Drive-In-Kirche

Something is rotten im Kirchenstaat.

Dieses historische Dokument erinnert den Herausgeber daran, wie die Pfarrkirche Johannes Baptist den Anschluss an die Moderne verpasst hat. Eine Messe außerhalb der Kirchenmauern, unter freiem Himmel. Eine Andacht dort wo die Neheimer sind: Auf der Straße. Auf Plätzen. Man stelle sich nur einmal für einen kurzen Moment einen Geistlichen vor, der auf den Stufen der Pfarrkirche steht und die autofahrende Gemeinde segnet. Der Schutzheilige Christophorus hätte wahrscheinlich bewundernd auf diese Gemeinde geblickt.

Der Dokumentarfilm „Erlöse uns von dem Bösen“ ist ein US-amerikanischer Dokumentarfilm von Amy Berg aus dem Jahr 2006. Darin wird die Geschichte des katholischen Priesters Oliver O’Grady aus Kalifornien erzählt, dem sexueller Missbrauch von potentiell Hunderten von Kindern zwischen den späten 1970er und den frühen 1990er Jahren vorgeworfen wird. „Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich klein.“ 20 (in Worten: zwanzig) Jahre später legte das Erzbistum Paderborn dieser Tage eine Untersuchung mit dem Titel „Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung 1941-2002“ vor. In diesem 730 Seiten starken Dokument wird dokumentiert, wie sich Pastöre und andere Kirchenfunktionäre an Kindern vergangen haben. Insgesamt wurden 210 Beschuldigte und 489 Betroffene identifiziert, was fast doppelt so viele Fälle darstellt wie in früheren Berichten dokumentiert.

Wie der Titel des Erzbistums Paderborn besagt, es ist „ Eine historische Untersuchung 1941-2002“. Mögen Gottes Mühlen schneller mahlen, damit nicht wieder 20 Jahre ins Land gehen und Unrecht ungesühnt bleibt.

Diese Studie legt „Vertuschungsspiralen“ offen: Vorwürfe wurden ignoriert, Täter ohne Information versetzt, Opfer zum Schweigen gedrängt. Bischöfe und Aufseher priorisierten den institutionellen Ruf statt Opferschutz; Reue reichte für Wiedereinsetzung. Das klerikale Milieu und defizitäres Kirchenrecht ermöglichten die Taten im Erzbistums Paderborn jahrzehntelang. Die Bistumsleitung unter den Erzbischöfen Jaeger und Degenhardt hat die Täter geschützt, nicht die Opfer!

Zentral sind zudem unkontrollierte Priesterversetzungen ohne Warnung der Gemeinden. Auch im Hochsauerlandkreis gab es Täter. Bedauerlicherweise ist in den meisten Fällen – im wahrsten Sinne des Ortes – Gras darüber gewachsen ist, sodass keiner dieser Täter vor einen Richter treten muss. Es sei denn, man glaubt daran, dass sich „Am Tag des jüngsten Gerichts sich die Gräber auftun“ werden, die Toten wieder auferstehen und gerichtet werden.

Der aktuelle Erzbischof des Bistums, Udo Markus Bentz, hat den Anstand besessen hat, sich in aller Form zu entschuldigen: „Für das Leid, das Menschen im Raum unserer Kirche erfahren haben, für das Versagen von Verantwortlichen und für das zusätzliche Leid durch Schweigen, Wegsehen und Nichtglauben bitte ich um Verzeihung.“

Was aber, so darf kritisch hinterfragt werden, war vor 1941 – und damit ist nicht eine andere Glaubensrichtung gemeint, die ab dem 30. Januar 1933 Deutschland in den Abgrund führte… Blicken wir für einen Wimpernschlag in der Erdgeschichte zurück, so sind bereits seit dem 2. Jahrhundert (nach Christi Geburt), also neuerer Zeitrechnung, sexuelle Übergriffe in der katholischen Kirche bekannt. Schon Tertullian (um 200 n. Chr.) nannte die Frau „porta diaboli“ – das Tor des Teufels. Eva sei schuld am Sündenfall, daher seien alle Frauen von Natur aus verführerisch und unterlegen. Augustinus und Thomas von Aquin („femina est mas occasionatus“ – die Frau ist ein verfehlter Mann) zementierten diese Sicht in der Scholastik: Frauen gelten als emotional, körperlich und intellektuell defizitär. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) brachte rhetorische Öffnung („Gaudium et spes“), doch die Praxis blieb: Frauen dürfen weder Priester noch Bischöfe werden. Johannes Paul II. erklärte 1994 in „Ordinatio Sacerdotalis“ die männliche Priesterweihe für „unwiderruflich“. Papst Franziskus bekräftigte dies 2023 – Frauen bleiben Diakoninnen verwehrt, obwohl historische Belege für weibliche Diakone existieren.

Bis 1966 durften Katholikinnen in der römisch-katholischen Kirche aus theologischen und gesellschaftlichen Gründen nur katholische Partner heiraten.

Bis ins 20. Jahrhundert schrieb die katholische Kirche vor, wen man heiraten durfte. Dabei ging  vordergründig um den „Schutz des Glaubens“. Dahinter verbarg sich jedoch eine tief sitzende Misogynie, die das Schlafzimmer zum politischen Raum machte. Die Frau wurde in diesem System als die „Hüterin der Wiege“ instrumentalisiert. Das Verbot der Mischehe diente dazu, sicherzustellen, dass die Reproduktionskraft der Frau ausschließlich der katholischen Demografie zugutekam. Die Bestimmung der Ehepartner war untrennbar mit dem Verbot von Verhütungsmitteln verknüpft. Indem die Kirche vorschrieb, dass nur Katholiken einander heiraten sollten, sicherte sie sich die Kontrolle über die nächste Generation. Das Schlafzimmer wurde zum Ort einer „heiligen Produktion“, in der die Autonomie der Frau über ihren eigenen Körper der institutionellen Selbsterhaltung untergeordnet wurde. Die katholische Kirche lehrt, dass die Ehe ein Sakrament ist, das in einem einheitlichen Glaubenskontext gelebte werden sollte. Eine Ehe zwischen einem Katholiken und einem Nicht-Katholiken könnte als potenzielle Gefährdung des Glaubens und der religiösen Praxis angesehen werden. Um die katholische Lehre und die religiösen Prinzipien zu schützen, sah die Kirche vor, dass die Partner denselben Glauben teilen sollten, um Konflikte und Spannungen zu vermeiden, die aus unterschiedlichen Glaubensüberzeugungen entstehen könnten.

Im Jahr 1966 erließ die katholische Kirche das „Interracia Gestorum“ (Ehe zwischen Unterschiedlichen), das es Katholiken ermöglichte, unter bestimmten Bedingungen auch mit Nicht-Katholiken zu heiraten, wenn ein besonderer Zugang zu einem Priester erfolgt und die Glaubenswahrung sowie die Erziehung von Kindern thematisiert wurden. Damit bleibt der patriarchale Anspruch auf die Deutungshoheit über Sexualität blieb. Die katholische Kirche betrachtete die weibliche Sexualität nicht als Ausdruck von Freiheit, sondern als eine Funktion, die innerhalb strenger, konfessioneller Grenzen kanalisiert werden musste.

Der Kern der kirchlichen Logik bliebt, die Ehe ist kein privates Glück, sondern ein sakraler Herrschaftsraum.

Frauen wurden innerhalb der Institution oft auf ihre Rolle als Mütter und Ehefrauen reduziert, während sie in der Hierarchie der Kirche keine Machtpositionen einnehmen konnten. Diese patriarchale Struktur fördert nicht nur eine Abwertung von Frauen, sondern schafft auch ein Klima, in dem Übergriffe und Missbrauch so gut wie ungestraft bleiben. Diese Misogynie ist strukturell: Das Kirchenrecht (Codex Iuris Canonici 1983) definiert die Kirche als hierarchische, klerikale Pyramide, an deren Spitze nur Männer stehen. Frauen sind auf „komplementäre Rollen“ (Mutter, Nonne, Helferin) verwiesen.

Der Kern der kirchlichen Logik bliebt, die Ehe ist kein privates Glück, sondern ein sakraler Herrschaftsraum.

Das Buch „Die ignorierten Frauen der Bibel“ von Annette Jantzen legt den Finger in eine tiefe Wunde der kirchlichen Tradition: die strukturelle Unsichtbarkeit von Frauen in der Liturgie. Indem die Leseordnung (das Lektionar) weibliche Biografien systematisch ausspart oder auf Rollen wie die der Sünderin oder der dienenden Statistin reduziert, entsteht ein verzerrtes Bild der biblischen Heilsgeschichte. Jantzens Arbeit macht deutlich, dass das Auslassen dieser Texte nicht nur eine statistische Lücke ist, sondern die theologische Wahrnehmung von Autorität und geistlicher Relevanz von Frauen bis heute massiv beeinflusst.

Die zentrale These von Annette Jantzen ist, dass die kirchliche Leseordnung den Wahrnehmungsrahmen für biblische Erzählungen stark beeinflusst und damit auch das offizielle katholische Frauenbild prägt. Der Leser wird durch Jantzens Argumentation geführt, die aufzeigt, wie systematisch das weibliche Element aus den liturgischen Lesungen und damit aus der kirchlichen Praxis ausgeschlossen wird.

Die katholische Kirche hat über die Jahre eine ´Leseordnung` etabliert, die entscheidend dafür ist, welche Texte während des Gottesdienstes gelesen werden. Jantzen argumentiert, dass nur etwa ein Drittel der biblischen Frauen in diesen Lesungen enthalten ist. Diese Selektion ist nicht zufällig, sondern spiegelt tief verwurzelte patriarchale Strukturen innerhalb der kirchlichen Institution wider.

Im Alten Testament gibt es mehr als 60 Frauen, denen eine eigene Geschichte oder nennenswerte Erwähnung gewidmet wird.

Durch die Auswahl, die oft auch starke Kürzungen der Texte zur Folge hat, werden viele bedeutende Aspekte weiblicher Geschichten ausgeblendet. Erzählungen von Frauen wie Jael, Tamar oder den Müttern Jesu, die komplexe und bedeutende Rollen in der biblischen Geschichte spielen, bleiben weitgehend ungehört. Ihre Beiträge zur Heilsgeschichte werden minimiert oder gar ignoriert, was zu einem verzerrten Bild der Frau in der Kirchenliturgie führt.

In der ´Leseordnung` kommen nur etwa ein Drittel (je nach Zählung und Kontext rund 20 an Werktagen, an Sonntagen im Dreijahreszyklus sogar nur 2–3 Frauen mit nennenswerter Präsenz) in den gottesdienstlichen Lesungen überhaupt vor.

Jantzen hebt hervor, dass die Ignoranz nicht nur die Zahl der erkennbaren Frauen betrifft, sondern auch die Themen, die mit diesen Frauen verbunden sind. In den liturgischen Lesungen werden oft die emotionalen und spirituellen Dimensionen ihrer Geschichten elidiert. Geschichten von Leid, Mut, Widerstandskraft und Trauer werden zumeist nicht erzählt, wodurch ein eindimensionales und oft stereotypisches Bild von Frauen entsteht: als Fürsorgerinnen und Mütter. Ein Beispiel hierfür könnte Ruth sein. Ihre Geschichte wird in liturgischen Zusammenhängen stark verkürzt, während ihre Rolle als Urgroßmutter Davids und ihre wichtigen Entscheidungen, die zur Heilsgeschichte beitragen, oft im Schatten bleiben. Jantzen zeigt, wie diese selektive Lesart sowohl die Geschichte selbst als auch die Wahrnehmung der Frauen in der Kirche verzerrt.

Selbst wenn Frauen in der ´Leseordnung` vorkommen, werden ihre Erzählungen häufig stark gekürzt – oft fehlen entscheidende Sätze, Kontexte, tragische Wendungen oder selbstbestimmte Handlungen der Frauen, sodass die Geschichten entstellt oder ihres eigentlichen Gehalts beraubt wirken.

Die Selektivität in der biblischen Leseordnung reflektiert die traditionellen Geschlechterrollen, die in der katholischen Kirche vorherrschen. Das offizielle Frauenbild wird durch das Fehlen umfassender Erzählungen und alternative Perspektiven auf weibliche Erfahrungen verstärkt. Frauen gelten oft als untergeordnet, deren zentrale Rolle in der Heilsgeschichte nicht anerkannt wird. Jantzen fordert die Leserschaft dazu auf, diese traditionellen Narrative in Frage zu stellen und mehr Vielfalt und Tiefe in die liturgische Praxis einzubringen. Sie wendet sich an Theologen, Priester und Laien, um ihnen zu zeigen, dass die Integration dieser Geschichten nicht nur notwendig, sondern auch bereichernd für die gesamte Glaubensgemeinschaft wäre.

Durch die ´Leseordnung` entsteht ein verzerrtes Bild: Männliche Figuren erscheinen oft vollständiger und „glänzender“, während Frauen unsichtbar gemacht oder auf wenige stereotype Rollen reduziert werden.

Das Buch „Die ignorierten Frauen der Bibel“ von Annette Jantzen bietet einen tiefen Einblick in die strukturelle und thematische Marginalisierung von Frauen in der katholischen Liturgie. Ihre gründlichen Analysen und Argumente ermutigen zur Reflexion über die Notwendigkeit, ein umfassenderes und gerechteres Bild von Frauen in der biblischen Erzählung und der kirchlichen Praxis zu fördern. Durch die Wiederentdeckung und Anerkennung der Geschichten dieser „ignorierten Frauen“ kann nicht nur die Liturgie bereichert werden, sondern auch das Gesamtbild des Glaubens, das die katholische Kirche vermittelt.

Marienverehrung dient als Deckmantel: Die jungfräuliche, gehorsame Maria idealisiert weibliche Unterordnung.

Die Lehre der Kirche, die den Frauen die Gleichwertigkeit und Eigenständigkeit oft abspricht, führt dazu, dass weibliche Opfer von sexueller Gewalt häufig weniger Glauben geschenkt wird. Dies ist besonders bedenklich, da die duale Werteordnung, die Männer als Autoritäten und Frauen als Untergebene platziert, die Täter schützt und die Überlebenden weiter marginalisiert. Der Autor hat die sogenannte ´Hexenverfolgung` nicht vergessen, als misogyne Priester im Mittelalter bis zu bis 100.000 Frauen bei lebendigen Leib verbrannt haben.

Der Autor hat die sieben Kreuzzüge zwischen 1095 und dem 13. Jahrhundert nicht vergessen, in denen Millionen Menschen ihr Leben ließen; im Namen Gottes!

Der Autor hat die Konquistadoren nicht vergessen, die im 16. und 17. Jahrhunderts große Teile von Nord-, Mittel- und Südamerika sowie der Philippinen und anderen Inseln als Kolonien in Besitz nahmen unter dem Vorwand den so genannten Heiden den Glauben zu bringen, und dabei unter Zuhilfenahme von Viren und Schusswaffen die Bevölkerung bis auf ca. 10% der ursprünglichen Einwohnerzahl ausrotteten.

Der Autor hat den erbärmlichen Feigling Papst Pius XII nicht vergessen, der sehr gut informiert darüber war, dass die NAZIS systematisch und massenhaft Juden ermordeten.

Misogynie und Homophobie sind zwei Seiten derselben Medaille: eine patriarchale, klerikale Machtstruktur, die Sexualität kontrolliert, Frauen entmachtet und queere Menschen delegitimiert. Die Folge ist seit Jahrhunderten sichtbar – von den Hexenverfolgungen über die Unterdrückung der Frau im 19./20. Jahrhundert bis zu den globalen Missbrauchsskandalen. In Paderborn, wie in Köln, München oder den USA, zeigt sich: Wo Frauen keine Macht haben und Homosexualität tabu ist, blüht Vertuschung und Täterschutz.

Wer zur Hölle braucht im 21. Jahrhundert noch eine katholische Kirche, da es Abgesandte aus dem Vatikan erheblich besser schaffen, ihren Schutzbefohlenen, den Frauen und queeren Menschen das Fegefeuer auf Erden zu bereiten?

Wir wollen an dieser Stelle nicht den Fehler begehen, Homosexualität und Päderastentum in einen Topf zu werden. Die Methodik im Beschweigen der Sakrilegien die von Funktionsträgern der katholischen Kirche begangen worden sind, ähnelt sich jedoch.

Wie verrottet die katholische Institution ist, beschreibt auch Wolfgang Rothe aus dem Hoch-Sauerland-Kreis. Inzwischen als Priester in München tätig, deckt er die moralische Missstände in der katholischen Kirche schonungslos auf. Sein Buch „Missbrauchte Kirche“ ist eine tiefgreifende und schmerzhaft ehrliche Analyse der systemischen Missstände innerhalb der katholischen Kirche. Das Buch ist eine Mischung aus persönlichem Trauma-Bericht und systematischer Abrechnung. Rothe, der sich in den 2010er-Jahren als schwul geoutet hat und heute als einer der ersten offiziellen Queer-Seelsorger im Erzbistum München und Freising wirkt, macht deutlich, warum die katholische Kirche nicht nur Missbrauchsfälle vertuscht – sondern warum ihre Sexuallehre selbst eine der Hauptursachen dafür ist.

Rothe, selbst Priester und Kirchenrechtler, beschreibt den Missbrauch nicht als Anreihung von Einzelfällen, sondern als Folge verkrusteter Machtstrukturen. Er beleuchtet, wie Klerikalismus und das Beharren auf Traditionen ein Klima schaffen, in dem Täter geschützt und Opfer zum Schweigen gebracht werden

Im Zentrum steht Rothes eigene Geschichte: 2004 wurde er als Subregens des Priesterseminars St. Pölten Opfer eines versuchten sexuellen Übergriffs durch den damaligen Bischof Klaus Küng. Der Vorfall – verabreichtes Benzodiazepin, Machtmissbrauch in einer Situation der Schwäche – ist nur der dramatische Höhepunkt einer längeren Kette von Demütigungen: „Gay-Test“ im Kloster, Zwangsaufenthalt, Versuche, ihn zum Amtsverzicht zu drängen, und schließlich die Vertuschung. Rothe klagt nicht nur den Täter an, sondern das gesamte System, das solche Taten erst ermöglicht.

Besonders stark ist seine Auseinandersetzung mit der homophoben Grundstimmung im Klerus. Rothe legt dar, wie eine Kultur der Verleugnung und Doppelmoral den Boden für Machtmissbrauch bereitet.

Die offizielle Lehre – homosexuelle Neigung „objektiv ungeordnet“, homosexuelle Handlungen „intrinsisch schlecht“ (Katechismus 2357–2359) – schafft ein Klima der permanenten Verleugnung. Priester, die ihre Sexualität unterdrücken müssen, leben in einem permanenten Konflikt zwischen Amtseid und eigener Identität. Bischöfe und Kardinäle, die öffentlich gegen „Gender-Ideologie“ wettern und privat ihre eigenen Neigungen ausleben oder unterdrücken, sind kein Einzelfall. Rothe zeigt: Diese Doppelmoral produziert nicht nur individuelle Tragödien, sondern ein strukturelles Missbrauchssystem. Der Zölibat, kombiniert mit der Tabuisierung von Homosexualität, wird zum perfekten Nährboden für Machtmissbrauch, weil er gesunde Beziehungen verhindert und stattdessen Abhängigkeit und Geheimniskrämerei fördert.

Brisant ist die juristische Nachgeschichte: Bischof Küng klagte nicht gegen den Missbrauchsvorwurf, sondern dagegen, dass Rothe ihn als schwul outete. Die Gerichte (Wien 2021/2022) wiesen die Klage ab – mit der Begründung, dass die Homosexualität eines Bischofs im Kontext von Sexualmoral und Missbrauch öffentliches Interesse habe. Ein Gerichtsurteil, das die kirchliche Heuchelei unfreiwillig bestätigt: Homosexualität darf in der Kirche nicht einmal benannt werden, ohne dass es als „Vorwurf“ gilt.

Trotz der schweren Thematik ist das Buch flüssig und engagiert geschrieben. Es wirkt wie ein dringender Weckruf, der über die bloße Bestandsaufnahme hinausgeht und echte Reformen einfordert.

Rothe geht weiter. Er widerlegt die Behauptung, die Bibel sei homophob und fordert die Abschaffung des Zölibatszwangs, die Zulassung von Frauen und verheirateten Männern zum Priesteramt und vor allem eine ehrliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Liebe. Dass er selbst homosexuelle Paare segnet (schon bevor Papst Franziskus „Fiducia supplicans“ 2023 ermöglichte) und 2022 als erster Priester im Ornat beim Münchner CSD auftrat, ist konsequent. Das Buch ist keine bloße Anklage, sondern ein Plädoyer: „Ich will die Kirche nicht den moralistischen Ungeheuern überlassen.“

Für alle, die die Missbrauchsdebatte nicht nur als „ein paar schwarze Schafe“ verstehen wollen, sondern als systemisches Versagen einer homophoben und sexualfeindlichen Institution, ist dieses Buch Pflichtlektüre.

Wolfgang F. Rothe hat der Kirche einen Spiegel vorgehalten, den sie nicht sehen will. Wer verstehen möchte, warum die katholische Kirche trotz aller Aufarbeitungskommissionen und Synodaler Wege, neben der seit Jahrhunderten bekannten Misogynie, immer noch an struktureller Homophobie krankt und warum Missbrauch kein Zufall, sondern logische Folge ihrer Sexualmoral ist, sollte dieses Buch lesen. Es ist kein Abschied von der Kirche – sondern der verzweifelte, jedoch mutige Versuch, sie von innen zu retten.

Die Kirche könnte sich ändern – durch Frauenordination, Aufhebung des Zölibats, Anerkennung gleichgeschlechtlicher Liebe.

Doch solange die Lehre unverändert bleibt, bleiben Misogynie und strukturelle Homophobie nicht „historische Irrtümer“, sondern ein aktives System. Die gesamte Kirche hat die Pflicht, diese Wahrheit nicht nur anzuerkennen, sondern die Strukturen zu verändern, die sie seit Jahrhunderten ermöglichen. Andernfalls bleibt sie eine Institution, die Liebe predigt und Macht missbraucht.

Wer sich nach alledem und alledem dazu entscheidet, Mitglied einer Glaubensgemeinschaft bleiben zu wollen, kann nicht sagen, er habe von all dem nichts gewusst.

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Erlöse uns von dem Bösen (Originaltitel: Deliver Us from Evil), von Amy Berg, 2006 ist auf DvD erhältlich.

Die ignorierten Frauen der Bibel von Annette Jantzen. Herder Verlag 2026

Missbrauchte Kirche, von Wolfgang F. Rothe. Verlag Droemer, 2021

Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung 1941-2002. Herausgegeben vom Erzbistum Paderborn, 2026

Weiterführend Die Ergebnisse der Studie ´Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn` sind auf der Website der Universität Paderborn detailliert dokumentiert.

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