Blick auf gegenwärtige Zusammenhänge

Mit dem 9. November 1989 rückte das ehemalige „Zonenrandgebiet Sauerland“ vom Rand der Welt in die Mitte eines neuen Deutschlands.

Der Streetphotographer von Martin Vanselow betrachtet eine geteilte Stadt, die Grenze markiert in Neheim – ein Bauzaun

„Hinter Braunschweig beginnt die asiatische Steppe.“

Konrad Adenauer („Der Bundeskanzler der Alliierten“ Kurt Schumacher in einem Zwischenruf)

Nach dem Bau der Berliner Mauer und der Errichtung des Eisernen Vorhangs traf auch der Hochsauerland Kreis Vorsorge für einen notfalls eintretenden Weltkrieg. In der Rumbecker Straße wurde ein Atombunker gebaut, in dem 0,7 Prozent der Bevölkerung untergekommen wären; wer auch immer diese ausgesucht hätte. Und selbst die dort geretteten Menschen hätten nur für 14 Tage Schutz gehabt, bei einer Raumtemperatur von 30 Grad Celsius, einer Luftfeuchtigkeit von 99 Prozent, einem halben Liter Wasser und 2 Scheiben Dosenbrot pro Kopf und Tag.

„Hätten die Nazis die Juden nicht enteignet, hätten wir es getan, denn sie waren Kapitalisten, die die Arbeiterklasse ausgebeutet haben!“

Walter Ulbricht (Vorsitzender des Staatsrats der DDR)

In der DDR gab es kein „68“, also weniger Rebellion als hellwache Reflexion. Die Deutsche Demokratische Republik definierte sich als antifaschistischer Staat, der in direkter Tradition des kommunistischen Widerstands gegen das NS-Regime stand. Demzufolge war die „faschistische“ Vergangenheit mit der Gründung des Staates politisch überwunden. Die DDR sah sich als Sieger über den Faschismus und stellte sich damit außerhalb der Notwendigkeit einer umfassenden gesellschaftlichen Vergangenheitsbewältigung, wie sie in der BRD stattfand. Und damit keine so genannte Vergangenheitsbewältigung. Daher waren die Genossen der Sowjetische Besatzungszone geborene Antifaschisten; und damit fein raus.

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Bertolt Brecht

Friedrich Hegel bemerkte, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen sich zweimal ereignen. Karl Marx beginnt seine Schrift Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte mit dem Satz: „Hegel … hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce“

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Sondermarke von 1969, abgestempelt am 9. November 1989

Es gehört zu den Paradoxien der Gesellschaftskritik, dass sie in spürbarer Retromanie jener vorglobalisierten „BRD“ hinterher trauert, die sich doch selbst mit derselben Betroffenheitsrhetorik soziale Kälte, Umweltverschmutzung und kapitalistischen Wildwuchs vorwarf. Wer Geschichte zum Zwecke politischer Bildung – und das bedeutet konkret: der Schärfung politischer Urteilskraft – betreiben will, muss sich klarmachen, dass konsequente Historisierung eine Vorbedingung dafür ist, die Verführungskraft von Ideologien richtig einzuschätzen. Die DDR war ein Land, das die BRD gespiegelt hat, als dieser Spiegel Risse bekam, bedeutet dies, dass die Bürger beider Länder ihre eigene Identität überprüfen mussten.

Weiterführend → Zur historischen Abfolge der Stacheldrahteinkerbung in die Landschaft (incl. „Todesstreifen“), eine historische Einführung.