Zwischen Linie, Wort und Bewegung

Katja Butt verfügt über die gestalterische Klarheit des Blicks. Ihr Werk zeichnet sich durch eine stetige Erforschung der Wahrnehmung aus. Sie ist eine vielseitige Medienkünstlerin und Zeichnerin, deren Arbeiten sowohl traditionelle als auch digitale Formate umfassen.

„Regen“ und „Im Auge“ von Katja Butt.

Der künstlerische Weg von Butt begann mit dem Studium an der Kunstakademie Münster, das sie 1991 mit einem Akademiebrief und einer Auszeichnung abschloss. Aufgewachsen in Oldenburg, zog es sie nach dem Studium in Rheinland, wo sie bis heute ihr Atelier hat. Ihre Karriere wird von zahlreichen Stipendien und Preisen geprägt, darunter das Stipendium für das Künstlerdorf Schöppingen (1994), dem Kulturförderstipendium der Westfälischen Wirtschaft (1995) und dem Kunstpreis „Das Hungertuch“ in Düsseldorf (2007). Von 2012 bis 2021 lehrte sie als Professorin im Fachbereich Medien an der Rheinischen Fachhochschule Köln, wo sie Studierende in Bildender Kunst und Mediendesign anleitete. Diese Lehrtätigkeit spiegelt sich in ihrer Arbeit wider, Butt betont den prozessualen Charakter der Kunst, des skizzenhaften und beiläufigen, das sich in ihren Zeichnungen als dynamische Erkundung von Raum und Zeit manifestiert. Ihre Werke sind in Sammlungen und Ausstellungen in Deutschland, Europa und Asien vertreten, oft in Kontexten, die Bewegung und Nomadismus thematisieren – etwa in Projekten wie „Crossroads. Nomadic Knowledge and Art Strategies“ (2008) oder „Dropping / Häuser“ (2001) in Japan. Ihre Kunst bewegt sich zwischen Reflexion, Interaktion und der ständigen Erneuerung künstlerischer Konzepte.

Thematisch dreht sich Butts Kunst um die Verschränkung von Zeichnung und Sprache. Sie erkundet die Ambiguität linguistischer Zeichen, den Spielraum zwischen Präsenz und Abwesenheit von Sinn.

In ihren Zeichnungen und Filmen entstehen Brüche, Sprünge und Assoziationen, die den Betrachter einladen, alternative Wege des Schreibens, Sprechens und Zeigens zu entdecken. Ein zentrales Element ist die Bewegung: Vom Statischen der Linie hin zum Dynamischen in vier Dimensionen. Werke wie „Regen“ und „Im Auge“ (2025) exemplifizieren dies, indem sie natürliche Phänomene mit abstrakten Liniengefügen verbinden. Butt engagiert sich zudem gesellschaftlich, etwa in der Initiative EWVA – Equality for Women in Visual Arts (seit 2023), die die Sichtbarkeit von Künstlerinnen fördert. Ihre jüngsten Ausstellungen, wie die Duo-Show „daher dahin“ mit Friederike Graben in Herzogenrath (2025) oder „Aus dem Koffer“ (2024), unterstreichen ihren nomadischen Ansatz: Zeichnungen werden portabel, reisen durch Städte und werden in kollaborativen Kontexten präsentiert.

In der zeitgenössischen Kunstszene Kölns nimmt Katja Butt eine markante Position an der Schnittstelle von Zeichnung, Medienkunst und Installation ein. Ihr Schaffen ist geprägt von einer fortwährenden Untersuchung der Linie, die sie weit über das klassische Blatt Papier hinausführt. Die Linie ist bei Butt nie nur zweidimensional; sie manifestiert sich auch durch Klebebänder, Farbstifte oder digitale Medien.

Als Medienkünstlerin, Zeichnerin und Videokünstlerin hat sie sich durch Werke einen Namen gemacht, welche die Grenzen zwischen Zeichnung, Sprache und Bewegung ausloten. Ihr künstlerischer Ansatz ist geprägt von einer tiefen Auseinandersetzung mit dem Etymologischen. Das Wort „zeichnen“ verbindet sie mit „Zeichen“ als Symbol, was in ihren Arbeiten zu einer Erkundung von Bedeutung, Ambivalenz und visueller Poesie führt. Butt’s Oeuvre umfasst Zeichnungen, Filme, Installationen und kollaborative Projekte, die oft den Prozess des Wahrnehmens, Erinnerns und Imaginierens betonen.

Das Projekt Strichstärke wurde 2017 ins Leben gerufen und hat sich zu einer Plattform entwickelt, die sich mit zeitgenössischen Ansätzen der Zeichnung beschäftigt. Es bietet Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit, sich in einem kreativen Dialog zu vernetzen und neue Perspektiven zu erkunden. Butt ist nicht nur eine der Initiatorinnen, sondern auch maßgeblich an der Kuratierung der verschiedenen Ausstellungen beteiligt.

Ein Höhepunkt in Butts Schaffen der letzten Dekade ist das Projekt „Strichstärke_Projekte zur Zeichnung“, das sie 2017 gemeinsam mit Karin Hochstatter in Köln initiierte und später mit Anne Cichos erweiterte. Dieses offene Kurationskonzept präsentiert Zeichnung als Prozess des Wahrnehmens, Erinnerns und Imaginierens, an wechselnden Orten und in variierenden Formaten – von Ausstellungen über Filmprogramme bis hin zu Podcasts. Der letzte Katalog, „Strichstärke RE: Rethink, Redraw, Return“ (2023), dokumentiert eine Ausstellung im Kulturamt der Stadt Köln und der Moltkerei Werkstatt. Er umfasst Arbeiten von 15 Zeichnerinnen und Zeichnern aus Deutschland und der Schweiz und betont das Rethink-Konzept, eine Zeichnung als Rückbesinnung auf das Wesentliche, als Neuentwurf und Rückkehr zu Ursprüngen. Themen wie Wort und Schrift dominieren, etwa in der Reihe „WORTWELT“, die Künstler einlädt, sich mit Sprache in Zeichnungen und Filmen auseinanderzusetzen. Der Katalog, herausgegeben vom Intervallverlag, ist ein visuelles und textuelles Kompendium, das Butts eigene Beiträge – wie tägliche Zeichnungen aus Residenzen – mit denen anderer verbindet. Er unterstreicht die kollaborative Natur des Projekts und finanziert durch Stiftungen wie das Kulturamt Köln, reflektiert er Butts Vision von Zeichnung als lebendigem, prozessualem Medium. Neuere Iterationen, wie „Strichstärke postscriptum“ (2025) im Künstlerforum Bonn, bauen darauf auf und fokussieren das Skizzenhafte und Nachgetragene.

Butts Zeichnungen zeugen von einer intensiven Auseinandersetzung mit Linie, Fläche und Materialität. Die Zeichnung fungiert bei ihr nicht nur als vorbereitendes Medium, sondern als eigenständiges Ausdrucksmittel: flüchtige Skizzen, detaillierte Studien und großformatige Blätter stehen neben digitalen und medialen Arbeiten.

Butts künstlerische Praxis, wie sie im aktuellen Kontext der Publikationsreihe „Strichstärke_Projekte zur Zeichnung“ deutlich wird, begreift sie die Zeichnung nicht als abgeschlossene Gattung, sondern als ein offenes System. In Arbeiten wie etwa „Wie der tote Hase mir das Leben erklärt“ (2021) kombiniert sie Fotografie mit Tusche auf Fotopapier. Diese hybride Herangehensweise ist bezeichnend für ihr gesamtes Werk. Die zeichnerische Spur fungiert als Intervention, die vorhandene Realitäten – sei es ein Foto oder ein skulpturaler Raum – kommentiert oder transformiert.

Der Katalog (und das damit verbundene Projekt) dokumentiert eine kollaborative Auseinandersetzung mit dem Medium. Gemeinsam mit Künstlerinnen wie Anne Cichos und Karin Hochstatter hat Katja Butt eine Plattform geschaffen, die die Zeichnung im Spannungsfeld von Prozesshaftigkeit und Raum untersucht. Das Projekt „Strichstärke postscriptum“ setzt auf die kollaborative Dynamik und versammelt Positionen, welche die Zeichnung als gemeinschaftlichen Akt oder als Dialog verstehen.Mit Formaten wie dem „Kölner Koffer“ (präsentiert etwa im Württembergischen Kunstverein Stuttgart 2025) wird die Zeichnung mobil und reagiert auf wechselnde Kontexte.

Diese Gegenüberstellung macht sichtbar, wie analoge Spur und digitale Transformation einander befruchten — Linien werden zu Relikten körperlicher Bewegung, gleichzeitig öffnen sich Räume, in denen Projektion, Video oder Medieninstallation neue Perspektiven liefern.

Butt lässt die Zeichnung nicht nur als stilistisches Element, sondern als dynamischen Prozess erscheinen, der den Betrachter in ein aktives Wahrnehmen und Erforschen der Realität einlädt. Ihre Arbeiten sind tiefgründig und fordernd und eröffnen einen Raum für die Reflexion über Wahrnehmung und Realität. Die Künstlerin nutzt die „Strichstärke“ nicht nur als typografisches oder formales Maß, sondern als konzeptionelle Sonde. Das Projekt zeigt eine norddeutsche Künstlerin, die inzwischen im Rheinland verwurzelt ist, aber durch ihre Projekte zur Zeichnung eine überregionale Vernetzung von Stuttgart bis Berlin vorantreibt. Der Katalog dient dabei als essentielles Archiv einer Kunstform, die ihre eigene Flüchtigkeit zum Thema macht.

Der Katalog, „Strichstärke_postscriptum“, dokumentiert die gleichnamige Ausstellung, die vom 6. bis 27. Juli 2025 im Künstlerforum Bonn stattfand. Diese Ausstellung umfasste eine kollaborative Raumzeichnung auf etwa 200 m² Transparentpapier, begleitet von Video- und Lichtobjekten. Die zentrale Fragestellung des Projekts behandelt Zeichnung als einen Prozess des Wahrnehmens, Erinnerns und Imaginierens.

Katja Butt schafft keine abgeschlossenen Bilder, sondern offene Räume des Denkens und Fühlens. Ob in Videoinstallationen, die Architektur zum Tanzen bringen, in Zeichnungen, die Worte zum Klingen bringen, oder in Objekten, die die Sinne verwirren – immer geht es um die Frage: Wie entscheiden wir, was real ist? Ihre Arbeiten laden ein, Wahrnehmungsmuster zu hinterfragen und eine andere, vielschichtigere Wirklichkeit zu entdecken.

Katja Butts Kunst schlägt Brücken zwischen Tradition und Innovation, zwischen Individualität und Kollektiv. Der Katalog „Strichstärke_Projekte zur Zeichnung“ ist nicht nur ein Dokument, sondern ein Manifest für die Vitalität der Zeichnung in der Gegenwartskunst. In einer digitalen Welt, in der Bilder flüchtig sind, erinnert diese Künstlerin uns an die Kraft der Linie – als Spur des Denkens und Fühlens. Ihre Arbeit unterstreicht dies. Sie steht für ein künstlerisches Denken, das die Kontinuität handwerklicher Fertigkeit mit der Offenheit medialer Erzählweisen verbindet. Ihre Arbeiten fordern zur genauen Betrachtung und zur Reflexion über die Produktionsbedingungen von Bildern heraus. In einer Zeit, in der Bildmedien allgegenwärtig sind, bieten ihre Zeichnungen und medialen Arbeiten eine poétique der Aufmerksamkeit — fein, vielschichtig und beharrlich in ihrer Suche nach Ausdrucksformen für Wahrnehmung und Erinnerung. Butt ist nicht nur Künstlerin, sondern auch Vermittlerin, die Zeichnung als inklusives Medium etabliert.

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Mit und ohne Worte, Ausstellung von Katja Butt in der Werkstattgalerie Der Bogen (Möhnestraße 59 | 59755 Neheim, bei Arnsberg) 05.07.2026, ab 15.00 Uhr

Weiterführend → Katja Butt erhielt in Anerkennung ihres künstlerischen Werks das Hungertuch für Bildende Kunst 2007. – Ein Recap des Hungertuchpreises.

→ Weiter beginnen. Wir fangen an. Ein Theaterabend. Studiobühne Köln, mit Heidrun Grote, Bühnenbild: Katja Butt, 2009

→ Eine Erinnerung an die Ausstellung Wasserkur von Katja Butt im Rheintor, Linz – Anno Domini 2011. – Einen Essay zur Rheintorreihe finden Sie hier.

In der Werkstattgalerie Der Bogen werden nicht nur Ausstellungen gezeigt, sondern Kunstwerke – darunter Künstlerbücher – direkt vor Ort entworfen, gedruckt und vervielfältigt. Sie sind Ausdruck von Kreativität, handwerklichem Geschick und einem tiefen Verständnis für die Grenzen und Möglichkeiten von Kunst. Vertiefend zum Thema Künstlerbücher lesen finden Sie hier einen Essay. – Ergänzend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus über Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.