Topographie der Erinnerung

5760 Neheim hat ein Gedächtnis, es ist jedoch fragmentarisch. Die Katze sammelt diese Fragmente wie ein Trickster, nicht aus Bosheit, eher aus Sorgfalt. Sie weiß, dass die Gegenwart ohne die Schichten der Vergangenheit ärmer ist, nicht nur ästhetisch, sondern sozial. Die Fassaden sind Fingerabdrücke jener Beziehungen; wenn man sie entfernt, verwischt man Spuren.

Martin Vanselow dokumentiert im Stadtbild die letzten Reste der Innenstadt von 5760 Neheim, die noch nicht vollends duchkommerzialisiert sind.

Félin Murr geht nicht durch Straßen; sie liest die Fugen. Wo der Asphalt die Gründerzeit verschluckt hat, wittert sie den Mörtelstaub von 1900. Jedes abgerissene Haus hinterlässt eine Lücke im Wind, eine unsichtbare Thermik, die nur ihr Fell registriert. Für ihr Auge ist dort ein Parkplatz oder ein Sparkassenbau aus Waschbeton. Für die Katze ist dort ein blockiertes Revier aus Erinnerung. Der Historismus im Sauerland war keine Kulisse; er war der steinerne Panzer einer Industrie, die sich selbst ein Denkmal setzte, bevor sie ihre Arbeiter in die Fabriken sperrte.

Was man ´Zeit` nennt, ist kein Fluss. Sie ist ein Trümmerfeld. In Neheim stapeln sich Schichten.

Mittelalterliche Grundmauern, preußischer Klassizismus, wilhelminischer Prunk, kurzer Jugendstil-Rausch. Jede Schicht glaubt, die vorige zu überwinden. Die Katze taucht tief ein in die Rätselstruktur des Strohdorfs. Sie riecht, wo einst Stuck blühte. Heute riecht es nach frischem Zement und Vergessen. Die Geschichte schreibt sich nicht linear, sondern in Abbrüchen. Jeder Abriss ist ein Akt der Geschichtsschreibung – nur mit umgekehrtem Stift. Im Strohdorf kreuzen sich die Schichten. Wer hier horcht, hört nicht das Summen der Gegenwart, sondern das Echo der Arbeiterstiefel auf dem Pflaster der Vorkriegszeit. Félin Murr sitzt auf einer verbliebenen Sandsteinmauer der Burgstraße. Sie unterscheidet das Geräusch von schwindendem Holz von dem des rostenden Eisenbetons. Die Rätselstruktur des Viertels ist ein Palimpsest: Überschrieben, aber für die Kralle noch spürbar. Man hört hier, was das Archiv verschweigt: Das Keuchen der Blasebälge, das Klirren der Leuchtenproduktion, das gedämpfte Gespräch hinter den verzierten Fassaden, die dem Kahlschlag der Sanierung weichen mussten.

Hinter dem Glanz der ´Einkaufsstadt` lauert die konstituierende Wirklichkeit: Kapital, das sich häutet. Gebäude sind nicht nur Häuser. Sie sind Sedimente von Klassen, Wünschen, Ängsten. Ihr Verschwinden ist Klassenkampf mit Bulldozern und Baggern.

Jugendstil in der Provinz ist ein Missverständnis, das zur Heimat wurde. Die floralen Ornamente in der Synagoge waren keine reine Dekoration; sie waren der Versuch, die Natur in eine Stadt zurückzuholen, die von Ruß und Schloten verdunkelt wurde. Jetzt sind diese Flächen glatt. Die Stadtverwaltung nennt es „Aufwertung“, Félin Murr nennt es „Verlust der Reibung“. Auf den neuen, glänzenden Fassaden rutscht sie ab. Es gibt keinen Halt mehr für den Sprung, keine Nische für den Blick zurück. Die Geschichte wird abgeschabt wie alter Putz, damit sich die Gegenwart in den blitzendern Schaufenstern der ´Einkaufsstadt` spiegeln kann.

Die Abrissbirne schwingt in 5760 Neheim rhythmisch wie ein Pendel der Geschichte. Was bleibt, ist glatte Fläche: Parkplätze, die leere Mitte der Marktplatte, eine nackte Notwendigkeit.

Unter den glänzenden Oberflächen der Fußgängerzone liegt die ausgeschaltete Wirklichkeit. Die Katze dringt vor in die Kellerlöcher, die Höfe, die vergessenen Durchgänge hinter den Geschäften. Hier, wo der Schutt der Gründerzeit als Fundament dient, konstituiert sich die wahre Stadt. Neheim ist nicht das, was hell erleuchtet im Schaufenster steht. Es ist das sedimentierte Vergessen im Untergrund des Strohdorfs. Félin Murr demaskiert die bürgerliche Ordnung: Sie zeigt, dass die Geister der alten Fabrikanten und Proletarier erst dann verschwinden, wenn auch der letzte Rest Historismus unter einer Schicht Dämmwolle begraben liegt.

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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarre scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.

Weiterführend → Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.

Das Projekt „Schmieds Katze“ ist der Versuch einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Der Herausgeber trägt eine literatursoziologische Hypothese vor, welche der Versuch ist, das Leben im Sauerland in nicht-lineare Momente gliedert. Ergänzend dazu, erste Überlegungen zum Neologismus Vertellstückskers und dem Aussterben des Suerlands Platt.

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