Martin Vanselow und Johannes Schmidt haben keinen Katalog erstellt, sondern ein Auffangbecken für jene Momente, die zu flüchtig sind, um als ´Ereignis` zu gelten. Ihr Projekt „Schmieds Katze“ ist die Umkehrung des Denkmals: Es feiert nicht das Überdauernde, sondern das Übersehene.

Wer die Straße fotografiert, betritt ein Archiv, das sich stündlich selbst vernichtet. Die Kamera ist hier nicht das Werkzeug der Erinnerung, sondern der Rettungsanker für das Profane. In Vanselows Aufnahmen wird die weggeworfene Fahrkarte oder der Blick eines Passanten im Regen zur Hieroglyphe. Es ist ein Archiv des Alltäglichen, das sich gewiss ist: Die Wahrheit einer Kleinstadt liegt nicht in ihren Prachtbauten, sondern in den Rissen ihres Asphalts.
Martin Vanselow agiert zuweilen wie ´Lumpensammler`. Er bückt sich nach dem, was die beschleunigte Stadtgesellschaft wegwirft – den flüchtigen Blick, die absurde Geste, die Poesie des Zerfalls.
Wenn der Schmied diese Fragmente in der Tradition eines Asphaltliteraten neu ordnet, betreibt er keine Inventur. Er montiert. Die Reihung entscheidend. Ein Bild steht nicht für sich; es antwortet dem nächsten. Ist ein Schatten des letzten. Der Herausgeber wird zum Archivar des Zufalls, der dem Chaos der Straße eine Tektonik verleiht. Die Onlinepublikation wird zur einem digitalen Katalog, durch die der Betrachter wandelt, um in diesem Langzeitprojekt letztendlich im Jahr 2035 anzukommen.
Das Projekt „Schmieds Katze“ ein Feldversuch, den Gedächtnisverlust auszugleichen, und eine Art der kollektiven Erinnerung zu rekonstruieren.
Die Katze ist das Tier der Schwelle. Sie gehört dem Haus und der Gasse gleichermaßen an. Sie beobachtet, ohne zu urteilen. Das Projekt nimmt diese Perspektive ein: Es ist ein Herumstreunen durch die visuelle Substanz des Jetzts. Im Archiv des Alltäglichen wird das Banale aufgewertet, nicht durch Pathos, sondern durch die bloße Tatsache seiner Registrierung.
Der Herausgeber nimmt als Kartograph die rohen Eindrücke und überführt sie in eine soziokulturelle Beschreibung. Durch die Montage verwandelt er das private „ästhetische Vergnügen“ in ein öffentlich zugängliches Archiv.
Der Spaziergänger ist in 5760 Neheim eine Person, die ziellos und beobachtend durch eine Kleinstadt schlendert – meist mit Muße, Interesse an Menschen und Details und dem Ziel, Eindrücke und Alltagsszenen wahrzunehmen. Der Streetphotographer Martin Vanselow und der Herausgeber Johannes Schmidt betreiben soziokulturelle Beschreibungen von Kleinstadtleben haben ein Faible für distanzierte Beobachtung, Reflexion und ein ästhetisches Vergnügen am würdevoll ergrauten Alltag.
Der Spaziergänger ist kein Tourist, der Sehenswürdigkeiten konsumiert, sondern ein Botaniker des Bürgersteigs.
Jedes Foto ist eine Baustelle der Wahrnehmung. Man betrachtet die Bilder und erkennt: Die Natural Born Neheimer sind die Bewohner eines Museums, das sie ständig ignorieren. Vanselow und Schmidt zwingen uns zum Innehalten vor dem Unscheinbaren. Diese Form der Reflexion macht die Kleinstadt zur Bühne. Während die Metropole oft durch ihre Überwältigung glänzt, ermöglicht die Kleinstadt eine fast mikroskopische Untersuchung. „Schmieds Katze“ wird so zum Beleg dafür, dass das Alltägliche kein Zustand ist, sondern eine Entdeckung, die man erst durch den bewussten Akt des Sehens macht.
Martin Vanselow und Johannes Schmidt beweisen, dass man die Welt nicht erklären muss – es genügt, ihre Bruchstücke so nebeneinander zu legen, dass sie zu sprechen beginnen.
In der Form eines bis ins Jahr 2035 angelegten virtuellen Katalogs wird dieses „Archiv des Alltäglichen“ zu einer lebendigen Baustelle. Hier manifestiert sich der Gedanke, dass Geschichte nicht als abgeschlossene Kette von Ereignissen, sondern als Konstellation von Bruchstücken zu begreifen ist. Ohne festgeschriebenes Konzept folgt die Publikation dem Rhythmus der Straße selbst: unvorhersehbar, additiv und im unentwegten Werden begriffen. Die „Vertellstückskers“ und soziokulturellen Reflexionen fungieren als das Register dieses wachsenden Korpus.
Der Herausgeber ist kein Archivar der Museen, sondern einer der Tatsachen-Kehrichte. Er verknüpft das Lokale mit dem Globalen und nutzt die Online-Plattform, um die Bilder in eine reflexive Poetik zu betten, die den Prozess der Kunstwerdung selbst thematisiert.
Dass dieses Projekt keinem starren Konzept folgt, ist seine größte Stärke. Es ist eine Langzeitbeobachtung, in deren Abfolge sich das Individuelle ins Typische verwandelt. Der virtuelle Katalog ist kein Depot für Vergangenes, sondern ein Instrument, um die Gegenwart beim Vergehen zu beobachten. Bis 2035 wird „Schmieds Katze“ so zu einem Panorama, das nicht von oben herab entworfen wurde, sondern aus dem Staub der Straße emporgewachsen ist.
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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarre scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.
Weiterführend → Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.
→ Das Projekt „Schmieds Katze“ ist der Versuch einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Der Herausgeber trägt eine literatursoziologische Hypothese vor, welche der Versuch ist, das Leben im Sauerland in nicht-lineare Momente gliedert. Ergänzend dazu, erste Überlegungen zum Neologismus Vertellstückskers und dem Aussterben des Suerlands Platt.