Im Zeitalter der permanenten Selbstoptimierung reichen Spaziergänge durch den Lüerwald, gesündere Ernährung und Bewegung im Alltag anscheinend nicht mehr. Die Idee zum Fitnessstudio begann in den 1980er Jahren mit Bodybuilding und Aerobic.

In den 1970-er Jahren war ´Trimmy` das sympathische Maskottchen einer ganzen Nation. Der rundliche, freundlich grinsende Cartoon-Jogger stand für den „Trimm-Dich-Pfad“, kostenlose, markierte Routen im Wald mit einfachen Stationen für Liegestütze, Klimmzüge und Dehnübungen. Wer mitmachte, musste kein Athlet sein – es reichte, Durchschnitt zu sein und ein bisschen zu schwitzen. Der Slogan „Trimm Dich fit“ war kein Versprechen von Sixpacks oder Rekordzeiten, sondern eine Einladung an den Natural Born Neheimer den Trimm‑Dich‑Pfad am Giersberg abzuschreiten. Im Zeitalter der Selbstoptimierung, ist dieser entspannte Ansatz fast nostalgisch. Stattdessen sind die Fitnessstudios zum neuen Trimm-Dich-Pfad geworden – nur dass der Pfad nicht mehr durch den Wald führt, sondern durch klimatisierte Räume voller Spiegel, Bildschirme und Algorithmen. Der Druck zur optischen Perfektion, die lückenlose Messbarkeit jedes Schritts und die sozialmediale Inszenierung haben aus der lockeren Freizeitbeschäftigung ein hochtechnisiertes Selbstprojekt gemacht.
Vom sympathischen Daumen-hoch des ´Trimmy` bis zum perfekt ausgeleuchteten Spiegel-Selfie im Gym ist es mehr als nur ein zeitlicher Sprung – es ist der Wandel von der Volksgesundheit zur totalen Selbstvermessung.
Der klassische Trimm-Dich-Pfad lebte von seiner Unverbindlichkeit. Man zog die Joggingschuhe an, lief los und war irgendwann fertig. Fortschritt war subjektiv: „Ich fühle mich besser!“ Fitnessstudios kehren diese Logik um. Sie sind nicht mehr Orte der Bewegung, sondern Labore der Selbstvermessung. Smartwatches, Fitness-Apps und vernetzte Geräte protokollieren Puls, Kalorienverbrauch, Wiederholungszahlen, VO2max-Werte und sogar die Schlafqualität der Nacht davor. Der Waldlauf konnte nie bieten, was eine App in Echtzeit liefert: einen personalisierten Fortschrittsbericht mit Graphen, Badges und Vergleichen zu anderen Nutzern. Der Trimm-Dich-Pfad war ein offener Weg; das Studio ist ein geschlossenes System, in dem jede Einheit quantifiziert und optimiert wird. Wer früher einfach „ein bisschen trimmen“ ging, trackt heute seinen „Training Load“ und passt die Makronährstoffe per App an. Die Kontrolle ist total geworden.
Fitnessstudios sind die Kathedralen der Selbstoptimierung. Sie haben den Trimm-Dich-Pfad im Sauerland nicht nur ersetzt, sondern die Absonderung von Schweiss professionalisiert und kommerzialisiert.
Die Echokammern der ´Sozialen Medien` verstärken diesen Wandel zur Perfektion. Während Trimmy ein Durchschnittstyp war, der auch mal pausierte, zeigen Instagram und TikTok nur die polierten Ergebnisse: definierte Muskeln, perfekte Posen, „Transformation“-Videos im Zeitraffer. Das Studio wird zur Bühne. Wer dort trainiert, fotografiert nicht nur für sich selbst – er produziert Content. Die Spiegelwände sind nicht zufällig so groß; sie sind die Kulisse für den nächsten Reel. Der soziale Druck, der früher allenfalls im Dorfklatsch existierte („Der Nachbar joggt schon wieder“), ist jetzt global skalierbar. Jeder Follower wird zum Richter über den eigenen Körper. Fitnessstudios haben sich darauf eingestellt: Sie bieten nicht mehr nur Hanteln, sondern „Experience“-Zonen, Influencer-Workouts und Challenges, bei denen man Punkte sammelt und Ranglisten klettert. Der neue Trimm-Dich-Pfad ist wettbewerbsorientiert – gegen sich selbst und gegen alle anderen.
Während der Trimm-Dich-Pfad der 1970er Jahre den Breitensport als spielerischen Ausgleich zum Büroalltag in den Wald holte, ist das moderne Fitnessstudio zum Hochleistungslabor des „Ich“ avanciert.
Der sympathische Durchschnittstyp Trimmy ist durch den optimierten Biohacker ersetzt worden, der seinen Körper wie eine Maschine behandelt. Wer die Daten nicht optimiert, fühlt sich schnell als Versager. Der Waldlauf erlaubte noch das Scheitern – ein bisschen zu langsam, ein bisschen zu faul, aber dafür mit frischer Luft. In einem nach Schweiß riechenden Studio droht stattdessen der Burnout durch ständige Selbstoptimierung. Der klassische Waldlauf durch das Aupketal war ein analoges Erlebnis. Erfolg wurde am Wohlbefinden gemessen: Wer weniger schnaufte, war fitter. Heute übernimmt die Smartwatch die Deutungshoheit über den eigenen Körper. Jeder Herzschlag, jede verbrannte Kalorie und die exakte Dauer der REM-Schlafphase werden in Graphen gepresst. Das Fitnessstudio fungiert hierbei als die kontrollierte Umgebung, die diese Messbarkeit erst ermöglicht. Wo der Waldweg uneben und wetterabhängig war, bietet das Gym standardisierte Bedingungen für die maximale Optimierung.
Der „neue Trimm-Dich-Pfad“ verläuft zwischen Hantelbank und Ringlicht. Dieser visuelle Druck führt dazu, dass Fortschritt nicht mehr nur gefühlt, sondern durch Likes und Follower validiert werden muss.
War Trimmy noch ein gezeichneter Durchschnittstyp, mit dem sich jeder identifizieren konnte, ist das heutige Leitbild die optische Perfektion. Soziale Medien haben das Fitnessstudio in eine Bühne verwandelt. Das Training dient nicht mehr nur der Gesundheit, sondern der Produktion von Content. Die spielerische Leichtigkeit der 70er ist einer strengen Effizienzlogik gewichen. Apps berechnen Makronährstoffe, während Fitness-Tracker Inaktivität mit Vibrationen bestrafen. Das Fitnessstudio ist der Ort, an dem diese Disziplin exekutiert wird. Es ist die Antwort auf eine Welt, die immer komplexer wird: Während wir globale Krisen nicht steuern können, suggeriert den Sauerländern die Transformation des eigenen Bizeps eine Form von Kontrollierbarkeit.
Die Natural Born Neheimer trimmen sich nicht mehr für das allgemeine Wohlbefinden, sie optimieren sich als Humankapital. Der sympathische Durchschnittstyp ist dem gläsernen Athleten gewichen, der in einer Welt der Algorithmen um jeden Millimeter Perfektion kämpft.
Das Fitnessstudio keine Sportstätte – es ist ein Disziplinierungsraum, in dem der Natural Born Neheimer an seiner eigenen „Marktfähigkeit“ arbeitet. Die Vertiefung dieser Aspekte zeigt, dass sich die Sauerländer vom gemeinschaftlichen Sportgedanken hin zu einer Form der biopolitischen Selbstverwaltung bewegt haben. Auch die Natural Born Neheimer leben in einer Gesellschaft der Singularitäten. Es genügt nicht mehr, „normal“ oder gesund zu sein, das Individuum im hintersten Hinterland muss besonders sein. Der Körper wird zum wichtigsten Statussymbol: Ein definierter Körper signalisiert Disziplin, Belastbarkeit und Erfolgswillen. Wer seinen Körper im Griff hat, dem traut die Gesellschaft auch zu, Projekte und Karrieren zu steuern. Das Fitnessstudio ist die Werkstatt, in der dieses unternehmerische Selbst geformt wird.
In einer digitalisierten Welt existiert nur, was sichtbar ist. Psychisches Wohlbefinden wird durch den Muskeltonus und den Körperfettanteil beglaubigt. Das Fitnessstudio bietet die perfekte Kulisse für diese Selbstdarstellung.
Während der Trimm-Dich-Pfad im Wald oft ein soziales, informelles Erlebnis war, herrscht im modernen Gym eine atomisierte Gemeinschaft. Man trainiert zwar Tür an Tür, aber durch Noise-Cancelling-Kopfhörer und den Tunnelblick aufs Smartphone bleibt jeder in seiner eigenen Optimierungs-Blase. Die soziale Interaktion wird durch den sozialen Vergleich ersetzt: Man beobachtet die anderen nicht, um mit ihnen zu spielen, sondern um die eigene Position in der ästhetischen Hierarchie zu bestimmen. Der Druck zur optischen Perfektion ist ein Ausdruck von Statusangst, in einer unsicheren Arbeitswelt ist der optimierte Körper das einzige Kapital, das man scheinbar vollkommen kontrollieren kann.
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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarre scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.
Weiterführend → Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.