Die Christuskirche in Neheim steht wie ein Rufzeichen in einer Landschaft, die seit Jahrhunderten tief vom Katholizismus geprägt war. Ihre Einweihung am Reformationstag 1872 markiert einen Wendepunkt in der Religionsgeschichte des Sauerlandes.

Das Sauerland war über Jahrhunderte Teil des kurkölnischen Herzogtums Westfalen. Während der Reformation setzten die Kölner Erzbischöfe die Beschlüsse des Konzils von Trient streng um. Das Prinzip Cuius regio, eius religio (Wessen Land, dessen Religion) sorgte dafür, dass die Bevölkerung geschlossen katholisch blieb.
Evangelisches Leben existierte schlichtweg nicht.
Erst mit dem Ende des Alten Reiches und dem Übergang des Sauerlandes an das Königreich Preußen im Jahr 1816 änderte sich die demografische Landkarte. Mit den neuen preußischen Beamten, Soldaten und Verwaltungsangestellten kamen die ersten Protestanten in die Region.
Der wahre Motor für den Zuwachs der evangelischen Gemeinde war jedoch nicht die Politik, sondern die Wirtschaft.
Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert verwandelte das agrarisch geprägte Sauerland – und insbesondere das Ruhrtal um Neheim und Hüsten – in ein Zentrum der Metall- und Leuchtenindustrie. Fabriken brauchten Fachkräfte. Viele Meister und Arbeiter wanderten aus den protestantischen Regionen Westfalens und Sachsens zu.Die wachsende Zahl an Protestanten forderte eigene Strukturen.
Für die zugezogenen Protestanten war das Leben im Sauerland anfangs von Isolation geprägt. Sie lebten in der „Diaspora“ – als Minderheit verstreut unter einer katholischen Mehrheit.
Der Alltag war von tiefem Misstrauen bestimmt. Katholiken und Protestanten blieben unter sich. Es gab getrennte Schulen, getrennte Vereine und strikte Heiratsverbote zwischen den Konfessionen. Eine „Mischehe“ galt in beiden Lagern oft als familiäre Katastrophe. Die katholische Kirche wachte eifersüchtig über ihre Schäfchen, während die evangelische Minderheit ihre Identität durch preußische Pflichterfüllung und ein starkes Gemeindeleben definierte.
Die harten Konfessionsgrenzen begannen erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu schmelzen. Der Zustrom von Millionen Heimatvertriebenen aus den Ostgebieten – darunter viele Protestanten – veränderte die Demografie des Sauerlandes nachhaltig. Die schiere Notwiederaufbauzeit erzwang pragmatische Lösungen.
Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) leitete schließlich auch auf theologischer Ebene die Wende ein. Der Geist der Ökumene zog im Sauerland ein. Aus dem misstrauischen Nebeneinander wurde schrittweise ein respektvolles Miteinander. Wenn die Christuskirche in Neheim heute ihre Glocken läutet, ist das kein Signal der Abgrenzung mehr, sondern ein Teil der gemeinsamen christlichen Identität der Stadt. Das „Evangelische im katholischen Sauerland“ hat sich von einer fremden, preußisch importierten Minderheit zu einem festen, bereichernden Bestandteil der regionalen Kultur entwickelt. Die Kirche von 1872 erzählt die Erfolgsgeschichte einer Integration, die durch Arbeit, Geduld und den schrittweisen Abbau von Vorurteilen gelang.
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Martin Luther: Schriften I–IV. Herausgegeben von Thomas Kaufmann und Albrecht Beutel. I: Aufbruch der Reformation. 655 S., Fr. 88.–. II: Reformation der Frömmigkeit und Bibelauslegung. 424 S., Fr. 78.–. III: Kirche und Schule. 394 S., Fr. 78.–. IV: Christ und Welt. 360 S., Fr. 78.–. Verlag der Weltreligionen im Insel-Verlag (Suhrkamp), Berlin 2014/2015.

Weiterführend → Johann Sebastian Bachs Choralcantate Ein feste Burg ist unser Gott gilt als eines der monumentalsten und theologisch tiefgründigsten Werke der barocken Kirchenmusik. Bach komponierte die endgültige Fassung der Kantate in Leipzig (um 1730) speziell für den Reformationstag. Während Luthers Lied bereits die textliche Basis lieferte, goss Bach den protestantischen Kernkonflikt – den Kampf des Glaubens gegen das Böse – in eine monumentale barocke Klangarchitektur. Vor allem der komplexe, kontrapunktische Eingangschor spiegelt die theologische Unerschütterlichkeit wider, die für die protestantische Konfessionsbildung prägend war. Bachs Kantate verlieh diesem Anspruch die orchestrale und chorische Wucht. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert half das Werk den deutschen Protestanten, sich eine kulturelle Abgrenzung und ein historisches Selbstbewusstsein aufzubauen
→ Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.
→ Die Online-Publikation Schmieds Katze ist als Mosaik aus Erinnerungen, Gedanken, Informationen angelegt, es wird im Lauf der Zeit zu einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 – in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Es ist ein stetig wachsendes Rhizom aus echten Lebensgeschichten, fiktionalen Nebenwegen sowie autosoziobiographischer Analyse. Im Lauf des mythopoetischen Erzählmosaiks wird in 1001 Vertellstückskers das Leben in 5760 Neheim rekonstruiert.