Erkundung des Möglichkeitsraums

Jede vermeintliche Gewissheit trifft in 5760 Neheim auf ein aufgeklärtes Individuum. Jede Frage sollte daher gestellt werden.undung des Möglichkeitsraums

Martin Vanselow dokumentiert, wie sich Pop-Art und autosoziobiografisches Schreiben die Strategie teilen, Alltags- und Massenkultur – Werbung, Konsumgüter, lokale Bildwelten – weder zu verklären noch rein abzuwerten, sondern als Material für Distanz, Ironie und soziologische Selbstreflexion zu nutzen.

Wer die Wirklichkeit der Gegenwart vermessen will, darf nicht mehr in den Elfenbeinturm steigen. Er muss das Gerüst besteigen, das die bröckelnde Fassade des Ichs absichert. Das moderne Subjekt ist auch im Hinterland kein festes Gebäude mehr, sondern eine Dauerbaustelle, auf der die Trümmer der eigenen Biografie täglich neu sortiert werden müssen. Wenn die Realität des 21. Jahrhunderts in ihrer Brutalität überhandnimmt, reicht das bloße Erfinden nicht mehr aus. Das Ich greift zum Hardcore-Realismus wie der Maurer zum Rohbeton, nicht aus ästhetischer Vorliebe, sondern weil kein anderes Material dem Druck der Verhältnisse standhält.

Das ´Autosoziobiografisches Schreiben` ist in der neheimischen Stadtlandschaft kein modisches Versteckspiel, sondern die Notwehr eines Bewusstseins, das sich selbst beim Einsturz zusehen muss, um überhaupt noch etwas zu spüren.

Das ´Autosoziobiografisches Schreiben` ist der Treibstoff einer erschöpften Epoche. Wo früher metaphysische Systeme die Fortbewegung garantierten, zapft der Autor heute die eigenen Adern an. Autofiktion ist die Zapfsäule an der Autobahnauffahrt zur A 445. Man hält nur an, um das verbrauchte Selbst mit frischem Realismus aufzufüllen. Doch der Treibstoff ist hochentzündlich. Wer sich weigert, die Grenze zwischen Erlebtem und Erfundenem scharf zu ziehen, riskiert die Explosion des Erzählers. Autofiktion pumpt die Rohdaten der Existenz in den Text, aber erst die Autoreflexion zündet das Gemisch. Sie ist der Funke, der aus der bloßen Chronik eines Lebens eine brennende Erkenntnis macht. Ohne Reflexion bleibt die Autofiktion ein bloßer Narzissmus – Benzin, das ungenutzt auf den Asphalt an’ne Werlerstraße läuft.

Wer durch die Serpentinen im Land der 1000 Berge fährt, begreift, dass die Wahrheit dieser Landschaft nicht in ihrer Totalität liegt, sondern im Moment des Erscheinens und Verschwindens.

Die großen Wasserbecken der Region sind die Monumente des kollektiven Gedächtnisses. Unter der glatten Oberfläche des Möhnesees liegen versunkene Dörfer, alte Wege, Fundamente eines früheren Lebens. Das Erinnern gleicht dem Tauchgang in diese künstlichen Tiefen. Man bringt nur Bruchstücke herauf: eine rostige Klinke, das Bild einer alten Eiche, ein verwaschenes Wort. Das Erlebte ist längst überspült von den Erfordernissen der Nutzbarkeit, der Moderne. Im Schreiben versucht die Katze, den Pegel zu senken, doch das Reservoir füllt sich unaufhörlich nach, gespeist aus den Quellen des Alltags.

Das autosoziobiografische Schreiben des Hinterlands braucht keine soziologischen Fachbegriffe, weil es die Werkzeuge des Schmieds besitzt. Die Vertellstückskers funktionieren wie Bruchstücke von Schlacke, die beim Formen des eigenen Lebenslaufs abfallen.

Das Ich im 21. Jahrhundert steht permanent in der Auslage. Die sozialen Medien haben die Intimität verglasen lassen; alles ist einsehbar, alles finden in aller Öffentlichkeit statt, alles ist Ware. Der Hardcore-Realismus der modernen Literatur reagiert darauf, indem er die Scheibe zertrümmert. Er stellt das Ich nicht mehr im Sonntagsstaat aus, sondern in seiner nackten, oft beschämenden Unzulänglichkeit. Autofiktion ist hier das Ausstellungsstück, das seine eigenen Risse zeigt. Die Autoreflexion fungiert als der Spiegel im Hintergrund des Schaufensters: Sie zeigt dem Betrachter nicht nur das Objekt, sondern zwingt ihn, sich selbst beim Gaffen zuzusehen. In dieser Verflechtung wird das Intimste politisch.

Weg von der Fremdheitskonfrontation, hin zur Differenzerfahrung.

Neheim ist kein Friedhofsidyll der letzten Ruhe, sondern eine Werkstatt des Eigensinns. Das Ich reflektiert sich nicht mehr, um sich zu beruhigen, sondern um die Deformation sichtbar zu machen, die der Markt ihm eintätowiert hat. In 5760 Neheim geht es in den geplanten 1001 Vertellstückskers um die Rekonstruktion eines in sich geschlossenen Lebens. Das Sauerland bietet kein dekoratives Panorama, sondern ein Labyrinth aus verschlossenen Türen. Jede von ihnen wartet auf einen Schlüssel, den die Erinnerung erst noch schmieden muss.

Luther Blissett

***

La Honte (deutsch: Die Scham) von Annie Ernaux. Gallimard 1997

Rückkehr nach Reims von Didier Eribon, Verlag Fayard 2009

Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarr scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.

Weiterführend → Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.

Die Online-Publikation „Schmieds Katze“ wird im Lauf der Zeit zu einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 – in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Es ist ein stetig wachsendes Rhizom aus echten Lebensgeschichten, fiktionalen Nebenwegen sowie autosoziobiographischer Analyse. Im Lauf des mythopoetischen Erzählmosaiks wird in 1001 Vertellstückskers das Leben in 5760 Neheim rekonstruiert.