Eine frühe Form der Selbstsoziologisierung durch Fiktion

E.T.A. Hoffmann lässt in den „Lebens-Ansichten des Katers Murr“ ein Tier „sein“ Leben schreiben, um die gesellschaftlichen Bedingungen von Bildung, Künstlertum und bürgerlicher Existenz zu analysieren – und zugleich zu karikieren.

E.T.A. Hoffmann, Stich nach dem Selbstporträt, um 1800

Die „Lebens-Ansichten des Katers Murr“ sind ein satirischer Roman von E.T.A. Hoffmann, es handelt sich dabei um ein hochkomplexes, metafiktionales und satirisches Gebilde. Er besteht aus zwei ineinander verschränkten Texten: Der vollständigen, chronologisch geordneten „Autobiographie“ des Katers Murr, der sich als gebildeter, eitler, bildungsbeflissener „Autodidakt“ und Schriftsteller präsentiert. Den fragmentarischen, zufällig dazwischengeratenen Makulaturblättern einer Biographie des genialen, zerrissenen Kapellmeisters Johannes Kreisler (Hoffmanns literarisches Alter Ego). Die Fiktion lautet: Murr habe beim Schreiben seiner Lebensansichten eine gedruckte Biographie seines Herrn zerrissen und als Unterlage bzw. Löschpapier verwendet – der Drucker hat alles zusammen publiziert. Das Ergebnis ist ein kontrapunktisches (musikalisch inspirierter Begriff bei Hoffmann) Nebeneinander von zwei Lebensgeschichten, die thematisch und sozial gespiegelt werden.

Die Autosoziobiographie erhebt einen nicht-fiktionalen Anspruch auf die eigene Biografie. Hoffmann nutzt mit dem Kater Murr eine tierische Parodie, um das Bildungsbürgertum zu verspotten.

Die Parodie des Bildungsromans spiegelt Murrs „Entwicklung“ vom geretteten Kätzchen zum selbsternannten Literaten und „Mann von Welt“. Hoffmann parodiert damit den Goetheschen Wilhelm Meister. Er schildert seine Bildung, Liebschaften, studentischen Eskapaden (Katzen-Burschenschaft) und gesellschaftlichen Aufstieg – doch alles aus einer satirisch überhöhten, narzisstischen Perspektive. Der Kater verkörpert den bürgerlichen Philister, der gesellschaftliche Konventionen und kulturelle Prätentionen internalisiert hat. Damit wird die Idee individueller Selbstvervollkommnung ironisiert.

Durch Murrs naive oder selbstgefällige Beobachtungen der Menschenwelt (und seiner eigenen „Tierwelt“) entsteht eine scharfe Kritik an ständischer Gesellschaft, Bildungsbürgertum, Höfischem Intrigenspiel und künstlerischer Existenz unter prekären Bedingungen.

Im Murr begegnet der Leser einer Doppelperspektive sowie einer Metafiktion: Der Roman kombiniert zwei autobiographische Stimmen – die des selbstreflexiven Kater-Erzählers Murr und die fragmentarische Lebensdarstellung des Kapellmeisters Johannes Kreisler – und spielt damit systematisch mit Autorschaft, Textproduktion und Identität. Diese formale Selbstreflexion ist typisch für spätere auto(socio)biographische Verfahren, die Erzähler als konstruierte, sozial vernetzte Subjekte zeigen. Der Roman thematisiert permanent das Schreiben selbst – Vorworte, Herausgeberfiktion, Plagiat, Zitat, Persiflage. Autobiographisches Schreiben wird als konstruiert, unzuverlässig und sozial determiniert entlarvt. Murrs Text ist voll von Anspielungen auf zeitgenössische Literatur und Philosophie, die er halbverstanden nachplappert – eine implizite Soziologie des kulturellen Feldes.

Hoffmann verwebt realistisch wirkende biographische Details, satirische Gesellschaftsskizzen und phantastische Einfälle so, dass die Grenze zwischen dokumentarischem Bericht und literarischer Erfindung aufgehoben wird – ein Kennzeichen autosoziobiographischer Texte, die individuelles Leben in kollektive bzw. soziale Kontexte einbetten.

Sowohl Murr als auch Kreisler repräsentieren nicht nur individuelle Biographien, sondern soziale Rollen, Milieus und kulturelle Diskurse (z. B. Künstlerleben, Bürgertum, musikalische Welt). Damit wird Autobiographie nicht nur als private Erinnerung, sondern als Produkt sozialer Interaktion gedacht. Hoffmann nutzt ironische Brechungen und die Einbeziehung verschiedener Textsorten (Brief, Rezension, Tagebuchähnliches), was späteren autorreflexiven und soziobiographischen Formen, die Identität als relational und narrativ konstruiert auffassen, vorausläuft. Der Roman ist eine Strukturcollage. Murr nutzt die Manuskriptseiten der Biografie des Kapellmeisters Kreisler als Löschpapier, wodurch zwei völlig unterschiedliche Texte ineinanderfließen. Das ist ein Spiel mit der Form, keine soziologische Analyse. Die Wahl eines Katers als Ich-Erzähler erlaubt eine distanzierte, zugleich intime Betrachtung menschlicher Sozialstrukturen. Neuere Forschungen (z. B. aus den animal studies oder literary animal studies) lesen dies als kritische Spiegelung menschlicher Identitäts- und Milieubildung.

Formal und konzeptuell stellt der Kater Murr wichtige Elemente bereit – metatexuelle Reflexion, Vermischung von Fakt/Fiktion, Sozialität der Identität – die das Werk zu einem Vorläufer des autosoziobiographischen Erzählens machen.

Die Lebens-Ansichten des Katers Murr sind kein Vorläufer im engeren, gattungsgeschichtlichen Sinn – der Begriff und die spezifische soziologisch-kritische Ausrichtung sind deutlich jünger. Sie stellen jedoch einen brillanten, ironischen Prototyp dar: ein Werk, das autobiographisches Schreiben mit sozialer und kultureller Analyse verschränkt, Gattungskonventionen (Bildungsroman, Autobiographie) dekonstruiert und die gesellschaftliche Bedingtheit von Subjektivität und Kunst vorführt. In der romantischen Tradition der Selbstreflexion und Satire antizipiert Hoffmann damit Techniken, die im 20./21. Jahrhundert unter veränderten Vorzeichen (Soziologie, Klassenanalyse) wiederaufgenommen und ernsthafter gewendet wurden. Wer den Roman als „autosoziobiographisch“ liest, tut dies vor allem im übertragenen, erweiterten Sinn – als frühes Beispiel dafür, wie Literatur das eigene (oder ein fiktives) Leben nutzt, um gesellschaftliche Mechanismen sichtbar zu machen. Der Roman bleibt dabei eines der raffiniertesten und unterhaltsamsten Beispiele romantischer Metaliteratur – weit mehr als nur eine Vorstufe zu späteren Formen.

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Lebens-Ansichten des Katers Murr ist ein satirischer Roman von E.T.A. Hoffmann. Die beiden Bände erschienen 1819 und 1821.

Weiterführend → Ab dem 23. April wird sich Félin, die Urururgroßnichte von Mina Murr, nicht auf Makulaturblättern, sondern in dieser Online-Publikation zu Wort melden.

Bereits zum 150. Todestages gab die Deutsche Bundespost Berlin in 1972 eine Briefmarke zu 60 Pfennig heraus.

Ein Sonderpostwertzeichen ist auch zum 250. Geburtstag von E.T.A. Hoffmann geplant.

Das ´Autosoziobiografische Schreiben` lebt von der Verknüpfungskompetenz, die das Ganze des kulturellen Lebens überblickt. Lesen Sie dazu auch den Hinweis: „Zu den Quellen“.

Schmieds Katze wird am Welttag des Buches, am 23. April 2025, ab 19:00 Uhr in der Stadtbibliothek Neheim vorgestellt. Wir hören eine Lesung aus den Buch, vorgetragen vom Schauspieler Kai Mönnich. Die Veranstaltung trägt den Titel „Heimat und die Zugehörigkeit zur Gesellschaft“.