Romane „Selbstgespräche“, an denen er den Leser teilnehmen lasse (insofern eine Übersteigerung dessen, was Laurence Sterne im Tristram Shandy begonnen hatte). Jean Paul spielte ständig mit einer Vielzahl witziger und skurriler Einfälle; seine Werke sind geprägt von kühner Metaphorik sowie abschweifenden, teilweise labyrinthischen Handlungen, in die er Reflexionen und poetologische und philosophische Kommentare einmischte; neben geistreicher Ironie stehen unvermittelt bittere Satire und milder Humor, neben nüchternem Realismus finden sich verklärende, oft aber auch ironisch gebrochene Idyllen, auch Gesellschaftskritik und politische Stellungnahmen sind enthalten.
Weiterführend → Lesen Sie sowohl den Essay über Jean Paul, als auch feinstes Rezensionsfeuilleton von Wolfgang Schlott.
→ Die Online-Publikation Schmieds Katze ist als Mosaik aus Erinnerungen, Gedanken, Informationen angelegt, es wird im Lauf der Zeit zu einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 – in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Es ist ein stetig wachsendes Rhizom aus echten Lebensgeschichten, fiktionalen Nebenwegen sowie autosoziobiographischer Analyse. Im Lauf des mythopoetischen Erzählmosaiks wird in 1001 Vertellstückskers das Leben in 5760 Neheim rekonstruiert.