Am 24. Oktober 1986 erfolgte die Verkehrsfreigabe für den neu gebauten Tunnel unter dem Neheimer Marktplatz. Ein Rückblick in eine Zeit, in der der so genannte ´Individualverkehr`wichtiger war als das Individuum.

Die Redewendung „löchrig wie Schweizer Käse“ hat sich im Sprachgebrauch etabliert, sie bezieht sich insbesondere auf die Sorte ´Emmentaler`. Dieses Prinzip haben die Eidgenossen anscheinend auch auf ihr Land übertragen. Dies ist durchlöchert von einem Tunnelsystem. Darüber blüht weiterhin die heile Natur. Möglicherweise ist dieses Land ein Vorbild für Neheim, die den Verkehr auch in einem Tunnel unter der Marktplatte durchgeführt haben. Darüber blüht jedoch bestenfalls die lokale Marktwirtschaft.
„Beim Bau des Tunnels wurden bis zu 1,50 Meter starke Tunnelwände erstellt, die von einem Deckel aus Fertigteilen verschlossen wurde.“
Franz-Josef Leclaire in einem Heimatbundheft von 2008
In Neheim wurden nicht nur breite, autobahnähnliche Straßen in die Stadtlandschaft geschlagen, um die einzelnen Stadtteile miteinander zu verbinden, sondern ein Tunnel unter der Innenstadt installiert, um den Verkehr umzuleiten. Diese Innenstadtplanung erweist sich als die verhängnisvollste Verantwortungslosigkeit einer Architektur, die kommerzielle Interessen über die Lebensqualität der Bewohner stellt. Damit triumphierte die Ideologie der autogerechten Einkaufsstadt und eine sogenannten ´Funktionstrennung`: Wohnen und Arbeiten sollten säuberlich voneinander separiert, der Idee der gemischten Viertel mit Gewerbe, Geschäften und Wohnungen wurde unerbittlich abgeräumt um eine gegliederte und aufgelockerte Stadt zu schaffen.
„Ja, mach nur einen Plan!
Sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch ‘nen zweiten Plan
Gehn tun sie beide nicht.“
Bertolt Brecht
Nach dem Konzept der Stadtväter sollte sich Neheim als attraktive Einkaufsstadt mit einem breiten Angebot an Geschäften und Gastronomie präsentieren, die sich in einer lebendigen Fußgängerzone und den umliegenden Straßen befinden. Das Konzept der „Einkaufsstadt“ in Neheim fokussiert sich jedoch nicht nur auf den Einzelhandel, sondern auch die Bedeutung von Aufenthaltsqualität und Multifunktionalität für die Zukunft der Innenstadt. Nach Geschäftsschluss ist die Innenstadt so tot, wie der Zentralfriedhof von Wien. Mit seiner „Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens“ trifft Bertolt Brecht den Nagel in den Kopf. Die Welt ist zu komplex und hat sich von der der Vernunft der 5-Jahres-Pläne verabschiedet.
Für Aristoteles ist sie die herausragende Fähigkeit des Menschen, die ihn als vernunftbegabtes Tier definiert.
Die Fähigkeit, logisch zu denken, zu analysieren und zu urteilen, ist weiterhin unerlässlich, um diese Komplexität zu verstehen und zu bewältigen. Es gibt zwar ein wachsendes Misstrauen gegenüber der Vernunft und den traditionellen Erklärungen, aber das bedeutet nicht, dass die Vernunft selbst überholt ist oder aufgeben muss. Vielmehr sollte sich auch die lokalpolitische Vernunft den neuen Herausforderungen anpassen.
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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarr scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.
Weiterführend → Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.
→ Die Online-Publikation „Schmieds Katze“ wird im Lauf der Zeit zu einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 – in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Es ist ein stetig wachsendes Rhizom aus echten Lebensgeschichten, fiktionalen Nebenwegen sowie autosoziobiographischer Analyse. Im Lauf des mythopoetischen Erzählmosaiks wird in 1001 Vertellstückskers das Leben in 5760 Neheim rekonstruiert.