Vertickende Zeit

Zuweilen hat es den Anschein als würde die Zeit im Hinterland langsamer vergehen… die Druckwelle der Ereignisse erst nach dem tektonischen Beben eintreffen… dass sie längst angekündigt hat.

Mit Martin Vanselow im Redaktionscafé sitzen und dem Verticken der Zeit nach… lauschen…

Manchmal lohnt es sich im Sauerland einen Stein herumzudrehen, es findet an der Unterseite Moos. Diese Entdeckung ist nicht einfach von der Hand zu weisen. Moose besiedeln das Sauerland seit Hunderten Millionen von Jahren. Dank einzigartiger biologischer Eigenschaften überleben sie Klimakatastrophen, Dürren und Permafrost. Moose haben langanhaltende Trockenperioden, das Artensterben der vergangenen 400 Millionen Jahre ebenso überlebt wie Klimakatastrophen und Vulkanausbrüche. Moose sind das zäheste Lebewesen im Sauerland. Im Kreislauf des Lebens werden sie wahrscheinlich noch leben, wenn sich die Menschheit einen neuen Planeten gesucht hat.

Wo die Metropole an ihrer eigenen Beschleunigung erstickt, kultiviert das Hinterland den Stillstand als Form des Widerstands. Es ist das exakte Gegenteil der Resignation: eine weigungsverweigernde Beharrlichkeit.

In den Wohnzimmern und Caféhäusern des Sauerlandes hat die Apokalypse kein Mandat. Wenn die Erde sich unaufhaltsam überhitzt, verblassen rein theoretische Debatten. Das Schlusswort kann deshalb kein Manifest mehr sein, sondern muss eine Praxis des Hinsehens sein. Die Natural Born Neheimer verhandeln nicht den Weltuntergang, sondern die Haltbarkeit der Dinge. Die Langeweile operiert als das graue Futtergewebe unseres Bewusstseins. In ihr zeichnen sich die Konturen des Alltags erst ab, so wie das Muster eines Stoffes erst im Gegenlicht sichtbar wird. Der Müßiggang ist hier kein Laster der Reichen, sondern das Privileg desjenigen, der die Uhr nicht als Peitsche versteht.

Es findet sich in 5760 Neheim kein Alarmismus, keine Apokalypsen und keine Anzeichen von Resignation.

Der Alarmismus der Großstädte ist der Versuch, die innere Leere durch äußeren Lärm zu übertönen. In 5760 Neheim dagegen blickt man der Leere ins Gesicht und bittet sie zu Tisch. Diese Langeweile ist produktiv: Sie ist der Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrütet. Geht sie verloren, schwindet mit ihr die Fähigkeit zuzuhören. Die Entschleunigung zwingt die Natural Born Neheimer zu einer veränderten Wahrnehmung. Wer lernt, dem Wachstum eines Baumes oder dem Schwinden eines Waldes in Langsamkeit zu folgen, verliert die Fähigkeit, diese Lebensgrundlagen weiterhin als bloße „Ressourcen“ zu betrachten. Was bleibt, ist das bloße, hohle Funktionieren. Der gepflegte Müßiggang an Möhne und Ruhr ist mithin die letzte Barriere gegen die totale Verwertung des Menschen.

Der Alarmismus der Großstädte ist der Versuch, die innere Leere durch äußeren Lärm zu übertönen.

Die Natural Born Neheimer leben gelassen mit dem Vorurteil, in ihrer Stadt habe die gepflegte Langeweile ein Zuhause gefunden. Zuweilen ist es angezeigt nichts zu tun… dem Verticken der Zeit nach… zu lauschen… und Moos anzusetzen…

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Im 21. Jahrhundert fungiert Nature Writing als ethisches Korrektiv, das die Sauerländer daran erinnert, dass sie nicht über der Natur stehen, sondern untrennbarer Teil von ihr sind. Die sprachliche Qualität liegt dabei in der Entschleunigung. Indem das schreibende Subjekt verweilt, wahrnimmt und empfindet, bricht es die technokratische Sicht auf die Welt auf. Von daher changiert der Herausgeber zwischen Henry David Thoreau und Hermann Löns. Sein Tätigkeit ist die eines Chronisten, der angesichts der Ungeheuerlichkeiten dessen, was er im Neheim hört und sieht, darauf achten muss, dass seine Worte wahr sind und er das Chaos des Denkens in den Dienst für die Klarheit des Schreibens stellt.

Nicht nur Henry David Thoreau hatte seine „cabin in the woods“. Dies ist die Hütte von Hermann Löns im Westenholzer Bruch

Weiterführend → Hermann Löns gilt als Heidedichter. Als Reaktion auf die Verstädterung im Zeitalter der Industrialisierung und der entstehenden Massenkultur hing sein Herz am kargen Sandboden der Heide und ihrer Bauern. Er wohnte wochenlang in seiner Jagdhütte im Westenholzer Bruch. Von dort ging er auf die Pirsch in Wald, Heide und Moor und verfasste unter anderem In der Jagdbude.

→ Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.

→ Die Online-Publikation „Schmieds Katze“ wird im Lauf der Zeit zu einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 – in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Es ist ein stetig wachsendes Rhizom aus echten Lebensgeschichten, fiktionalen Nebenwegen sowie autosoziobiographischer Analyse. Im Lauf des mythopoetischen Erzählmosaiks wird in 1001 Vertellstückskers das Leben in 5760 Neheim rekonstruiert.