Ein Holzsteg über die Möhne

Der Holzsteg über die Möhne lädt Félin Murr dazu ein, sich für einen Moment der Kontemplation auf das Geländer zu legen, die Augen zu schließen, um dem Glucksen und Rauschen des Wassers zuzuhören… der Fluss wird zu einer Parabel auf den freien Willen… zuweilen gelingt diese Kontemplation… fast scheint es so, als würde die Möhne nicht nur unter dem Steg… sondern durch sie selbst hindurch fließen…

Martin Vandelow bezeugt, Holz hat ein niedriges spezifisches Gewicht und eignet es sich besonders gut für den Brückenbau.

Das Sauerland war einst karger Lieferant von Erz und Holz für die rauchenden Schlünde des Ruhrgebiets, es verbirgt seine Geschichte heute in allegorischen Fragmenten. Wer am Weinberg steht und den Blick über die Möhne gleiten lässt, erblickt eine hölzerne Brücke. Sie ist von betörender Schlichtheit, gefügt aus hellem Holz, das die industrielle Kälte der nahen Fabrikhallen bricht. Doch diese Brücke ist kein bloßer Nutzbau; sie ist eine dialektische Passage zwischen Gestern und Heute, ein materialisiertes Erinnerungsbild.

In der Architektur des Stegs überkreuzen sich zwei Epochen. Er verbindet das intime Wohngebiet mit der rationalisierten Zone der Produktion, das Private mit dem Kollektiven. In seiner handwerklichen Unschuld verweist er utopisch zurück auf jenen allerersten, mythischen Baumstamm, der einst im nahen Aupketal über das Wasser gelegt wurde. Jener Ur-Steg war der erste Eingriff des Menschen in die unberührte Natur – der Beginn der Technik. Walter Benjamin hätte hier vom „Ur-Bild“ einer Passage gesprochen, in dem sich die Vorgeschichte mit der Moderne verschränkt.

Holz, so lehrt uns die Physik, besitzt ein niedriges spezifisches Gewicht. Es trotzt der Schwerkraft mit einer Leichtigkeit, die dem schweren Eisen des Industriezeitalters abgeht. Während das Ruhrgebiet auf Stahl und Kohle baute – auf die tonnenschwere Last der Moderne –, bewahrt diese Brücke das Prinzip des Schwebens. Sie fügt sich elastisch in die Landschaft, statt sie zu unterwerfen. In ihrer Materialität liegt ein tiefes Vergessen und zugleich ein dialektisches Erwachen: Das weiche Holz des Sauerlands, das einst in den Bergwerken des Reviers als Grubenstempel die Erde stützte und im Dunkeln verrottete, tritt hier wieder ans Tageslicht. Es wird selbst zur Brücke, zur sichtbaren Schwelle.

Die Möhne fließt unter ihr hindurch wie der Strom der Zeit. Das Wasser flaniert unaufhaltsam, während die Holzkonstruktion als historisches Monument verharrt. Sie fungiert als eine Chiffre des Übergangs. Wenn der Wanderer den Steg betritt, vollzieht er nicht nur einen räumlichen Wechsel vom Feierabend zur Lohnarbeit. Er betritt einen geschichtsphilosophischen Raum, in dem die Naturgeschichte des Sauerlands und die Technikgeschichte des Ruhrgebiets in einer einzigen, ephemeren Konstellation aufblitzen.

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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Grünen Schilder mit gelber Schrift werden im Sauerland an Brücken angebracht, um Autofahrern, Radfahrern oder Fußgängern die Orientierung zu erleichtern.

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarr scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.

Weiterführend → Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.

Die Online-Publikation „Schmieds Katze“ wird im Lauf der Zeit zu einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 – in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Es ist ein stetig wachsendes Rhizom aus echten Lebensgeschichten, fiktionalen Nebenwegen sowie autosoziobiographischer Analyse. Im Lauf des mythopoetischen Erzählmosaiks wird in 1001 Vertellstückskers das Leben in 5760 Neheim rekonstruiert.

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