„Wenn ich weiter gesehen habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe“
Isaac Newton in einem Brief an Robert Hooke im Jahr 1675.

Einer alten Volksweisheit zufolge kann man das Rad nicht neu erfinden, bestenfalls ein wenig daran drehen. In Tristram Shandy durchbricht Laurence Sterne die traditionellen Erzählstrukturen und stellt das Verhältnis zwischen Autor, Charakteren und Lesern grundstürzend in Frage. Die Figuren kommentieren und interagieren mit den Erzählungen, was die Autorität des Erzählers relativiert und ein Spiel mit den Erwartungen der Leser erzeugt. Sterne thematisiert den Akt des Schreibens selbst. Indem die Figuren ihre eigenen Geschichten erzählen wollen, wird die Grenze zwischen Fiktion und Realität unscharf. Der auktoriale Erzähler, ein Auslaufmodell.
Arno Schmidt erklärte Tristram Shandy zu einem der „zehn größten Bücher, die bisher in englischer Sprache geschrieben wurden“.
E.T.A. Hoffmanns Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern gilt als wegweisendes Werk der Metaliteratur. Es reflektiert die eigenen Konstruktionsprinzipien des Textes auf brillante Weise: Der Kater Murr präsentiert sich als gebildeter, eitler Autobiograf und Dichter, dessen „Lebens-Ansichten“ ständig durch eingestreute, angeblich versehentlich vermischte Makulaturblätter über den genialisch-zerrissenen Musiker Johannes Kreisler unterbrochen werden. Diese doppelte Struktur, die editorische Fiktion (der Herausgeber „findet“ und „ordnet“ die Blätter), die Selbstbespiegelung des Schreibprozesses, die Satire auf Bildungsroman und Philistertum machen das Buch zu einem frühen Musterbeispiel metaliterarischer Verfahren; übrigens lange vor den Experimenten des 20. Jahrhunderts.
„Meine Urururgroßmutter war Mina Murr, die Tochter des Katers Murr.“
Mit Schmieds Katze greife ich diese Tradition bewusst auf und führe mit Félin Murr eine weibliche Katze ein, die über eine bloße Hommage hinausgeht. Die Katze ist genealogisch mit der Murr-Linie verbunden („Meine Urururgroßmutter war Mina Murr, die Tochter des Katers Murr“), so hat sie dem Schmied in einem ihrer Vertellstückskers diktiert, die von ihr in Buchform und darüber hinaus in dieser Online-Publikation erscheinen. Und zu der ausserdem Martin Vanselow seine Street-Photography beiträgt, die weit über das Bebildern hinausgeht. Ich freue mich über die Zusammenarbeit bei dieser Online-Publikation weil ich die Zusammenarbeit mit Martin als besonders bereichernd empfinde, da seine Werke nicht nur faszinierende Alltagsszenen einfangen, sondern auch als großartige Sozialstudien fungieren. Die Fotografien hinterfragen oft gesellschaftliche Normen und zeigen soziale Strukturen auf, seine Kompositionen sind kunstvoll gestaltet und ziehen den Betrachter in ihren Bann. Die enge Verbindung zwischen den visuellen Eindrücken und den gesellschaftlichen Themen macht Martins Fotos nicht nur zu einem visuellen Genuss, sondern – so steht zu hoffen – auch zu einem Denkanstoß über verschiedene Lebensrealitäten, die am De-industrialisierten Teil des ´oberen Ruhrgebiets` durch Klassismus geprägt ist.
Die Poesie des Unscheinbaren
In einer Ära der visuellen Überwältigung, in der das Spektakuläre oft nur einen Mausklick oder einen flüchtigen Scroll-Moment entfernt ist, wirkt die Streetphotography von Martin wie ein bewusster Schritt zurück – oder besser: ein tiefes Einatmen. Während viele das „Besondere“ im Lauten und Schrillen suchen, findet Vanselow es im Flüstern des Alltags. Seine Arbeit ist eine Hommage an das Leise, eine Suche nach Ordnung im urbanen Chaos. Martins Bilder verweigern sich der schnellen Sensation. Er fotografiert nicht den Schock oder das Extrem. Stattdessen kultiviert er den Verzicht auf das Aufdringliche. Das Projekt „Schmieds Katze“, das sich oft mit dem Handwerklichen und dem Unverfälschten auseinandersetzt, findet in Martin eine perfekte Entsprechung: Fotografie nicht als Effekthascherei, sondern als präzises Handwerk der Beobachtung. Er sucht den „entscheidenden Augenblick“ – jenen kurzen Moment, in dem die Welt für einen Herzschlag stillzustehen scheint. Es ist das Zusammenspiel von hartem Schatten und sanftem Licht, von geometrischer Strenge der Architektur und der weichen, oft fragilen Regung eines Passanten. In diesen Momenten korrespondieren Komposition und Menschlichkeit so vollkommen, dass das Bild über die bloße Dokumentation hinauswächst. Der Alltag ist für die meisten von uns ein „graues Rauschen“ – eine Abfolge von Routine und Unaufmerksamkeit. Martin agiert hier als Seismograph. Er isoliert faszinierende Fragmente aus diesem Rauschen. Ein einsamer Rücken im Gegenlicht, eine Handbewegung an einer Straßenecke oder das grafische Muster eines Zebrastreifens werden bei ihm zu Hauptdarstellern. Durch seinen Blick erhalten diese flüchtigen Sekunden eine fast poetische Dauer. Was im nächsten Moment schon wieder vergangen und vergessen wäre, wird durch seine Linse konserviert und in eine Form gegossen, die dem Betrachter Zeit gibt. Zeit zum Innehalten, Zeit zum Entschlüsseln der Geschichte hinter dem Bild. Die Streetphotography von Martin lehrt uns, dass Schönheit kein Ereignis sein muss, das uns anspringt. Sie ist vielmehr ein Zustand, den man entdecken kann, wenn man bereit ist, genau hinzusehen. Für „Schmieds Katze“ symbolisieren seine Arbeiten die Essenz der kreativen Arbeit: Mit Geduld, technischer Finesse und einer tiefen Empathie für das Sujet etwas Bleibendes aus dem Flüchtigen zu schaffen. Martin zeigt uns nicht die Welt, wie sie ist – er zeigt uns, wie sie sich anfühlt, wenn man das Rauschen für einen Moment ignoriert.
„Schmieds Katze“ durchbricht Grenzen der klassischen Erzählungen und greift dabei auf verschiedene narrative Elemente zurück. Im hybriden Format einer Online-Publikation wird ein tiefgehender Blick auf die Themen Erzählen, Identität und Alltagsbeobachtung im 21. Jahrhundert geworfen.
„Schmieds Katze“ geht über die reine Reverenz hinaus. Félin Murr aktualisiert das metaliterarische Spiel zwischen Rezeptionsgeschichte und digitaler Gegenwart, in unorthodoxen Strukturen aus Literatur, Fotografie und Regionalbezug (5760 Neheim im Sauerland). Die Herausgeberfiktion schafft eine zusätzliche Dimension, die die Leser dazu einlädt, über die Authentizität und die Entstehung von Texten nachzudenken. Durch diese Ansätze gelingt es Félin Murr, die Relevanz von narrativen Strukturen in der heutigen Zeit zu hinterfragen und neu zu interpretieren. Die Kombination aus literarischen und visuellen Elementen fördert eine tiefere Reflexion über die Art und Weise, wie Geschichten erzählt werden können und welche Bedeutung sie in der modernen Welt haben. Eine Katze als Erzählerin öffnet die Tür zu einer reflexiven Auseinandersetzung mit Konzepten wie Identität und der Frage Wie definiert sich das Selbst in der heutigen Welt? Die Erlebnisse von Félin Mur spiegeln alltägliche Herausforderungen und Freuden wider, was einen neuen Blick auf die menschliche Existenz ermöglicht. Bei alledem dient die Katze nicht nur als putzige Referenz, sondern als Vehikel für eine reflexive Auseinandersetzung mit Erzählen, Identität und Alltagsbeobachtung im 21. Jahrhundert.
In „Schmieds Katze“ entfaltet sich zwischen dem Schmied und der Katze Félin Murr eine Beziehung, die weniger durch das Offensichtliche als durch das Ungesagte definiert wird. Diese unartikulierte Leerstelle ist das emotionale und erzählerische Zentrum dieser Konstellation.
Das ´Autosoziobiografisches Schreiben` befreit von der Last psychologische glaubwürdige Haupt- und Nebenfiguren erfinden zu müssen, die nur dann glaubwürdig sein können, wenn sie auch ´wirklichkeitsnah` sind, wie Literaturkritiker nicht müde werden und auch im 21. Jahrhundert einfordern. Seit dem Ulysses von James Joyce lastet auf der klassischen Fiktion (Roman, Erzählung) ein enormer Glaubwürdigkeitsdruck auf den erfundenen Figuren: Man muss ihre Psychologie, Sprache, Motivationen, sozialen Codes, Körpersprache undsofort… so gestalten, dass sie nicht wie Klischees wirken, gleichzeitig aber auch nicht zu nah an realen Personen geraten (beim bestehenden Rechtsrisiko und einer durchaus vorhandenen moralischen Hemmung), und das alles noch in einer konsistenten, dramaturgisch sinnvollen Weise über hunderte Seiten tragen. Noch dazu soll das nicht mehr nur aufklären (Aufklärung ist nurmehr ein Nebeneffekt) , sondern vor allem unterhalten.
Es war Franz Kafka, der einen Menschen als Käfer erwachen lies, warum sollte eine sprechende und wie ein Mensch denkende Katze unglaubwürdiger sein?
In „Schmieds Katze“ entsteht keine bloße Tierperspektive, sondern eine autosoziobiografische Erzählform, in der Mensch und Tier einander nicht nur ergänzen, sondern auch Reibung und Irritation erzeugen, was die Dynamik zwischen beiden Parteien verstärkt und zu einem tieferen Verständnis ihrer Interaktionen führt. Félin Murr hingegen repräsentiert das Unbekannte, sie repräsentiert eine andere Dimension des Zusammenlebens, in der das Tier nicht bloß ein Begleiter ist, sondern mysteriöse und befremdliche Eigenschaften in sich trägt, die den Leser herausfordern und zum Nachdenken anregen. Diese konfrontative Beziehung beschreibt eine zusätzliche Ebene der Entfremdung und des Staunens im menschlichen Verständnis der Tierwelt. Félin Murr ist somit eine Figur, die durch ihr Verhalten und ihre Nonchalance den Schmied herausfordert, über seine eigenen Grenzen hinauszudenken. Ihre geheimnisvolle Art ist nicht nur eine Quelle der Irritation, sondern auch des Lernens für den Schmied. Durch sie wird ihm bewusst, dass es möglicherweise Geheimnisse gibt, die über das rational Begreifbare hinausgehen… wie der Existenz eines Paralleluniversums.
Die Katze schafft es, eine ständige Irritation zu erzeugen. Diese Verunsicherung ist nicht nur im Raum fühlbar, sondern auch im Geist des Schmieds. Er erkennt, dass er sich nicht nur mit der physischen Realität, sondern auch mit einer emotionalen Dimension auseinandersetzen muss.
Félin Murr hütet kein Geheimnis, sie verbirgt ein Mysterium, von dem sie selbst nicht einmal ahnt, dass es existiert. Diese unartikulierte Leerstelle schwingt als permanente Irritation mit. Sie manifestiert sich nicht in dramatischen Gesten oder expliziten Aussagen, sondern in minimalen Verschiebungen: einem kaum merklichen Zucken des Schwanzes, einer leichten Neigung des Kopfes beim Lauschen, einer winzigen Veränderung in der Betonung eines Satzes, den sie – metaphorisch oder poetisch – in den von ihr diktierten Beiträgen formuliert. Der Schmied wird durch die Katze ständig daran erinnert, dass eine Erzählung unvollständig bleibt. Félin Murr verwandelt die autosoziobiografischen Vertellstückskers in ein Resonanzfeld, in dem das Unaussprechliche nicht gefüllt, sondern gleichsam zwischen den Zeilen hörbar gemacht wird.
Der Schmied verkörpert das Handwerkliche, das Greifbare und Statische. Er arbeitet mit Eisen und Feuer – Elementen, die einer klaren Logik folgen. Félin Murr hingegen fungiert als sein antithetisches Korrelat.
Diese Konstellation knüpft sehr bewusst an literarische Traditionen an. Wie bei Hoffmanns Kater Murr, der seine Lebensansichten mitten in die Biografie eines Kapellmeisters hineinmontiert, unterbricht hier die Katze die menschliche Chronik. Doch während Hoffmanns Kater noch ironisch-satirisch agiert, operiert Félin Murr mit einer stillen, fast zen-artigen Präsenz. In ihrem Beitrag Resonanzraum für das Sein beschreibt sie die Stille des Lüerwalds als haptischen Filter, der Reizüberflutung abbaut und den eigenen Atem, das Knacken eines Zweiges, die Weite des Horizonts in den Vordergrund rückt. Die Katze ist nie stimmungslos in der Welt. Genau diese scheinbare Gelassenheit erzeugt beim Schmied die Irritation: Sie scheint mehr zu wissen – oder besser: sie verkörpert ein Wissen, das Jenseits menschlicher Artikulation liegt. Ihr Körper, ihre Bewegungen im Unterholz, ihre Art, den Kopf zu neigen, wenn der Schmied von Heimatverlust spricht, bilden eine non-verbale Kommentarebene. Die Leerstelle wird zur produktiven Störung. Sie verhindert, dass die autosoziobiografischen Erzählungen in bloßer Heimat-Nostalgie oder soziologischer Analyse erstarren.
„Schmieds Katze“ lässt sich als Studie über die Unvollständigkeit der Wahrnehmung betrachten. Der Schmied sucht nach einer Wahrheit in Félin Murr, die vielleicht nur in der Reibung zwischen seiner Erwartung und ihrer unnahbaren Präsenz existiert.
Als Herausgeber sammle ich Texte über den Verlust lokaler Identität, den Klassismus und die Frage, was ´Heimat` heute eigentlich noch bedeutet – sei es beim Steineflitschen am Sauerländischen Meer oder der Hinweis zum Sonderpostwertzeichen zum 250. Geburtstag von E.T.A. Hoffmann; es steht zu hoffen, dass die subtile Irritationen von Félin Murr jede endgültige Festlegung unterläuft. Die Katze ist keine niedliche Begleiterin, sondern eine ethnografische Kuriosität in Katzengestalt: Sie beobachtet intergenerationales Wissen (Vater lehrt Sohn), sie forscht in ihrer eigenen Ahnenlinie (vom gestiefelten Kater bis zu Hoffmann), und sie stellt in Ad fontes sogar das autosoziobiografische Schreiben selbst infrage. Ihre Beiträge sind kleine Verschiebungen im Textgefüge – genau jene „leichte Verschiebung bei der Betonung eines Satzes“, die den Schmied spüren lässt, dass da etwas ist, was er nicht greifen kann.
Die Arbeit des Schmieds am Amboss ist nicht nur eine physische Betätigung, sondern auch ein Ausdruck seines inneren Lebens. Er formt, gestaltet und gibt dem Metall eine neue Form, während er gleichzeitig die Formen seiner eigenen Träume und Ängste versucht zu begreifen.
Auch wenn sich mein Nachname aus dem mittelhochdeutschen Wort ´smit` ableitet, ist der Schmied nicht mein Alter Ego, meine Aufgabe ist die des Herausgebers. Die Legende von „Schmieds Katze“ beginnt im sauerländischen Dorf Herdringen, als dem Schmied in frostigen Winternacht eine streunende Katze zulief. Sie bewegte sich wie flüssiger Schatten zwischen den Funken, unbeeindruckt von Hitze und Lärm. Der Schmied war so fasziniert von ihrer Anmut, dass er beschloss, dieses Wesen in Ewigkeit zu bannen. Er nahm den feinsten Stahl, den er besaß, vergaß unter der Arbeit zu essen und zu schlafen. Er hämmerte nicht gegen das Eisen, er flüsterte ihm zu. Als der Dampf aufstieg dehnte sich Metallkatze, stieß ein lautloses Schnurren aus. Seither erzählt man sich, dass die Skulptur nachts durch das Dorf wandert. Sie bewacht die Handwerker, die mit wahrer Hingabe arbeiten, und hinterlässt dort, wo sie geht, kleine, silbern glänzende Pfotenabdrücke im Ruß.
Die Schmiede lässt sich als eine Wunderkammer betrachten, ein Raum in dem außergewöhnliche und kuriose Objekte hergestellt werden.
Die Konstellation Schmied / Félin Murr wird damit zur Metapher für das Projekt selbst. Das ´Autosoziobiografisches Schreiben` gelingt aus meiner Sicht als Herausgeber nur, wenn das eigene Erzählen durch eine fremde, nicht-menschliche Instanz gestört wird. Der Schmied sammelt nicht nur Katzenfiguren in einer Vitrine (wie Félin Murr ironisch vermerkt), er sammelt auch die Irritationen, die seine Katze erzeugt. In der Sammlung von Vertellstückskers soll etwas Neues entstehen: keine harmonische Mensch-Tier-Idylle, sondern eine spannungsreiche Allianz, in der das Unartikulierte zum eigentlichen Motor der Erkenntnis wird. Félin Murr verbirgt kein Geheimnis – sie ist das Geheimnis, das der Schmied erahnt, ohne es je benennen zu können. Und genau dadurch wird „Schmieds Katze“ – so steht zu hoffen – mehr als eine regionale Anthologie: Sie wird zu einem Resonanzraum, in dem menschliche Biografie und tierische Präsenz einander durchdringen und die Grenzen des Sagbaren sichtbar machen.
Der Schmied hat oft das Gefühl, dass Félin etwas verbirgt. Dieses Instinkt wird durch die Körpersprache der Katze verstärkt, die reich an Bedeutung ist. Eine kleine Veränderung in ihren Bewegungen oder eine leicht abweichende Betonung ihrer Geräusche kann beim Schmied den Eindruck erwecken, dass nicht alles so ist, wie es scheint.
In einer Zeit, in der Heimat- und Identitätsdiskurse verkrustet sind, bietet diese Konstellation ein Modell sanfter, aber nachhaltiger Verstörung. Die Beziehung zwischen dem Schmied und Félin Murr ist komplex und dynamisch. Der Schmied versucht, die Katze zu erfassen und zu begreifen, während Félin Murr ihm immer wieder entgleitet. Diese Spannung zwischen dem Bedürfnis, Kontrolle zu haben, und der Akzeptanz des Unbekannten ist zentral für die Vertellstückskers. Es ist eine Beziehung, die sowohl Komfort als auch Unbehagen birgt. Der Schmied und seine Katze zeigen: Wahre Selbst- und Gesellschaftserzählung braucht nicht nur Worte, sondern auch jene winzigen, körpersprachlichen Leerstellen, die uns irritieren – und dadurch erst wirklich wach machen.
Es bleibt mir keine andere Wahl, als dem rhythmischen Hämmern des Schmieds und dem Schnurren der Katze weiter zuzuhören.
Ihr Johannes Schmidt (Herausgeber)
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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt (Hg). Edition Das Labor 2025
Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern ist ein satirischer Roman von E.T.A. Hoffmann. Die beiden Bände erschienen 1819 und 1821.
The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman ist ein zwischen 1759 und 1767 erschienener Roman des englischen Schriftstellers Laurence Sterne (1713–1768).

Weiterführend→ Als Romanheld bringt es Tristram Shandy nur bis zur ersten Hose, die den Kleinen damals im Alter von vier bis fünf Jahren angezogen wurde. Dafür beginnt seine Karriere früher als gewohnt, gleich mit der Zeugung. Laurence Sternes Tristram Shandy ist kein Roman im klassischen Sinne, sondern ein literarischer Urknall, der die Gesetze des Erzählens erschüttert. Während zeitgenössische Autoren des 18. Jahrhunderts bemüht waren, die Welt geordnet abzubilden, schuf Sterne mit seinem Anti-Helden Tristram ein Werk, das die Subjektivität des Geistes feiert. Das Buch ist eine ebenso wilde wie witzige Abschweifung über Ausschweifungen, Philosophie sowie über Familien-, Kunst- und Kriegsgeschichte in der Tradition von Rabelais und Cervantes. Das Besondere an Sternes Genie ist die Erkenntnis, dass das menschliche Denken nicht linear verläuft. Unsere Gedanken springen, assoziieren und verlieren sich in Details. Sterne macht diesen Assoziationsfluss zum Prinzip. Sterne bricht radikal mit der Illusion des Realismus. Er spielt mit dem Medium Buch selbst: Er fügt schwarze Seiten für die Trauer ein, marmorierte Blätter als Sinnbild des Chaos und lässt leere Räume, damit der Leser das Porträt seiner Geliebten selbst entwerfen kann. Diese Metafiktion macht den Leser zum Komplizen. Wir werden ständig daran erinnert, dass wir ein Artefakt in Händen halten, das im Moment des Schreibens entsteht. Sein Werk ist eine Liebeserklärung an das Unvollkommene und die totale Freiheit des Geistes, die sich über jede literarische Konvention hinwegsetzt. Friedrich Nitzsche bezeichnete ihn als: Der freieste Schriftsteller.
→ Bereits zum 150. Todestages gab die Deutsche Bundespost Berlin in 1972 eine Briefmarke zu 60 Pfennig heraus. – Ein Sonderpostwertzeichen ist auch zum 250. Geburtstag von E.T.A. Hoffmann geplant. – Das ´Autosoziobiografische Schreiben` lebt von der Verknüpfungskompetenz, die das Ganze des kulturellen Lebens überblickt. Lesen Sie dazu auch den Hinweis: „Zu den Quellen“.