Man sagt, die Schildbürger hätten sich nur deshalb so närrisch gestellt, um ihre überragende Weisheit vor der neidischen Welt zu verbergen. In Neheim hat man diesen historischen Pfad nun mit der Präzision eines Chirurgen beschritten – und zwar buchstäblich.

Wenn die Schildbürger ein Haus bauten, begannen sie oft am Dach oder vergaßen die Treppen. In Neheim bewies man eine noch größere Weitsicht: Man grub erst ein gewaltiges Loch, legte den Verkehr unter die Erde und schuf oben eine „Marktplatte“, die so weitläufig und leer ist, dass man darauf problemlos eine Pyramide von Gizeh hätte zwischenlagern können. Der Tunnel wurde als Befreiungsschlag gefeiert: Autos raus, Lebensqualität rein. Doch die Ironie der Geschichte ist so scharf wie ein Rebmesser. Man investierte Millionen, um den Asphalt unter die Erde zu verbannen, nur um oben eine Steinwüste zu schaffen, die nun für weitere 320.000 Euro mit Wasser bespritzt werden muss, damit die Menschen den Aufenthalt dort überhaupt überleben.
Menschen, Tiere, Sensationen.
Zuerst wurde der Marktplatz, jene einst so lebendige offene Fläche, mit chirurgischer Akkuratesse von jeglicher Substanz befreit. Was auch immer dort an Charme, Bänken, Grün oder historischem Hauch herumgelungert haben mag: weg. Sauber. Leer. Steril. Ein blankes Blatt Pflaster, auf dem man jahrelang diskutierte, wie man es denn bitte schön „attraktiver“ machen könnte. Die Innenstadtkonzept-Planer hatten ganze Arbeit geleistet: Substanz raus, Diskussionsbedarf rein.
In Schilda hätte man wahrscheinlich versucht, das Wasser für die Fontänen direkt aus dem Tunnel hochzupumpen, um „Synergien“ zu nutzen. In Neheim begnügt man sich damit, das Geld in Düsen zu versenken, die das Mikroklima retten sollen, das man durch die radikale Versiegelung der Marktplatte erst mutwillig zerstört hat.
Und dann, Freunde der gepflegten Narrheit, der Geniestreich: Ein Fontänenfeld mit 21 Düsen auf exakt 100 Quadratmetern. Kostenpunkt: 320.000 Euro – 50.000 für die Erdarbeiten, weil man ja eine 3,50 Meter tiefe Pumpenkammer unter die Erde senken muss wie einen Sarkophag für die Vernunft. Aber ähnlich wie beim Hudehirten auf dem Gransauplatz hat sich Neheim mal wieder B-Ware andrehen lassen, das Original steht bereits in Körbecke und auch auf dem Elsbergplatz in der Warendorfer Altstadt wird als Highlight der Fußgängerzone neun steuerbare, LED-beleuchtete Düsen auf 20 Quadratmetern bieten. Ende April sollte das Meisterwerk auch in Neheim sprudeln – beleuchtet, multifunktional, ein echter Hingucker. Der Wochenmarkt darf daneben weiter stattfinden, die Händler sind einverstanden. Man will ja niemandem wehtun, außer dem Steuerzahler.
Bravo, Neheim. Die Welt schaut staunend zu. Und die Schildbürger von einst nicken anerkennend aus ihren Gräbern: „Endlich hat’s einer kapiert.“
Die Neheimer Schildbürger sind Meister der Tarnung. Sie bauen keine Brunnen, sie errichten ein Denkmal der Klugheit in Verkleidung. Denn wer käme schon auf die Idee, dass hinter diesem 320.000-Euro-Spritzwunder eine Stadt steckt, die genau weiß, was sie tut? Indem sie den Marktplatz erst leer räumt und dann mit teurem Wasser füllt, versteckt sie ihre wahre Genialität vor uns allen: die Kunst, aus Nichts ein Spektakel zu machen und dabei so zu tun, als wäre es Fortschritt.
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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt (Hg.). Edition Das Labor 2025

Die Schildbürger, wohnhaft im fiktiven Ort Schilda, sind Hauptakteure einer ganzen Reihe von kurzen Erzählungen, den Schildbürgerstreichen. Der Inhalt des Werks behandelt die fiktive Stadt Laleburg im Kaiserreich Utopia. Der Name Lale geht auf das griechische Verb λαλέω (laléō) zurück, das einerseits plaudern und schwatzen, aber auch verkündigen und lehren bedeutet. Die übrige Rahmenerzählung gleicht dem späteren Topos der Schildbürger aus Schilda, die sich aus eigenem Antrieb von weisen Beratern zu närrischen Bauern entwickelten. Eine Sammlung bzw. ein Volksbuch mit Schildbürger-Schwänken zum Inhalt erschien 1597 erstmals unter dem Titel Das Lalen-Buch. Wunderseltzame / Abentheurliche / unerhörte / und bißher unbeschriebene Geschichten und Thaten der Lalen zu Lalenburg. Bekannt wurde die zweite Ausgabe von 1598 mit dem Titel Die Schiltbürger; mehrere Autoren sind als ihr Urheber im Gespräch, u. a. Friedrich von Schönberg. Wie der Till Eulenspiegel oder der Faust geht auch das Lalebuch nicht auf eine fremdsprachige Vorlage zurück. Vielmehr wurden Schwänke und Erzählungen, die im Umlauf waren, aufgegriffen und, kunstvoll mit vielen gelehrten Andeutungen gespickt, zu einem Ganzen verarbeitet.
Weiterführend → Lesen Sie auch den ersten Teil der Trilogie über die neheimischen Schildbürger. Den zweiten Teil finden Sie hier. Den dritten Teil lesen Sie hier.
PS Eine persönliche Anmerkung: Der Herausgeber stammt aus dem bergischen Land, daher erinnert er sich, wie Jugendliche am Döpersberg regelmäßig den Inhalt einer Flasche Spülmittel einem plätschernden Brunnen zugeführt haben. Das Ergebnis sorgte ganz im Sinn von R. Mutt für ein wutschäumendes Bürgertum. Vive le dada!