Lokaltermin

„Don’t judge a book by its cover“, lesen wir in George Eliots »Die Mühle am Floss«, einem Roman, der lange Zeit nur noch in einer schmucklosen Reclam-Ausgabe zu kaufen gibt.

Das Cover-Foto von Haimo Hieronymus für »Schmieds Katze« zeigt einen Pfeil, der den Weg zu einem Luftschutzkeller auf der Schwester Aichardastraße weist. Das Haus ist inzwischen renoviert worden, der Pfeil verschwand fast zeitglich mit dem Beginn des Einmarsches der Roten Armee in die Ukraine.

Félin, die Urururgroßnichte von Mina Murr, verfügt über die Bereitschaft, neues, ungesichertes Terrain zu begehen, mit ihrem ´Autosoziobiografischen Schreiben` betreibt sie Archäologie, gräbt aus und holt ans Licht. Im vollen Bewusstsein, welche Last die Worte für das Gefühl darstellen, gelingt Félin Murr eine Verbindung von Denken und Fühlen, von Vernunft und Sinnlichkeit in einem Erleben darzustellen, das solche Unterscheidungen für sich nicht zulässt. Mit hochartifiziellen Mitteln erzählt sie eine Geschichte, die zugleich durch ihre Unmittelbarkeit besticht. Die Katze schaut, hört, riecht, schmeckt und fühlt. Damit gerät im Grunde genommen fast alles in ihr Blickfeld. Sie wendet sich dem Alltag zu, den Örtlichkeiten, der Umgebung, dem Gefüge, in dem sich das Leben der Natural Born Neheimer abspielt. Dies führt Félin nicht zu einer idyllischen, idealisierten Darstellung des Sauerlands. Félin gelingt es dem Buch, die feinen, oft schmerzhaften Trennlinien zwischen den sozialen Milieus der Provinz offenzulegen. Sie thematisiert Herkunft nicht als Idylle, sondern als Prägung. Die Schrecken fehlen seit der Hexenverbrennung in Schmallenberg keineswegs und dem Brand des Strohdorfes in 1807 keineswegs. Auch die Narben, die Katholizismus, Industrialisierung und Sprengung des Möhnedamms auf der Seele hinterlassen haben, kommen lakonisch zur Sprache.

Alle Regeln sind außer Kraft gesetzt. „Schmieds Katze“ oszilliert zwischen Essay und Erzählung, zwischen Aphoristik und Beschreibung, es ist eine Form, die weder den Fluss der Gedanken und Analysen, noch die Illusion gefühlter Wirklichkeit jemals die Oberhand gewinnen lässt.

In „Schmieds Katze“ lesen wir Darlegungen aus einer Welt, welche die Lesenden nicht von vorneherein kennen und in die einzudringen Zeit kostet, diese Vertellstückskers sind detailliert und anschauliche Beobachtungen und Erfahrungen, die den Lesenden eine Terra incognita nahebringen. Das Buch ist ein literarisches Destillat des Sauerlandes, das der Herausgeber Johannes Schmidt mit der Präzision eines Ethno-Histo-Graphikers kuratiert hat. Die besondere Qualität dieser Ausgabe liegt in der Vermeidung von Heimatkitsch. Während viele Regionalbände in nostalgischer Verklärung erstarren, wählt der Herausgeber einen fast klinischen, aber zutiefst menschlichen Ansatz. Er ehrt das Unscheinbare: Die Texte heben jene sozialen Schichten und Alltagssituationen ins Licht, die in der offiziellen Geschichtsschreibung meist durch das Raster fallen. Der Herausgeber hat mit diesem Werk ein Denkmal für die „kleinen Leute“ und ihre großen Geschichten gesetzt. Es ist eine Einladung, den Blick für die Details vor der eigenen Haustür zu schärfen und die Provinz als einen Ort ernstzunehmen, an dem sich das ganze Drama der Existenz abspielt. Das Land der 1000 Berge ist sowohl eine Übergangslandschaft zwischen Ost und West, als auch eine vielgestaltige Landschaft, in der die Menschen leben.

Schmieds Katze wird heute, am Welttag des Buches, am 23. April 2025, ab 19:00 Uhr in der Stadtbibliothek Neheim vorgestellt. Wir hören eine Lesung aus den Buch, vorgetragen vom Schauspieler Kai Mönnich. Die Veranstaltung trägt den Titel „Heimat und die Zugehörigkeit zur Gesellschaft“. An der Podiumsdiskussion wirken mit:

Jutta Ludwig, Leiterin der Stadtbibliothek

Johannes Sander, LGA

Johannes Schmidt, Herausgeber von „Schmieds Katze“

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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Vertellstückskers im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarr scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.

Weiterführend → Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.

→ Die Online-Publikation Schmieds Katze ist als Mosaik aus Erinnerungen, Gedanken, Informationen angelegt, es wird im Lauf der Zeit zu einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 – in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Es ist ein stetig wachsendes Rhizom aus echten Lebensgeschichten, fiktionalen Nebenwegen sowie autosoziobiographischer Analyse. Im Lauf des mythopoetischen Erzählmosaiks wird in 1001 Vertellstückskers das Leben in 5760 Neheim rekonstruiert.