Ruhrtalradweg

Die Katze hat festgestellt, dass der Schmied öfter aus seiner Werkstatt an das Licht der Sonne muss. In Absprache mit seinem Hausarzt, unternehmen sie Fahrradtouren durch das Ruhrtal. Schon bald kennen sie jede Abzweigung zwischen Menden und Fröndenberg.

Martin Vanselow bestätigt: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“, damit ist gemeint, dass man keine voreiligen Schlüsse ziehen sollte.

Der Schmied hat am Lenker einen Korb installiert, in dem Félin bequem platznehmen und sich den Fahrwind durch die Schnurrhaare streichen lassen kann. Die Vibrissen sind ein wichtiger Bestandteil ihres Tastsinns. Die Katze kann sich im Dunkeln zurechtzufinden und Gefahren wahrnehmen. Nicht ganz unwichtig, wenn sie einen Menschen begleitet, der die Strecke zwischen A und B als Hindernis wahrnimmt.

Schon bald wird ihnen der Wirkungskreis zu klein. Selbst der Stubenhocker ist ermutigt von ihren Ausflügen, bei denen sie kaum Berge, dafür einige der 1000 Täler sowie Land und Leute besser kennenlernen. Nachdem sie bereits die Möhnequelle am Poppenberg bei Brilon aufgesucht haben, hat Félin die Ruhrquelle bei Winterberg auf die Liste gesetzt.

Als sich der zögernde Schmied die Landkarte ansieht, zweifelt er, zumal die Fahrradwege einige Schleifen in die Landschaft drehen. Was ihn zudem ernüchtert, ist die brutale Steigung auf dem langen Weg nach Winterberg.

Sie einigen sich auf einen Kompromiss und nehmen den Zug von Neheim nach Winterberg. Als Serviceangebot werden mit diesem ´Sauerlandexpress` zusätzlich vier Fahrradabteile im Waggon, sowie auch Busse mit Fahrradanhängern eingesetzt, um die Masse der Radfahrer zu bewältigen. Sie haben Glück, an diesem Tag müssen die Fahrräder nicht gestapelt werden.

In der Touristenhochburg begeben sie sich zum Ausgangspunkt der Tour: Die Ruhrquelle. Das Wasser, welches später einen Fluss speisen wird, plätschert aus dem Ruhrkopf heraus, einem kleinen Waldstück, das unter Naturschutz steht.

Unterhalb der Quelle lädt ein Gedenkstein und ein Rondell, die Katze und den Schmied zu einer kleinen Pause ein. Der Rothaarsteig wird seinem Namen gerecht, im Nu hat sich der Mantel der Räder in rot eingefärbt… dann stürzen sich Félin und der Schmied talwärts und erkennen mit purer Freude:

Im Hochsauerland is’nich‘ nur Ski und Rodeln extraprimagut!

Nach dem Rausch der Geschwindigkeit folgen die Mühen der Hochebene. Während die Elekromotorräder an ihnen fast im D-Zug-Tempo vorbeirauschen… strampelt der Schmied in gemächlicher Geschwindigkeit… was ihnen atemberaubende Blicke in die Landschaft gestattet. Der Vorteil einer deutschen Mittelgebirgslandschaft ist, dass sie nach dem Queren eines dieser 1000 Berge in das nächste Tal hineinfahren können…

Einsamkeit ist Raumfüllend. Langeweile kommt niemals auf. Eine Radtour ist eine fortwährende Suche nach Sinnhaftigkeit und die Orte lesen sich fast wie Poesie: Wiemeringshausen, Olsberg, Nuttlar, Valme oder Wehrstapel klingen in den Ohren der Katze beinahe wie ein Langstreckenpoem…

Mit dem Surren des Mantels auf dem Radweg… dem regelmäßigen Klicken der Gangschaltung… vergeht die Zeit… rhythmisch… die Lungenzüge geben den Rhythmus vor:

Ein. Und aus… wieder von vorn… Leben um zu atmen… Atmen um weiterzuleben… sowie immer nach vorn!

Die Reifen haben gehalten. Der Biobiker ist platt. Er hat an diesem Tag 80 Kilometer bewältigt. Am Ende des Tages fällt der Schmied ermüdet in Bett. Ohne sich auszuziehen. Félin deckt ihn zu und fängt sich selbst ein Abendessen.

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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarr scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.

Weiterführend → Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.

Das Projekt „Schmieds Katze“ ist eine Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Der Herausgeber trägt eine literatursoziologische Hypothese vor, die der Versuch ist, das Leben im Sauerland in nicht-lineare Momente zu gliedern. Ergänzend erste Überlegungen zum Neologismus Vertellstückskers und dem Aussterben des Suerlands Platt.