Zur Zeit wird hier der Raum

Die Tradition ist im Sauerland kein Ruhekissen, sondern der Treibstoff, der im Verborgenen lagert. Einmal im Jahr wird das Ventil geöffnet.

Martin Vanselow Kamera fungiert als Sehrohr durch die Zeit. Wer auf den hölzernen Vogel anlegt, blickt durch ein Prisma aus Disziplin, Zufall und Erwartung. Was übrig bleibt sind Reste, die Kindern als Sammelstücke diesen

Unter dem Bildnis des Täufers tickt die Zeit anders. Das Jahr zählt nicht nach Monaten, sondern nach dem Abstand zum Fest. Das Schützenfest ist der Nullpunkt der lokalen Chronologie. Hier treffen sich die Generationen, um ihre inneren Uhren auf denselben Takt einzustellen. Wer die Grenze zum Sauerland übertritt, verlässt den Raum der linearen Zeit. Fortschritt wird hier nicht als Vorwärtsbewegung gemessen, sondern als das gelungene Abwehren von Veränderung. Der Strukturkonservatismus des Sauerländers ist keine politische Ideologie; er ist eine metaphysische Verankerung. Wo die Moderne das Neue sucht, sucht er das Erprobte. Das Immergleiche ist ihm kein Gefängnis, sondern das Fundament seiner Freiheit.

Das Schützenfest ist kein Ausnahmezustand; es ist die Rekonstruktion des eigentlichen Zustands. Der Fabrikant und der Arbeiter tragen dieselbe Schützenjacke. Für drei Tage im Jahr kollabiert die Zeitgeschichte in das ewig gültige Ritual.

Die Topographie des Sauerlandes arbeitet der Beständigkeit zu. Berge isolieren die Täler. Sie wirken wie steinerne Wellenbrecher gegen die Moden der Metropolen. Während die Großstadt im Sekundentakt ihr Antlitz wechselt, verharrt das Kaff gleichsam in einer sakralen Monotonie. Die Wiederholung – sei es das Schützenfest, der Gang zur Kirche oder das Holzhacken für den Winter – ist das eigentliche Uhrwerk dieser Landschaft. Das Grün der Uniformen ist das tragbare Heimweh. Wer die Heimat verlässt, nimmt den Rhythmus des Marsches im Blut mit. Die Bruderschaft ist die Postadresse, an der man immer erreichbar bleibt, egal wie weit die Wege führten. Der Sauerländer wartet nicht auf die Zukunft. Er hat sie bereits im Gestern lokalisiert.

Der Schuss auf den hölzernen Vogel simuliert eine Krise, um die Überlegenheit der Ordnung zu beweisen. Der Vogel muss fallen, damit alles beim Alten bleiben kann.

Es ist ein Irrtum zu glauben, der Katholizismus sei Passivität. Es erfordert eine immense, tägliche Kraftanstrengung, alles so zu belassen, wie es ist. Die Natur drängt auf Wildnis, die Jugend drängt in die Ferne, die Bürokratie drängt auf Reformen. Die sauerländische Schützenfest-Trunkenheit ist nicht dionysisch, sie ist apollinisch. Sie sucht nicht den Exzess, der Grenzen auflöst, sondern die Betäubung, die den Status quo einzementiert. Man trinkt sich nicht um den Verstand, sondern in die absolute Behaustheit der Gemeinschaft hinein. Im kollektiven Singen des immer gleichen Liedguts wird die Sprache wieder zu dem, was sie vor dem Sündenfall der Moderne war: reiner Klang, pure Zugehörigkeit, absolute Beständigkeit. Das Festzelt ist eine temporäre Architektur des Rausches und der Ordnung. Unter dem Kirchturm der Pfarrkirche St. Johannes Baptist und zwischen Bierbänken suspendiert die Bruderschaft für drei Tage die sozialen Unterschiede. Der Fabrikant und der Arbeiter marschieren im selben Gleichschritt. Es ist die Utopie einer Gleichheit, die mit dem Abbau des Zeltes sofort wieder verfliegt.

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Schützenfest, veranstaltet von der Schützenbruderschaft St. Johannes Baptist, vom 14. – 17. August

Für KI-generierte oder manipulierte Bildinhalte besteht in der Europäischen Union seit dem 2. August 2026 eine gesetzliche Transparenz- und Kennzeichnungspflicht (oft umgangssprachlich als „Meldungspflicht“ bezeichnet). Geregelt wird dies durch Artikel 50 des EU AI Acts (KI-Verordnung). Der Herausgeber hätte nie gedacht, dass Satire erklärungsbedürftig ist;-)

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarr scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.

Weiterführend → Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.

Das Projekt „Schmieds Katze“ ist eine Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Der Herausgeber trägt eine literatursoziologische Hypothese vor, die der Versuch ist, das Leben im Sauerland in nicht-lineare Momente zu gliedern. Ergänzend erste Überlegungen zum Neologismus Vertellstückskers und dem Aussterben des Suerlands Platt.