Den Arbeitssklaven von Brökelmann gewidmet

Konzeptkunst wird auch dann nicht überzeugender, wenn sie durch politische Aspekte überkleistert wird.

Es gibt gute und gut gemeinte Kunst. Zur ´Wiedergutwerdung` gehört die Installation der Porträts von Opfern des Tsunamis den die Rollbombe der Royal Air Force am Möhnestaudamm auslöste und mit einer acht Meter hohen Flutwelle auch das ´Zwangsarbeiterlager` in Neheim hinwegspülte.

Die kollektive Erinnerung an den sauerländischen Tzunami zeigt an der Möhnemündung die Schattenseiten der Identität. Die eingepferchten „Fremdarbeiter“ gehören zu den Opfern, die aus politischen, rassistischen, sozialen Gründen, aus Gründen ihres Glaubens, ihrer Weltanschauung, durch Versklavung aufgrund ihres – in nationalsozialistischer Diktion: „unwerten Lebens“ – aufgrund der nationalsozialistischen Rechtsbeugung durch staatliche Gewalt und Willkür brutal zu Tode geschunden wurden. Dieses ´Lager` war eine Vorstufe dessen, was als Vernichtungslager ins Geschichtsbuch eingegangen ist.

Über diesen Teil der Möhnewiesen spannt sich nun in verlässiger Betonstahlbauweise eine Autobahnbrücke. Die erwähnten ´Abzüge` sind großformatige fotorealistische Abbildungen der „Arbeitssklaven“ der Firma F.W. Brökelmann auf Metallplatten, die mit einem Stahlband um die Brückenpfeiler gespannt wurden. Diese Installation ist so gut vor aller Augen verborgen, dass sie – wahrscheinlich ­– nicht einmal von den Skateboardern wahrgenommen wird, die unter der Brücke auf den Rollbrettern – die nun ihre Welt bedeuten – trainieren.

Vergangenes lässt sich – auch hier nicht – mit Beton versiegeln. Neheimer können nichts mehr ´gutmachen`, sie können lediglich versuchen, weniger falsch zu machen. Auch wenn sich – vor allem ältere Sauerländer – dagegen sperren, es bleibt weiterhin: „Unser Nationalsozialismus“!

Und wenn sie nicht gestorben sind, leben auch im Land der tausend Berge ´die Täter`, ´die SS`, ´die Nationalsozialisten`, es waren tausende von Sauerländern, die sich aktiv an einem Menschheitsverbrechen von ungeheurem Ausmaß beteiligten, und ebenso viele Mitläufer, die diese billigten, zumindest aber geschehen ließen. Das vergangen Geglaubte währt in Neheim zombifiziert fort. Entweder als verdrängte Geschichte oder als Vergangenheit, der sich die Einwohner stellen sollten.

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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarre scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.

Weiterführend Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.