Beeinflussungsapparate

Seismografisch erfassen die Schnurrhaare der Katze die Veränderung der Rezeption. Félin Murr verhakt sich nicht mehr mit ihren Krallen in der Tastatur des Computers. Inzwischen besitzt sie ein Tablet. Ihre Samtpfoten gleiten leicht über den Touchscreen.

Martin Vanselow mit einer Erinnerung an eine Redaktionssitzung in der ´Zweibar`. Er pflegt mit dem Herausgeber die Caféhauskultur.

Das Buch ist eine veraltete Vermittlung zwischen zwei verschiedenen Phasen der Vermessung des Geistes. Im 21. Jahrhundert erfolgt der Transport des Gedankens nicht mehr über den behäbigen Weg des gedruckten Bandes, sondern über das dichte Netz der Bildschirme. Die ´Gutenberg-Galaxis` dehnt sich nicht räumlich aus, indem sie neue Bibliotheken gründet; sie expandiert, indem sie ihre Wände einreißt. Wo einst das bedruckte Papier als Denkzettel für den Geist diente, steht nun die Ladesäule des permanenten Datenstroms. Die scharfen Augen der Katze gleiten im Vorbeigehen über leuchtende Glasflächen. Die Schrift ist nicht in Stein gemeißelt, sondern Treibstoff einer ununterbrochenen Bewegung.

Die beweglichen Lettern von Johannes Gutenberg legten die Schienen für das moderne Denken. Es ist streng linear, von links nach rechts, unaufhaltsam fortschreitend, Zeile für Zeile.

Wenn das Buch die bürgerliche Intimität des Studierzimmers verkörperte, so wirft die neue Galaxis die Schrift unbarmherzig auf die Straße. Der Text hat sich aus der Horizontalen des aufgeschlagenen Bandes erhoben und sich in die Vertikale der Displays gestellt. Er flimmert als Leuchtreklame, er zuckt als Benachrichtigung auf dem Feldtelefon in der Manteltasche. Diese neue Schrift zwingt Félin Murr nicht mehr zur Sammlung, die Nachrichten überfallen sie. Sie liest nicht mehr, sie wird gelesen; ihre Aufmerksamkeit ist eine Währung, die algorithmischen Schilderwälder am Leuchten hält.

Der gedruckte Text ist mechanisierter Kraftstoff: Er treibt das Bewusstsein an, aber er verbrennt die Fähigkeit, das Ganze zu hören.

Die Ausdehnung der Gutenberg-Galaxis zeigt sich im Schwinden des Großen. Die monumentale Enzyklopädie ist zerfallen in ein unendliches Sortiment von Textpartikeln. Auch die Natural Born Neheimer leben inzwischen im Zeitalter der digitalen Kurzwaren: Statusmeldungen, Hashtags, Bildunterschriften. Diese winzigen Schriftzeichen besetzen jede Pore des Alltags. Sie sind wie Nadeln und Knöpfe, die das lose Gewebe unserer hypervernetzten Existenz mühsam zusammenhalten. Niemand überblickt das Ganze, doch jeder hantiert mit den Bruchstücken.

Das Medium ist keine Hülle, die Botschaft selbst ist die Tätowierung, die das Medium der Gesellschaft verpasst. Die Natural Born Neheimer lesen nicht mehr die Welt; die Welt schreibt sich ungefragt in ihre Nervenbahnen ein.

Der Algorithmus ist der metaphorische Vergaser dieser expandierten Galaxis. Er nimmt die unendlichen Datenmengen der Welt auf, zerstäubt sie in binäre Partikel und mischt sie mit dem Sauerstoff unserer Aufmerksamkeit. Erst durch diese explosionsartige Verarbeitung wird die Masse des Wissens mobil. Der Text ist nicht mehr starr in Blei gegossen, er ist flüssig, beinahe gasförmig, hochgradig entzündlich. Er wartet nur auf den Funken des Klicks, um im Bewusstsein des Betrachters zu detonieren.

Die Gutenberg-Galaxis war das Zeitalter der Trennung: Von Geist und Körper. Von Produzent und Konsument. Das digitale Zeitalter ist das der totalen Implosion. Die Natural Born Neheimer sind nicht mehr Leser des Raums; sie sind von ihm umstellt.

In der totalen Verfügbarkeit des Wortes liegt das Ende des Gesprächs. Die neuen Medien bringen den Natural Born Neheimern die Stammeskultur zurück, jedoch als technische Geisterstunde. Sie finden die alte, akustische Welt im Trödelmarkt der Radiowellen und Fernsehbilder wieder – deformiert, beschleunigt und ohne die Geborgenheit des Anfangs. Wenn jede Regung sofort in Schrift verwandelt und ins globale Netz eingespeist wird, verliert das Wort seine geheimnisvolle Schwere. Die Gutenberg-Galaxis, im Stadium ihrer äußersten Ausdehnung, erzeugt ein betäubendes Rauschen. Es ist ein öffentliches Schweigen, das aus der Überdosierung der Zeichen resultiert. Der Raum zwischen den Lettern, der einst Platz für den Gedanken bot, ist mit Pixeln lückenlos gepflastert… was folgt ist Hintergrundrauschen.

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Weiterführend Lesen Sie auch den Essay Die Bibliothek von Babel von Jorge Luis Borges.

1995 betrachteten KUNO die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als Laboratorium der Poesie

Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.

Das Projekt „Schmieds Katze“ ist der Versuch einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Der Herausgeber trägt eine literatursoziologische Hypothese vor, welche der Versuch ist, das Leben im Sauerland in nicht-lineare Momente gliedert. Ergänzend dazu, erste Überlegungen zum Neologismus Vertellstückskers und dem Aussterben des Suerlands Platt.

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