I Was a Punk Before You Were a Punk

„Ereignisse nehmen umso schneller das Aussehen von verstaubter Geschichte an, je folgenloser sie geblieben sind.“

Frieda Grafe

Auf diesem historischen Foto von Martin Vanselow aus der Fußgängerzone trifft eine minimale kulturelle Grammatik auf eine maximale Bedeutungsvielfalt. Es ist weniger Provokation, eher Zeichenökonomie.

Am 4. Juni 1976 gaben die ´Sex Pistols` in der Lesser Free Trade Hall (Manchester) mehr als einen Gig. Dieses Konzert ist der Urknall, der den britischen Punk medial begründete, angeblich hat fast jeder Zuschauende sofort eine eigene Band gegründet, adabei die Combo um Joy Division. Auch sie Rebellen ohne Grund, der ziellose, aber intensive Sturm und Drang der Adoleszenz, Depressionen und Ausbrüche prägen ihre Texte.

Es waren allerdings nicht nur lederjackentragende Jungmänner, diese Musik wurde entscheidend von Frauen wie Ari Up, Poly Styrene und Patti Smith geprägt.

Die drei Akkorde für ein Hallelujah reichten bis zum 14.1.1978. In San Francisco, gaben die Pistols im Winterland ihr letztes Konzert: Johnny Rotten steigt mit Frage: „Ever get the feeling, you’ve been cheated?“ aus. Musikalisch ist Punk tot und taucht nur noch an Fronleichnam als verkümmertes Simulacrum in der Gegenwart auf. Diese Rebel against everything waren der letzte verzweifelte Versuch die Langeweile zu verdrängen. Die Pistols waren, wie ihr Manager Malcolm McLaren später feststellte: „A great rock ’n‘ roll swindle!“

Damit konnte das Wettrennen der Kritikaster um die Deutungshoheit beginnen.

Etwas später, im Jahr 2026 hat der ventil-Verlag mit Bored Teenagers, ein Punk-Mixtape nachgelegt. Nicht auf Cassette, als Anthologie. Rock’Roll, einst das gefährliche Versprechen von Rebellion und unverbrauchter Energie, ist heute in einem Zustand der Zombifizierung, eigentlich tot, sie weigert sich jedoch, das Feld zu räumen. Punk ist zum musealen Artefakt erstarrt, das von alternden Legenden als bloße Nostalgie-Show reproduziert wird. Zu Studienzwecken sollte man „Trink aus, wir müssen gehen!“ das neue (!?!) Album der Pub-Rocker ´Die Toten Hosen` hören. Es ist dieser Tage erschienen.

Das Riff der Gitarre bricht nichts mehr auf; es rastet ein wie der Schlüssel im Schloss einer Eigentumswohnung.

Der Geist der Subversion lässt sich nicht konservieren, ohne zu verwesen. Was die Combo ´Die Toten Hosen` auf ihrem neuen Album betreibt, ist nicht die Erweckung eines Toten, sondern die Einbalsamierung einer Leiche für den Partykeller. Der rebellische Gestus wird zur Pose des Clowns, der vorgibt zu stolpern, damit das Publikum im Takt klatschen kann. Es ist die restlose Verwandlung von Gefahr in Gemütlichkeit. Die Zecher sind müde geworden; sie räumen das Feld nicht, weil sie noch etwas zu sagen hätten, sondern weil die Gewohnheit sie an den Tresen fesselt.

Der Titel ist das unfreiwillige Geständnis seines eigenen Bankrotts. „Trink aus, wir müssen gehen!“ – das ist nicht der Aufbruch zur Barrikade, sondern das wehmütige Signal zum Kehraus.

Die Zombifizierung des Punk bedeutet, dass die äußere Form – Lederjacken, Gitarrenriffs, Attitüde – zwar erhalten bleibt, der subversive Geist jedoch entwichen ist. Was früher ein Bruch mit der Gesellschaft war, ist heute ein Lifestyle-Accessoire, das in Playlists zwischen Pop und Schlager konsumiert wird. Der Rock-Zombie nährt sich von der Vergangenheit, ohne Neues zu erschaffen; er ist eine Endlosschleife des „Früher war alles besser“.

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Bored Teenagers, ein Punk-Mixtape. Anthologie ventil-Verlag 2026

Weiterführend Punk erweist sich als eine Cover-Version des Rock’n‘Roll, der Style und die Haltung sind ebenso wichtig wie die Musik. Wir verorten auf KUNO die erste Punk-LP mit dem Bananenalbum. Oder war es doch eher der Garagenrock? – Lässt sich von MC Five (Motor City Five) oder den Stooges der verschwitzte Proto-Punk der New Yorker Proll-Combo ableiten? Oder hatte der testosterongesteuerte Punk gar eine Ur-Mutter? Würden das die Nerds unter den Musik-Kritikastern überhaupt zugeben? – Der Titeltrack des Albums ist der mit Abstand spektakulärste und zeitloseste Titel des Album. Bis heute ist Blank Generation der Song, der wohl größer ist, als die Band, die ihn produziert hat. Dies ist das beste Album, das die Buzzcocks nie gemacht haben. Kaum ein Song beschreibt den beginnenden britischen Punk besser als „Oh Bondage Up Yours!“. Es ist ein Zeichen von Chuzpe, wenn sich eine von Männern dominierte Szene, eine Combo von Frauen The Slits nennt. Waren die Pistols die erste Boy-Group? Johnny Rotten predigte Anarchie, The Pop Group praktizierte sie. PiL has his future in a British Steel. Bei The Clash verströmt Strummers Gebrüll geballte Wut, während Jones‘ flammendes Gitarrenspiel den Stil für unzählige Nachahmer prägte. Klingt die Trostlosigkeit des Rust Belt nach Punk oder Industrial Folk? Eine weitere Seitenbemerkung über den Industrial-Punk der Nine Inch Nails aus Cleveland, Ohio. Tuxedomoon entwickelten einen experimentellen Sound, der seltsamer war als der ihrer Zeitgenossen aus den 80ern, indem er Jazz und hypnotisierende Elektronik auf eine Art und Weise einbezog, sie spielten einen hypnotischen Synth-Punk. Die aus dem Album Liaisons Dangereuses ausgekoppelte Single Los niños del parque ist eine der meistverkauften Underground-Singles in Deutschland und später aufgrund der markanten, mit dem Korg MS-20 erstellten Basslinie vielfach gesampelt worden. Eine Würdigung der südafrikanischen Tekkno-Punks Die Antwoord. – Gegen Fresh Fruit for Rotting Vegetables hört sich alles andere wie Pop an. Retten kann uns die Schönheit der Tenorstimme des Punk. The Monochrome Set verkörpert wie kaum eine andere Combo den DIY-Ethos, indem sie kompromisslos ihrer eigenen, einzigartigen künstlerischen Vision folgen. Zu Monarchie und Alltag gibt es einen Bericht zur Lage der Detonation. – Polka trifft auf Punk und möglicherweise waren es die Violent Femmes, die den Gitarren-Schrammelpunk erfunden haben. Die Spoken Word-Poetin Anne Clark präsentiert Lyrics als dunkles Echo der Seele, sie steht darin Siouxsie Siox, dem Urtyp eines Riot Grrrls, in nichts nach. Erinnert sei auch an den Punk-Poeten John Cooper Clarke und den Lo-Fi-Poeten Dan Treacy, Weitere ungelöste Fragen: Stellen die The Ruts mit einem Album das Lebenswerk von The Clash in den Schatten? Wann hört der Substance von Punk auf? Wann beginnt der Post-Punk? Ist das bereits New Wave? Oder stellt Polyrythmik den Höhepunkt dar? Kein Punk, aber das Kronjuwel des Britpop. Die Alben von Wire stellen in beeindruckender Weise dar, was aus Punk eigentlich hätte werden können.