Die Lebens-Ansichten des Katers Murr von E.T.A. Hoffmann stellt die Textualität über die Realität. Der Roman konstituiert sich überhaupt erst durch das physische Übereinanderlegen und Zerschneiden von Texten. Damit nimmt der Kater Murr moderne und postmoderne Erzähltechniken (wie die Montage-Technik des 20. Jahrhunderts oder das Konzept der Intertextualität nach Julia Kristeva) um gut einhundert Jahre vorweg.

Im Jahr 2026 feiern wir den 250. Geburtstag von E.T.A. Hoffmann, einem der einflussreichsten Vertreter der deutschen Romantik, dessen Werke durch ihre fantasievolle Verschmelzung von Realität und Imagination, Alltag und Groteske geprägt sind. Besonders sein Roman „Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“ (1819–1821) steht als Meisterwerk der narrativen Experimentierfreudigkeit da. Hoffmann konstruiert hier eine abenteuerliche Verschränkung zweier Autobiografien: Die selbstgefällige, philisterhafte Lebensbeschreibung des Katers Murr wird durchsetzt mit Fragmenten der leidenschaftlichen, chaotischen Biografie des exzentrischen Komponisten Johannes Kreisler. Diese Makulaturblatt-Technik – als ob die Blätter zufällig vermischt worden wären – schafft eine polyphone Erzählung, die triviale Untiefen (wie die katzenhafte Eitelkeit Murrs) mit tieferer existentieller Unruhe verbindet.
E.T.A. Hoffmanns Roman-Collage ist geprägt von faszinierenden intertextuellen Verbindungen, und einer unerschütterlichen Leidenschaft für das Erzählen.
Die Erzählfreude Hoffmanns trägt den Leser über banale Episoden hinweg und enthüllt dabei die Absurdität des Lebens. Genau in diesem Geist setzt sich das Werk fort – nicht durch Hoffmann selbst, sondern durch das intertextuelle Wagnis des zeitgenössischen Herausgebers Johannes Schmidt in „Schmieds Katze“ (2025), einer Publikation, die die hoffmannsche Tradition aufgreift und in die Moderne überführt. Dieser Essay beleuchtet das kühne Unterfangen, indem er die strukturellen Parallelen, thematischen Verschränkungen und das Risiko der intertextuellen Aneignung analysiert.
Der Herausgeber Johannes Schmidt adaptiert das Prinzip der verschränkten Autobiografien. Wo Hoffmann das Genie und das Philistertum kontrastierte, nutzt Félin Murr die moderne Erzähllust, um die Absurditäten der Gegenwart einzufangen.
Um das Wagnis zu würdigen, muss man zunächst die Genialität von Kater Murr rekapitulieren. Hoffmann, der sich als ´Herausgeber` der vermeintlich gefundenen Manuskripte präsentiert, schafft eine metafiktionale Schichtung. Der Kater Murr, ein anthropomorpher Philister, diktiert seine Autobiografie in pompöser, selbstverliebter Manier, die von literarischen Klischees durchsetzt ist. Dazwischen irrlichtern die Fragmente von Kreislers Leben – einer Figur, die Hoffmanns eigenes Alter Ego widerspiegelt –, geprägt von Wahnsinn, Musik und romantischer Sehnsucht. Diese Verschränkung ist kein bloßer Zufall, sondern ein kalkuliertes Chaos: Sie parodiert die Autobiografie als Genre, kritisiert bürgerliche Selbstgefälligkeit und feiert die fragmentarische Natur der Existenz. Die „Erzähllust“, wie der Benutzer sie treffend nennt, trägt über „triviale Untiefen“ hinweg – Murrs banale Abenteuer wie Liebesintrigen oder Gesellschaftsrituale werden durch Kreislers innere Stürme kontrastiert, was eine dialektische Spannung erzeugt. Hoffmann wagt hier ein intertextuelles Spiel mit eigenen Werken (Kreisler taucht bereits in früheren Novellen auf) und literarischen Traditionen wie dem Tierroman oder der Künstlerbiografie. Das Risiko: Der Leser könnte in der Fragmentierung den Faden verlieren, doch gerade diese Unordnung macht den Roman zu einem Abenteuer der Lektüre.
Durch die Inszenierung als „Herausgeber“ tritt Schmidt in die Fußstapfen des Murr und lässt die Urururnicht von Mina Murr auftreten. Er schafft eine Meta-Ebene, die den Leser ständig zweifeln lässt, wo die Realität endet und die Fiktion beginnt.
Johannes Schmidt wendet sich in seiner Rolle als Herausgeber von „Schmieds Katze“ mit Félin Murr dem „autosoziobiografischen Erzählen“ zu. Der Titel selbst ist ein intertextueller Wink: „Schmidt“ leitet sich von „Schmied“ ab, und „Schmieds Katze“ evoziert den katzenhaften Erzähler Murr, als ob Schmidt mit Félin Murr eine neue, handwerkliche Variante des hoffmannschen Katers schüfe. Die Publikation, erschienen 2025 bei Edition Das Labor, kombiniert die gesammelten „Vertellstückskers“ des Herausgebers mit der Streetphotography von Martin Vanselow. Ähnlich wie Hoffmanns Makulaturblätter verschränkt Schmidt Texte und Bilder zu einer polyphonen Autobiografie: Persönliche Reflexionen über Alltag, Gesellschaft und Geschichte (z. B. das Ende der Diskothek ZERO in Bruchhausen oder die Windräder im Sauerland) werden mit visuellen Schnappschüssen aus dem Lokalen durchsetzt.
Wie Hoffmann schreckt auch Schmidt nicht vor Anleihen aus der Trivialliteratur zurück. Er nutzt sie jedoch als Sprungbrett, um tiefere philosophische oder gesellschaftskritische Fragen zu stellen. Die Katze fungiert auch hier als scharfzüngige Beobachterin einer oft irrationalen Menschenwelt.
Diese Konstruktion ist ein direkter Nachhall von Kater Murr. Schmidts „autosoziobiografisches Erzählen“ – eine Mischung aus Autobiografie, Soziologie und Fiktion – subvertiert künstlerische Erwartungen, indem es triviale Untiefen nicht scheut. Er zitiert Autoren wie Annie Ernaux, William Faulkner oder Oscar Wilde, um persönliche Scham, proletarische Wurzeln und die „Ungreifbarkeit des Unaussprechlichen“ zu thematisieren. Wie Murrs Eitelkeit kontrastiert mit Kreislers Leidenschaft, verschränkt Félin Murr das Banale (lokale Mythen, B-Movies, Popkultur) mit Tiefgründigem (soziale Ungleichheit, das Vermeiden romantischer Verklärung). Die Fotos von Vanselow fungieren als „visuelle Fragmente“, ähnlich den Kreisler-Einschüben, und schaffen eine abenteuerliche Erzählung, die den Leser/Betrachter über „triviale Untiefen“ hinwegträgt – etwa durch Reflexionen über Dokumentarfilme wie „Die Katzen vom Gokogu-Schrein„, die Realität priorisieren.
Die Verbindung zu „Schmieds Katze“ bietet eine interessante Fortsetzung der intertextuellen Dynamik, die Hoffmann in „Kater Murr“ etabliert. Während „Kater Murr“ oft als Spiel mit Identitäten und Perspektiven fungiert, vertieft Félin Murr die Fragestellungen um soziale Strukturen und die Rolle des Individuums innerhalb dieser.
Schmidts Unterfangen ist ein Wagnis, weil es Hoffmanns romantische Experimentierfreudigkeit in die Post-Post-Moderne überführt, ohne in bloße Imitation zu verfallen. Intertextuell gesehen setzt „Schmieds Katze“ den „Kater Murr“ fort, indem es die Verschränkung zweier „Autobiografien“ erneuert: Félin Murrs persönlich-soziale Narrative (die „Kater“-Perspektive des Alltagshelden) mit Vanselows visuellen Biografien des Lokalen (die „Kreisler“-Fragmente der ungezähmten Realität). Dieses Wagnis birgt Risiken: Die Gefahr der Trivialisierung, da der Fokus auf proletarischen Mythen und regionalen Anekdoten (z. B. das Sauerland als „kleines Stückchen Erde“) Hoffmanns fantastische Elemente entbehrt. Zudem könnte die digitale Form (Blog mit Paginierung) die hoffmannsche Fragmentierung in einer linearen Moderne auflösen, was den abenteuerlichen Charakter mildert. Dennoch gelingt Félin Murr eine zeitgemäße Erzähllust: Indem sie Klischees hinterfragt und das Leben nicht als kohärente Erzählung romantisieren will, trägt sie über Untiefen hinweg und macht das Triviale zum Portal des Tiefgründigen.
Die Verbindung zu „Schmieds Katze“ bietet eine interessante Fortsetzung der intertextuellen Dynamik, die Hoffmann in „Kater Murr“ etabliert. Während „Kater Murr“ oft als Spiel mit Identitäten und Perspektiven fungiert, vertieft „Schmieds Katze“ die Fragestellungen um soziale Strukturen und die Rolle des Individuums innerhalb dieser.
Das größte Wagnis liegt in der Rolle des „Herausgebers“: Wie Hoffmann, der die Fiktion als Fundstück tarnt, präsentiert Schmidt sich als Kurator eines autosoziobiografischen Mosaiks. Dies subvertiert das Autobiografische-Genre, indem es soziale Kontexte einwebt – eine Fortsetzung, die Hoffmanns Kritik an bürgerlicher Selbstgefälligkeit in proletarische Selbstreflexion wandelt. In Zeiten digitaler Fragmentierung (Blogs, Social Media) wird Schmidts Werk zu einem Kommentar auf die hoffmannsche Polyphonie: Das größte Wagnis liegt in der Rolle des „Herausgebers“: Wie Hoffmann, der die Fiktion als Fundstück tarnt, präsentiert Schmidt sich als Kurator eines autosoziobiografischen Mosaiks. Dies subvertiert das Autobiografische-Genre, indem es soziale Kontexte einwebt – eine Fortsetzung, die Hoffmanns Kritik an bürgerlicher Selbstgefälligkeit in proletarische Selbstreflexion wandelt. In Zeiten digitaler Fragmentierung (Blogs, Social Media) wird Schmidts Werk zu einem Kommentar auf die hoffmannsche Polyphonie: Es wagt, dass triviale Untiefen nicht nur ertragen, sondern feiert die Trivialmythen.
Der Herausgeber beweist mit diesem intertextuellen Wagnis, dass Hoffmanns Erbe nicht in einem Literatur-Museum verstaubt, sondern als lebendiger, waghalsiger Dialog fortbesteht.
Zum 250. Jubiläum Hoffmanns beweist „Schmieds Katze„, dass Kater Murr keine Reliquie ist, sondern ein lebendiges Modell für intertextuelle Experimente. Johannes Schmidts Wagnis – die Verschränkung von Text, Bild und autosoziobiografischem Erzählen – setzt die abenteuerliche Konstruktion fort und trägt die Erzähllust in eine Welt, wo Triviales und Tiefes untrennbar verschränkt sind. So bleibt Hoffmanns Erbe nicht nur erhalten, sondern erneuert sich in Félin, die Urururgroßnichte von Mina Murr, sowohl on- als auch offline. Das Erzählen geht weiter. Das Leben setzt keinen Atemzug aus.
Luther Blissett
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Lebens-Ansichten des Katers Murr ist ein satirischer Roman von E.T.A. Hoffmann. Die beiden Bände erschienen 1819 und 1821; in einer „Nachschrift“ wird ein dritter Band angekündigt, der jedoch nie erschienen ist. So besehen könnte man »Schmieds Katze« als dritten Band lesen;-)
Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Weiterführend → Das ´Autosoziobiografische Schreiben` lebt von der Verknüpfungskompetenz, die das Ganze des kulturellen Lebens überblickt. Lesen Sie dazu auch den ersten Hinweis: „Zu den Quellen“.
→ Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.
→ Das Projekt „Schmieds Katze“ ist eine Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Der Herausgeber trägt eine literatursoziologische Hypothese vor, die der Versuch ist, das Leben im Sauerland in nicht-lineare Momente zu gliedern. Ergänzend erste Überlegungen zum Neologismus Vertellstückskers und dem Aussterben des Suerlands Platt.