Weltniveau

Die Firma NMI hatte den „Dreiblitz“ als Markenzeichen. Wilhelm Kaiser errichtete das Betriebsgelände an der Möhnestraße in Neheim.

Martin Vanselow dokumentiert das Gebäuede der Neheimer Metallindustrie (NMI). Der „Dreiblitz“ wurde das Markenzeichen.

Drei Zacken, im Putz erstarrt. Das Markenzeichen der Neheimer Metallindustrie war kein Ornament, sondern ein Befehl an das Auge: Hier wird die Nacht bezwungen. Im Arsenal des zwanzigsten Jahrhunderts war der Blitz das Zeichen der Beschleunigung, das visuelle Chiffre der Elektrifizierung. Doch an der Fassade in Neheim wirkten die drei Blitze zuletzt wie Hieroglyphen einer versunkenen Zivilisation. Sie kündeten von einer Epoche, die glaubte, das Licht der Welt ließe sich in westfälischen Werkstätten serienmäßig fabrizieren. Als die Arbeiter 1978 gingen, blieb das Emblem zurück – als ein Plakat, dessen Versprechen von der Zeit überholt worden war.

Der Strukturwandel ist der große Kehrwicht der Geschichte. Er fegt die Fabriken leer und hinterlässt eine Leere, die man fälschlicherweise für Raum hält. Was wurde aus den Wohnraumleuchten, den Außenlaternen, den Messingfassungen? Sie sind in die Anonymität der Flohmärkte und die Vergessenheit der Dachböden diffundiert. Im Fundbüro der Erinnerung lagert die Neheimer Leuchtenindustrie als ein Haufen Altmetall. Wer heute eine Dreiblitz-Lampe anknipst, betreibt Geisterbeschwörung: Der Strom ist neu, aber die Form verharrt im Jahr ihrer Liquidation.

Wer heute die Möhnestraße befährt, sucht vergeblich nach dem Funken, der einst eine ganze Stadt erleuchtete. Wo früher das Blech gestanzt und der Strom in metallene Fassungen gezwungen wurde, dehnt sich heute die sterile Glätte eines Neubaus. Nichts erinnert mehr an die Tankstelle des Lichts, die diese Fabrik einmal war. Doch die Erinnerung an ein Gebäude gehorcht nicht den Gesetzen der Architektur, sondern denen der Demontage. Man hat die Mauern geschleift, aber das Bild des Dreiblitz-Hauses steht quer im Gedächtnis der Straße wie ein unaufgelöstes Rätsel. Es ist das Schicksal der Moderne, dass ihre Kraftwerke am schnellsten zu Ruinen werden.

Die Zerstörung eines Fabrikgebäudes ist keine Angelegenheit der Statik allein. Sie ist das Auslösen einer Lawine von Bildern. Wer den Neubau betrachtet, sieht das Vergessene nur umso deutlicher. Die Moderne tilgt ihre Spuren, um Platz für das Funktionale zu schaffen, doch die Architektur des Kapitals bleibt immer schwindsüchtig. Sie hat keine Tiefe, keine Schichten, keinen dialektischen Schauder. Das Dreiblitz-Haus besaß diesen Schauder im Stadium seines Verfalls. Im weißen Putz des Neuen ist er eingefroren.

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„Achtung Stromüberschlag“

Weiterführend Die Elektrotechnik reizte die Neheimer Künstler Peter Meilchen und Haimo Hieronymus zu einer künstlerischen Auseinandersetzung.

Lesen Sie auch den Nachruf über Peter Meilchens Lebenswerk und den Essay 50 Jahre Krumscheid / Meilchen über die Retrospektive im Kunstverein Linz und den Essay zum Buch / Katalog-Projekt 630.

In der Werkstattgalerie Der Bogen werden nicht nur Ausstellungen gezeigt, sondern auch Künstlerbücher – direkt vor Ort entworfen, gedruckt und vervielfältigt. Sie sind Ausdruck von Kreativität, handwerklichem Geschick und einem tiefen Verständnis für die Grenzen und Möglichkeiten von Kunst. Vertiefend zum Thema Künstlerbücher lesen finden Sie hier einen Essay. – Weiterführend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.