„Ich kann mir nur vorstellen, etwas zu schreiben, wenn ich Spaß daran habe, und ich kann nur Spaß daran haben, wenn ich Interesse daran habe.“
Javier Marías

Obzwar die Ohren von Félin Murr permanent auf Empfang gestellt sind, lässt sich die Resonanz nicht verlässlich einschalten. Das Echo der Poesie erreicht nur die Absichtslosen…
Die Inspiration ist ein scheues Tier, darin ähnelt sie einer Katze. Auch eine Katze lässt sich nicht domestizieren. Die Domestikation ist ein komplexer Prozess, bei dem sich beide Parteien aneinander anpassen. Während Menschen Katzen bewusst auswählen und züchten, um sie zu Haustieren zu machen, scheinen Katzen selbst zu entscheiden, welche menschliche Gesellschaft sie eigentlich bevorzugen. So agiert auch Félin Murr. Eher ist sie es, die sich einen Menschen hält. Ein Mensch, der ihre einen warmen Unterschlupf bietet und regelmäßig eine Schale mit Milch und einen Napf für ihre Grundnahrung bereitstellt.
Ist das Sauerland ein schädlicher Raum, der im Dunkel des ungelebten Augenblicks steckenbleiben ist?
Zuweilen erscheint der Lüerwald für die Katze als eine unvergängliche Welt, in der sich das Subjekt, schwankend zwischen Kühlheit des Ausdrucks und Verletzlichkeit, als Echoraum von Stilen und Stimmen erweist. Félin Murr fängt diesen Stillstand nicht als Chronistin ab, sondern als Seismograph. Ihre Ohren, im Sauerland neu justiert, registrieren das Verstummen nicht als Mangel, sondern als die Ur-Form eines Lautes. Hier, im Halbdunkel des Waldes, vollzieht sich der erste Umschlag: Das tierische Schweigen wird zur akustischen Grenze, an der die Sprache, die eben noch vom Aussterben bedroht war, sich neu entzündet.
Der Atem fängt den Geruch des kommenden Schnees auf; das Auge fixiert das Auge der Kuh. Im Rachen formt sich der Laut – rauh, guttural, dem Boden abgelauscht. Das gesprochene Wort ist der flüchtige Abdruck dieses Moments, so vergänglich wie der Atem im kalten Stall.
Man geht nicht durch den Lüerwald, man wird von ihm gelesen. Wenn der Herbst sich neigt, liegt ein spezifischer Geruch in der Luft – jenes prekäre Aroma, das dem ersten Schnee um Minuten vorausgeht. Es ist das Parfum der Transformation, die Poesie des Übergangs. Im Sauerland füllt der Frost die Lungen mit Vokabeln. Dieser Geruch lässt sich nicht deklinieren, er lässt sich nur einatmen. Er dringt in die Poren der Beobachterin wie Tinte in unbeschriebenes Löschpapier. Das Kreatürliche ist hier kein Zustand mehr, sondern eine Invasion der Sinne.
Im geschriebenen Wort des Sauerländer Dialekts küssen sich die Natur und das Denken ein letztes Mal, bevor der Schnee alles mit einer weißen Decke des Schweigens überzieht.
Das Vertellstücksker ist die endgültige registerscharfe Fixierung. Indem der Laut zu Papier gebracht wird, stirbt die Unmittelbarkeit des Augenblicks, doch die Poesie des Geruchs wird gerettet. Die aussterbende Sprache erfährt ihre Auferstehung im Bleisatz. Was als kreatürlicher Reiz begann, endet als erstarrte, ewige Architektur des Buchstabens. Ein Mosaik besteht aus Scherben. Die Katze kittet die Sprache nicht wieder zu einem vermeintlich Ganzem zusammen. Sie bewahrt die Bruchstücke als Bruchstücke. Das Vertellstücksker wird bei ihr zu einer Beute, die sie im Licht der Gegenwart ablegt – zerkaut, fragmentiert, aber unübersehbar da.
„Herkunft ist Zugehörigkeit, zu der man nichts beigesteuert hat.“
Saša Stanišić
Das Gegenteil der Sinnlosigkeit finden Natural Born Neheimer in unverbrauchten Wendungen. Es geht um die anthropologische Erforschung einer Kleinstadt und ihrer Menschen. Es geht inter der Arbeit um die Erforschung von Bräuchen, Ritualen, Feste, Musik, Kunst und anderen kulturellen Ausdrucksformen, wie zu Zeiten des Advents. Diese Untersuchung hat etwas regelrecht systematisches, dies aber auf eine elegante, zwanglose Weise. Die Katze hat die Menschen durchschaut, das Jonglieren mit Fakten, Erinnerungen und Imaginationen bereitet nur den Wirklichkeitskrämern eine Freude. Wer versucht Kunst zu erklären, der lügt sich in die Tasche, Interpreten täuschen lediglich vor, dem Publikum erzählerisch die Grenzen zwischen Realität und Fiktion erklären zu können. Der Sinn und Wert eines Kunstwerks ist von der individuellen Wahrnehmung und Interpretation des Betrachters, Lesers oder Hörers abhängig. Was bliebt ist eine schöpferische Wahrnehmung der Welt. Damit lässt sich etwas anfangen.
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Weiterführend → Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.
→ Die Online-Publikation Schmieds Katze ist als Mosaik aus Erinnerungen, Gedanken, Informationen angelegt, es wird im Lauf der Zeit zu einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 – in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Es ist ein stetig wachsendes Rhizom aus echten Lebensgeschichten, fiktionalen Nebenwegen sowie autosoziobiographischer Analyse. Im Lauf des mythopoetischen Erzählmosaiks wird in 1001 Vertellstückskers das Leben in 5760 Neheim rekonstruiert.