Einstürzende Neubauten

Die Moderne manifestiert sich im Sauerland nicht als ruhende Architektur, sondern als unendliches Fließen. Dieses ´ewige Werden` verlangt nach ständigen Brückenbauten und Umleitungen.

Martin Vanselow dokumentiert: Wer Verkehr sät, wird Autobahnbrücken – auch auf Nebenstrecken – ernten, wie die A 445 die Neheim brutal durchschnitten hat.

Die moderne Existenz im Sauerland duldet auch für die Natural Born Neheimer keinen Stillstand. Die Rastplätze und Anschlussstellen sind die neuen Kathedralen des Übergangs. Sie sind keine Orte der Ankunft, sondern bloße Scharniere zwischen Abfahrt und Ziel. Das Pendeln, das tägliche Pendel zwischen der heimischen Werkbank und den entfernten Industriemetropolen, zwingt den Menschen in einen permanenten Rhythmus des Transit. In Neheim wird der Reisende zum Flaneur, dessen Flanieren jedoch nicht durch Arkaden, sondern über den endlosen Beton der A 45 führt.

Die A 45 ist die ultimative Einbahnstraße. Sie führt unaufhaltsam vorwärts, hinweg über die Täler der Natur, hinein in eine globalisierte Welt, in der lokale Grenzen verschwimmen.

Nichts dokumentiert dieses Prinzip des ewigen Werdens deutlicher als die Geschichte der Brückenbauwerke der Region. Das Trauma der jahrelangen Sperrung der Rahmedetalbrücke, gefolgt von ihrer spektakulären Sprengung und dem hastigen Neuerwachen durch die Stahlkolosse der jüngsten Zeit, ist mehr als nur ein verkehrstechnisches Ärgernis. Es ist das Sinnbild der Moderne selbst: Sie baut auf, reißt nieder, und im ewigen Takt der Kräne und Sprengladungen erfindet sie sich unablässig neu. Der Beton wird brüchig, die Stützen ermüden, doch der Fluss des Verkehrs, die Anbindung an die Welt, fordert unerbittlich die Erneuerung in Form von sechsspurigen Ausbauten und neuen Teilbauwerken.

Die Welt ist durch diese Trasse nahbar geworden, doch der Preis dafür ist die Beschleunigung des Alltags, der dem modernen Menschen kaum noch Zeit zum Verweilen lässt.

Die A45 galt einst als die „Königin der Autobahnen“, heute ist sie ein Sanierungsfall: Alle 60 Brücken der „Sauerlandlinie“ müssen abgerissen und neu gebaut werden. Einst galt die Gegend um Dresden als das „Tal der Ahnungslosen“… nun droht das Sauerland zu einer Region der Abgehängten zu werden.

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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Weiterführend → Ein Essay von Angelika Janz über die Berliner Oberbaumbrücke in Kreuzberg. Vertiefend ein Porträt über ihre interdisziplinäre Tätigkeit, sowie einen Essay der Fragmenttexterin. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer Annäherung an die visuellen Arbeiten von Angelika Janz. Und nicht zuletzt, Michael Gratz über Angelika Janz‘ tEXt bILd

Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.

Das Projekt „Schmieds Katze“ ist der Versuch einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Der Herausgeber trägt eine literatursoziologische Hypothese vor, welche der Versuch ist, das Leben im Sauerland in nicht-lineare Momente gliedert. Ergänzend dazu, erste Überlegungen zum Neologismus Vertellstückskers und dem Aussterben des Suerlands Platt.

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