Operation Züchtigung

„Im Möhnetal waren Baracken für mehrere Tausend Ausländer errichtet worden, die von den Wellen wie Spielzeughäuser fortgerissen wurden. Teilweise wurden auch die Bewohner mit den Baracken fortgespült. Eine dieser Baracken brach zusammen, und alle Insassen ertranken. Mehr als 30 Häuser – zumeist zwei-, drei- und mehrstöckige Massivbauten – wurden von den Fluten mitgerissen. Es war ein grauenhafter Anblick am nächsten Morgen, die Zerstörung durch diese schreckliche Flutkatastrophe zu sehen, und es war entsetzlich, mitzuerleben, wie der Ehemann nach seiner Frau, die Kinder nach ihren Eltern und der Bruder nach seiner Schwester rief.“,

berichtete Joseph Hellmann, Pfarrer von St. Johannes dem Täufer in Neheim.


Die Künstlerin Astrid Breuer hat sich mit den Sklavenarbeitern auseinandergesetzt. Zusammen mit ihren Schülern erarbeitete sie eine Ausstellung mit verfremdeten Porträts. Aus dem Projekt ist eine Installation von großformatige Porträts auf Metallplatten entstanden, die an Pfeilern der Autobahnbrücke über der Möhnemündung hängen.

Das Zwangsarbeiterlager Möhnewiesen in Neheim wurde 1942 von den NAZIs errichtet. Dort waren Zwangsarbeiterinnen aus Osteuropa als Arbeitssklaven untergebracht. Am 17. Mai 1943 wurde das Lager durch die Flutwelle als Folge der Zerstörung der Möhnestaumauer völlig zerstört. Ein Großteil der Untergebrachten wurde während der sogenannten „Möhnekatastrophe“ getötet.

Neheim war ein Zentrum der Metallindustrie. Während des Zweiten Weltkrieges produzierten die Unternehmen Rüstungsgüter oder andere kriegswichtige Produkte. Durch Einberufungen nahm die Zahl der einheimischen Arbeitskräfte ab. Insbesondere seit 1942 wurden vermehrt Arbeitssklaven eingesetzt.

Anfangs wurden diese in privaten Unterkünften, in Gastwirtschaften oder direkt in den Fabriken untergebracht. Diese Unterkünfte reichten bald nicht mehr aus, so dass in den so genannten Möhnewiesen, also direkt am Fluss Möhne, ein großes Gemeinschaftslager für die Zwangsarbeiter einer ganzen Reihe Firmen entstand. Von dem Lager aus waren viele Firmen gut zu erreichen. Als Gemeinschaftsunternehmen zur Organisation des Lagers gründeten die Firmen die „Wohn- und Verpflegungslager-Gemeinschaft eGmbH.“

In der ersten Ausbaustufe Mitte 1942 bestand das Lager aus zehn Baracken. Im September 1942 kamen weitere sechs Baracken hinzu. Zum Lagerkomplex gehörte außerdem eine Wirtschaftsbaracke, eine Entlausungsbaracke, Sanitäranlagen, Plätze zum Antreten und ein Splittergraben als Schutz bei Luftangriffen.

Die Baracken waren 51 × 10 m groß. Es gab jeweils vier Schlafräume, zwei Wasch-, zwei Aufenthaltsräume, einen Raum für Aufsichtspersonal und ein Krankenraum. Die Schlafräume hatten eine Fläche von 6,5 × 10 m. In diesen waren jeweils 25 Zwangsarbeiter in Doppelstockbetten untergebracht. Umgeben war das Lager mit Stacheldraht. Nachts wurden die Menschen in den Baracken eingeschlossen, um Wachpersonal einzusparen. Unter Bewachung wurden die Arbeitssklaven morgens zu den Fabriken geführt.

Anfangs wurden diese in privaten Unterkünften, in Gastwirtschaften oder direkt in den Fabriken untergebracht. Diese Unterkünfte reichten bald nicht mehr aus, so dass in den Möhnewiesen, also direkt am Fluss Möhne, ein großes Gemeinschaftslager für die Zwangsarbeiter einer ganzen Reihe Firmen entstand.

Von dem Lager aus waren viele Firmen gut zu erreichen. Als Gemeinschaftsunternehmen zur Organisation des Lagers gründeten die Firmen die „Wohn- und Verpflegungslager-Gemeinschaft eGmbH. Im Dezember 1942 waren etwa 1200 Zwangsarbeiterinnen in diesem Lager untergebracht. Diese waren unter anderem bei den Firmen Brökelmann, Jäger und Busse, Cosack, F.W. Brökelmann, Kaiser, Goeke, Ruhrmetall, Schröder & Co. und einigen weiteren Firmen beschäftigt. Die Arbeitssklaven wurden pauschal als Ostarbeiterinnen bezeichnet. Ab Februar 1943 wurden auch männliche Arbeitskräfte dort untergebracht.

Die Ernährungslage war nach Berichten ehemaliger Zwangsarbeiter schlecht. „…und fast ohne Essen – Hunger, Hunger, ein unvergesslicher Hunger alle diese Zeit: Am Morgen dünner Kaffee (ohne nichts) mit Rüben eingebräunt, zum Mittagessen schrecklich Krautsuppe, zum Abendbrot Stücken Brot (aus Kraut und nass) und wieder Kaffee. Wie haben wir das ausgehalten?“ Als Ersatz für vollwertiges Brot wurde so genanntes „Russenbrot“ ausgegeben. Dieses bestand aus Roggenschrot, geschnitzelten Zuckerrüben, Zellmehl, Strohmehl oder Laub.

Die Ernährungslage war so schlecht, dass sie die Leistungsfähigkeit der Arbeiterinnen herabsetze. Die Unternehmen forderten daher von den Behörden für die Arbeiterinnen, die zwischen zehn und zwölf Stunden arbeiten mussten, die Langarbeitszulage zu gewähren. Der Kauf von zusätzlichen Lebensmitteln war fast nicht möglich. Man versuchte innerhalb des Lagers Tauschgeschäfte zu machen, selbst hergestellte Gegenstände mit den Deutschen gegen Lebensmittel zu tauschen oder zusätzlich zur normalen Arbeit bei deutschen Familien in Haus oder Garten für eine Mahlzeit zu arbeiten. Die recht hohe Zahl der behandelten Krankheitsfälle und die Zahl der Toten lässt vermuten, dass die Ernährung völlig unzureichend war.

Die geborgenen Opfer, sowohl Deutsche wie auch Zwangsarbeiter, wurden auf dem Möhnefriedhof in Neheim meist in Massengräbern beigesetzt. Die genaue Zahl der Opfer ist unklar, unter den Arbeitssklaven gab es mindestens 526 Tote.

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Weiterführend → Für Félin Murr gut es gute und gut gemeinte Kunst. Die Installation unter der Autobahnbrücke gehört für sie zur letzteren Gattung.

Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.

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