In 5760 Neheim, einer Kleinstadt im Sauerland, wird lokale Identität mit globalen Themen verknüpft. Die Poetik ist reflexiv, weil sie Kunst als Prozess darstellt – nicht als fertiges Produkt, sondern als fortwährende Auseinandersetzung mit dem Unbegreiflichen. Vanselows Fotos enthüllen die Konstruiertheit von Realität, die Vertellstückskers die Narrative dahinter.

Martin Vanselow, ein Fotograf aus dem Ruhrgebiet mit tiefen Wurzeln in Neheim, widmet sich in seiner Streetphotography der Erfassung flüchtiger Momente des urbanen und ländlichen Alltags. Sein Stil ist geprägt von einer Hommage an Ikonen wie Martin Parr, dessen dokumentarische Schärfe und ironische Distanz Vanselow in seinen Werken aufgreift. Vanselows Bilder sind oft in Schwarz-Weiß oder monochrom gehalten, was eine zeitlose Qualität erzeugt und den Fokus auf Komposition, Kontrast und menschliche Interaktion lenkt. Themen umfassen die Absurditäten des Alltags, kulturelle Ikonen und soziale Beobachtungen – etwa Katzen und Hunde in Venedig (CATS & DOGS), die den Kontrast zwischen Idylle und Chaos betonen, oder urbane Szenen aus New York 2008 (THE AMERICAN DREAM IS DEAD), die mit ihrer rauen Ästhetik Kritik an gesellschaftlichen Illusionen üben.
Die thematische Vielfalt auf „Schmieds Katze“ reicht von historischen Reflexionen (z. B. die ´Reichskristallnacht` und ihre Auswirkungen auf Neheim) über transkulturelle Perspektiven (Katzen als Symbol von der ägyptischen Bastet bis Hello Kitty) bis hin zu philosophischen Betrachtungen der Unbegreiflichkeit. In „Schmieds Katze“ erscheinen diese als glossierende oder essayistische Texte, die das Alltägliche mit dem Politischen verbinden. Der Stil von Félin Murr ist selbstreflexiv, sie thematisiert das Schreiben selbst, wie in der Frage, wann man das Leben selbst als frühe Form der Selbstsoziologisierung durch Fiktion könnte. Diese Stücke subvertieren Erwartungen an Kunst, indem sie das Banale zum Politischen erheben und den Leser zur Auseinandersetzung mit eigenen Vorurteilen zwingen.
Die Stärke von „Schmieds Katze“ liegt in der Interaktion zwischen Vanselows Fotografien und Murrs Vertellstückskers. Das Projekt, das sonn- und feiertags neue Inhalte veröffentlicht, folgt den „Spuren der Katze“ – einer Metapher für neugierige, unvorhersehbare Erkundung. Vanselow ein stiller Beobachter mit einem außergewöhnlichen Gespür für den „entscheidenden Augenblick“. Seine Stärke liegt in der Unmittelbarkeit: Er fängt das Unverfälschte ein, ohne die Szenerie durch seine Anwesenheit zu korrumpieren. In dem Gemeinschaftswerk „Schmieds Katze“ wird deutlich, dass Vanselow weit mehr als nur Dokumentarist ist – er ist ein visueller Geschichtenerzähler. Seine Bilder bieten visuelle Impulse, die Schmidts Texte erweitern: Ein Streetfoto aus Venedig könnte eine transkulturelle Reflexion über Katzen illustrieren, während Schmidts historische Stücke durch urbane Schnappschüsse an Aktualität gewinnen. Diese Symbiose ist selbstreflexiv, da das Projekt auch seine eigene Produktion thematisiert – etwa in Beiträgen über kollaborative Arbeitsprozesse (Diktat und Niederschrift) oder die Unaussprechlichkeit von Erfahrungen.
Bei „Schmieds Katze“ verschmelzen visuelle und narrative Elemente zu einer Form der Kunst, die das Leben auf dem Land kontinuierlich betrachtet und hinterfragt. Die Katze als zentrales Motiv – symbolisch für Unabhängigkeit, Mysterium und Alltagsbeobachtung – dient als Metapher für eine Poetik, die das Banale mit dem Historischen, das Persönliche mit dem Politischen verwebt. Murr und Vanselow nutzen ihre Medien, um die Realität nicht nur abzubilden, sondern sie reflexiv zu durchdringen. Die Fotografien fangen Momente ein, die die Erzählungen ergänzen und umgekehrt. In einer Zeit digitaler Fragmentierung bieten sie eine kohärente, ortsgebundene Kunstform, die das Persönliche politisiert und das Visuelle narrativiert. Ihr Werk lädt ein, den Alltag neu zu sehen – als Katze, die neugierig durch die Welt streift und Spuren hinterlässt, die zur Reflexion anregen. In Neheim entsteht so eine Poetik, die über das Lokale hinausweist und die Grenzen von Fotografie und Literatur auflöst.
Schmieds Katze verkörpert eine moderne, selbstreflexive Poetik, die durch die Streetphotography Martin Vanselows und die Vertellstückskers von Félin Murr eine einzigartige Tiefe gewinnt. Sein Blick ist dabei stets empathisch, nie voyeuristisch. Er zeigt den Menschen in seinem urbanen oder dörflichen Biotop und schafft so eine Authentizität, die perfekt mit Murrs harmoniert. Es ist diese Symbiose aus Bild und Wort, die „Schmieds Katze“ so besonders macht: Vanselows Bilder illustrieren nicht einfach nur, sie atmen. Er beherrscht die Kunst, das Besondere im Alltäglichen sichtbar zu machen und beweist damit, dass die beste Streetphotography dort entsteht, wo das Auge des Fotografen mit dem Herzen des Betrachters korrespondiert.
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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Weiterführend → Auf KUNO porträtierte Holger Benkel die Brüder Grimm. Einen Hinweis auf seine in der Edition Das Labor erschienen Essays finden Sie hier.
→ Die Vermessung des Sauerlands führt zur Verständnis des Ganzen. Ob Möhne oder Ruhr letztendlich sind alle und ALLES durchströmt von Flüssen… übersehen wir daher nicht den Hinweis und bewegen uns gegen den Strom… „Zu den Quellen“
→ Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.