Johann Sebastian Bachs Choralcantate „Ein feste Burg ist unser Gott“ gilt als eines der monumentalsten und theologisch tiefgründigsten Werke der barocken Kirchenmusik.

Komponiert für den Reformationstag, verbindet diese Kantate Martin Luthers kämpferischen protestantischen Choral mit Bachs hochentwickelter polyphoner Satzkunst. Das Werk spiegelt nicht nur den theologischen Kern der Reformation wider, sondern zeigt auch Bachs Genialität, existenzielle Glaubenskonflikte in eine musikalische Architektur von überwältigender Kraft zu gießen.
Die Entstehungsgeschichte der Kantate ist komplex und durchlief mehrere Stufen. Die Wurzeln des Werkes liegen in Weimar, wo Bach 1715 zum Sonntag Oculi die heute in ihrer Urform verlorene Kantate „Alles, was von Gott geboren“ (BWV 80a) nach einem Text von Salomo Franck komponierte. Jahre später, vermutlich um 1724 oder 1730 in Leipzig, arbeitete Bach dieses Werk grundlegend um. Er passte den Text an den Reformationstag an und wob Luthers vierspätigen Choral als tragendes Fundament ein. Die heute bekannteste Fassung mit den gewaltigen Trompeten- und Paukenstimmen im Eröffnungschor stammt allerdings nicht von Bach selbst, sondern wurde nach seinem Tod von seinem Sohn Wilhelm Friedemann Bach hinzugefügt, was dem Werk eine zusätzliche, fast triumphale Pracht verleiht.
Der monumentale Eröffnungschor bildet das unbestrittene Herzstück der Kantate und demonstriert Bachs kontrapunktische Meisterschaft auf höchstem Niveau. Es handelt sich um eine weiträumige Choralmotette, in der die Instrumente und die vier Singstimmen ein dichtes, fugiertes Geflecht weben. Bach nutzt hier die Technik des Canons: Die originale Melodie Luthers wird von den Oboen und im Bass vom Continuo in langen Notenwerten als Cantus firmus vorgetragen. Diese musikalische Struktur ist kein reiner Selbstzweck, sondern transportiert eine tiefe theologische Symbolik. Die streng geführte, unerschütterliche Choralmelodie bildet das architektonische Fundament des Satzes – sie wird zur hörbaren „festen Burg“, die den stürmischen, polyphonen Rufen der anderen Stimmen Halt und Sicherheit bietet.
Im weiteren Verlauf entfaltet die Kantate ein dramatisches Wechselspiel zwischen menschlicher Schwachheit und göttlichem Schutz. Franck textet in den Rezitativen und Arien über den ständigen Kampf der Seele gegen das Böse und die Sünde. Musikalisch wird dies durch schroffe Kontraste und chromatische Reibungen spürbar. Ein besonderer Höhepunkt ist der fünfte Satz, ein Choralsatz im Sechs-Achtel-Takt. Hier singt der gesamte Chor die dritte Strophe des Liedes („Und wenn die Welt voll Teufel wär“) im Unisono. Diese Einstimmigkeit des Chores wirkt wie eine geschlossene, furchtlose Gemeinschaft, während das Orchester um sie herum in wilden, fast chaotischen Sechzehntel-Bewegungen das Toben der feindlichen Mächte imitiert. Der feste Glaube triumphiert rein akustisch über das Chaos.
Die Kantate schließt traditionell mit dem schlichten, vierstimmigen Reformationschoral. Die vierte Strophe „Das Wort sie sollen lassen stahn“ besiegelt das Werk mit einem Ausdruck des unerschütterlichen Vertrauens. Nach den komplexen polyphonen Kämpfen der vorherigen Sätze kehrt hier eine beruhigende, harmonische Ordnung ein, die den Hörer mit einem Gefühl der Gewissheit und des Trostes entlässt. „Ein feste Burg ist unser Gott“ (BWV 80) ist weit mehr als ein musikalisches Gelegenheitswerk zum Reformationstag. Es ist ein theologisches Drama in Tönen. Bach gelingt es, Luthers kämpferische und vertrauensvolle Theologie durch die Mittel des Barock zu verlebendigen. Die Kantate bleibt ein zeitloses Meisterwerk, das die existenzielle Suche des Menschen nach Halt in einer bedrohlichen Welt eindrucksvoll hörbar macht.
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Martin Luther: Schriften I–IV. Herausgegeben von Thomas Kaufmann und Albrecht Beutel. I: Aufbruch der Reformation. 655 S., Fr. 88.–. II: Reformation der Frömmigkeit und Bibelauslegung. 424 S., Fr. 78.–. III: Kirche und Schule. 394 S., Fr. 78.–. IV: Christ und Welt. 360 S., Fr. 78.–. Verlag der Weltreligionen im Insel-Verlag (Suhrkamp), Berlin 2014/2015.

Weiterführend → Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.
→ Das Projekt „Schmieds Katze“ ist der Versuch einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Der Herausgeber trägt eine literatursoziologische Hypothese vor, welche der Versuch ist, das Leben im Sauerland in nicht-lineare Momente gliedert. Ergänzend dazu, erste Überlegungen zum Neologismus Vertellstückskers und dem Aussterben des Suerlands Platt.