Die Flucht ins Archiv

Gedanken zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann: Warum der Literaturbetrieb lieber Geister beschwört.

Martin Vanselow betrachtet die Literatur in Neheim als eine Baustelle, die Fassadenhaftigkeit ist das Eigentliche.

Als Arthur Rimbaud im 19. Jahrhundert „Ich ist ein anderer“ proklamierte, war das ein heroischer Akt der literarischen Befreiung. Es war der Startschuss für die Moderne. Das Subjekt durfte sich spalten, durfte Masken tragen, um tiefer zu sich selbst vorzudringen. Ein Jahrhundert später feiert der Literaturbetrieb nun den 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann. Und man reist bereitwillig zum Gedenktagstourismus an die Gräber und Wirkungsstätten einer Ikone, die wie kaum eine andere für den Schmerz dieser inneren Selbstdefinition stand. Doch dieser rührende Kult um die Vergangenheit verdeckt eine fundamentale Kapitulation vor der Gegenwart.

Denn der hypermoderne Mensch hat Rimbauds visionären Satz längst in den Alltag integriert. Er muss nicht mehr mühsam nach Abspaltungen suchen; er weiß, dass er eine multiple Persönlichkeit ist. Um in einer hyperkomplexen, digitalisierten Welt überhaupt noch zu funktionieren, muss er die Fähigkeit besitzen, in mehreren Rollen gleichzeitig glaubwürdig „rüberzukommen“. Das Problem dabei: Die Masken, die sich auch die Natural Born Neheimer im digitalen Raum – auf Social-Media-Kanälen, in beruflichen Profilen, im täglichen ´Identitätsmanagement` – aufsetzen, sind kein Instrumentarium zur inneren Selbsterkenntnis mehr. Sie sind bloße Funktion. Reines Ausdrucksmittel. Fassade ohne Fundament.

An diesem Punkt bricht die eigentliche Krise der Literatur in Zeiten der Künstlichen Intelligenz (KI) aus. Wenn das Schreiben und Erschaffen von Masken zu einem rein technischen Prozess wird, verliert die traditionelle Literatur ihre Kernkompetenz. Große Sprachmodelle beherrschen das ´Rüberkommen perfekt. KI kann jeden Stil imitieren, jede literarische Maske fehlerfrei reproduzieren – doch dahinter liegt kein leidendes, suchendes „Ich“ mehr, sondern nur ein hochgradig effizienter Algorithmus. Passend dazu: Auf Bluesky veröffentlicht der Bot-Account „Ingebot Bachmann“ alle vier Stunden randomisierte Wortfetzen der Autorin.

Der aktuelle Bachmann-Boom ist das beste Beispiel für diese Verweigerungshaltung. Je lauter die Gegenwart nach einer neuen Ästhetik verlangt, desto tiefer gräbt sich der Betrieb im Archiv ein. Es ist kommerziell sicherer, intellektuell bequemer und emotional wohliger, eine historische Ikone zu kanonisieren, als sich der radikalen Frage zu stellen, was Autorenschaft überhaupt noch bedeutet. Bachmann dient dabei als Projektionsfläche für eine verlorene Sehnsucht, das Bedürfnis nach einem „echten“, analogen Ich, das noch existenziell unter seinen Masken gelitten hat, statt sie nur als Werkzeuge zu benutzen. Diese Historisierung ist ein gigantisches Ablenkungsmanöver.

Der Literaturbetrieb feiert die Vergangenheit, um der unübersichtlichen, fluiden Gegenwart auszuweichen. Wenn Literatur im Zeitalter der KI nicht zu einer bloßen Simulation historischer Stile verkommen will, sollte sie aufhören, sich im Gedenktagstourismus zu erschöpfen. Diese obsessive Historisierung ist der Offenbarungseid einer Branche. Der Betrieb feiert das Gestern, weil er vor dem Morgen zittert. Wenn Literatur im Zeitalter der KI nicht zu einer nostalgischen Simulation historischer Stile verkommen will, sollte sie diesen musealen Gedenktagstourismus beenden. Sie muss aufhören, die Toten zu streicheln, und anfangen, die leblose, maskenhafte Existenz des hypermodernen Menschen radikal zu sezieren. Vollzieht sie das nicht, bleibt von ihr selbst bald nur noch eine Maske übrig – die Fratze einer längst vergangenen, irrelevanten Epoche.

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