Manufaktur

Zeit vergeht, Licht verbrennt. Noch ehe das Vorangegangene zum Abschluss kommt, wird der nächste Moment zum Beginn von etwas Neuem.

Wo wäre eine Druckwerkstatt besser verortet, als in der oberen Etage in dieser Fabrik?

Das Wort scheint eine Patina zu haben, der Begriff ´Manufaktur` wird im Sinne von „Handfertigung“ mit hoher Produktqualität, Luxusgegenständen und Exklusivität verbunden und daher gerne für hochpreisige Waren eingesetzt. Schon im mittelalterlichen Europa entstanden Manufakturen für die Herstellung von Papier, seit dem 15. Jahrhundert auch solche für den Buchdruck. Eine Kleinstverlag bezeichnet einen unabhängigen Betrieb, der Künstlerbücher entwickelt, herstellt und weitgehend auf Zulieferer verzichtet. Die Herstellung von Künstlerbüchern, besonders Montage und Justage der Seiten betreffend, sodass angesichts manueller, filigraner Arbeit eine Manufaktur im wörtlichen Sinne vorliegt.

In der Werkstattgalerie Der Bogen werden nicht nur Ausstellungen gezeigt, sondern Kunstwerke – darunter Künstlerbücher – direkt vor Ort entworfen, gedruckt und vervielfältigt. Das entspricht dem Fluxus-Gedanken, Kunst durch Druckerzeugnisse schnell und direkt zu verbreiten und ein kommunikatives Netzwerk aufrechtzuerhalten

In den 1960er-Jahren, mit dem Aufkommen von Konzeptkunst und Fluxus, kam erstmals – neben kleinen Schachteln, Auflagenobjekten und Zeichnungen – international die Form der in kleiner nummerierter Auflage gedruckten Künstlerbücher auf. Sie berichteten von Handlungen, Freundschaften und Situationen „die den Vorteil hatten, verschickt werden zu können, um das freundschaftliche kommunikative System aufrechtzuerhalten.“ Der Ansatz von Fluxus, mit der Utopie eine Kunst für jedermann zu sein, zeigte, wie Druckerzeugnisse für eine schnelle Verbreitung von Ideen und Strategien eingesetzt werden können. Sowohl in kleiner Auflage als auch als Serienprodukt entstehen auch heute noch Konzeptbücher, Objektbücher, Collagen, Leporellos, Schriftrollen, Hefte, Loseblattsammlungen, intermediale Schachteln oder Multiples aus verschiedensten Materialien. Die Werkstattgalerie Der Bogen führt die Ideen der 1960er-Jahre und Ulises Carrións „neue Kunst des Büchermachens“ auf mehreren Ebenen fort. Im Zentrum steht die eigene Druckwerktsatt. Hier entstehen – ganz im Sinne des Fluxus-Gedankens der Demokratisierung von Kunst – Druckgrafiken und Editionen in kleinen Auflagen, die als „demokratische“ Kunstobjekte fungieren. Die Werkstattgalerie Der Bogen verbindet Literatur, bildende Kunst und Performanfe, Formate wie das „Object-Musiktheater“ oder poetische Performanves, die zeigen, dass die Vermittlung von Sprache und Narration über das klassische Buch hinausgeht. Diese Werkstattgalerie ist somit kein reiner Präsentationsort, sondern ein lebendiges Archiv und Labor für die von Carrión definierte „neue Kunst“, bei der das Machen, das Lesen (im Sinne der Wahrnehmung) und der Raum eine untrennbare Einheit bilden. Die traditionelle Form des Buches, bestehend aus bedruckten Seiten zwischen Buchdeckeln, wird von den Künstlern dabei variiert oder nicht selten auch in Frage gestellt, wie zuletzt von Haimo Hieronymus.

Gerade erschienen, der Katalog von Haimo Hieronymus. Auf der Titelseite finden Sie einen Originaldruck.

Haimo Hieronymus’ Arbeit ist als ethisches wie ästhetisches Plädoyer verstehen: für Langsamkeit, für die Würde des Materials und für eine Kunst, die in der Berührung mit ihrem Publikum konkreten, sinnlichen Mehrwert stiftet. Seine Künstlerbücher sind keine reinen Sammlerstücke; sie sind Arbeitsräume, Denkmaschinen und Erfahrungsfelder zugleich. Sie modalieren eine Form der Aufmerksamkeit, die in unserer Gegenwart entschleunigt, vertieft und die lesende Hand – nicht nur das Auge – zur Bedingung des Kunstgenusses macht. Er rettet das Buch als Kunstwerk in die Gegenwart. Seine Künstlerbücher sind Ankerpunkte der Kontemplation. Wer den Katalog zur aktuellen Ausstellung zur Hand nimmt, wird Teil eines exklusiven Dialogs zwischen Handwerk und freier Kunst – ein Erlebnis, das sich jeder algorithmischen Verwertbarkeit entzieht.

„Ein Buch ohne Druckfehler ist unanständig.“

V. O. Stomps

Die Werkstattgalerie ‚Der Bogen‘ in Neheim hat sich einen Namen gemacht, der über die Grenzen Deutschlands hinausreicht. Ihr Schwerpunkt auf der handwerklichen Erarbeitung von Künstlerbüchern hat nicht nur eine besondere Nische in der zeitgenössischen Kunst geschaffen, sondern auch eine Plattform für innovative Ausdrucksformen. Durch die Verbindung von Materialität und Konzeptualität beschäftigen sich die Künstlerbücher in dieser Galerie mit tiefgründigen Fragen zur Natur von Kunst und dem kreativen Prozess. Unbeirrt setzen diese Artisten den kulturbetrieblichen Trends die unleugbare, virtuell nicht reproduzierbare Schönheit bibliophiler Buchausgaben entgegen, verbunden mit einem entschleunigten Prozess der Entstehung des Buches und einer exklusiv begrenzten, jedoch auf Nachhaltigkeit angelegten Verbreitung. Das benjaminsche Diktum der Aura eines Kunstwerks reicht von den Materialbüchern des Jürgen Diehl, über die Schland-Box von Peter Meilchen, bis hin zu Haimo Hieronymus Erkundungen über die Möglichkeiten der Linie zwischen Schrift und Zeichnung findet sich eine Vielfalt des Ausdrucks, die ihresgleichen sucht.

Die Druckwerkstatt in der Werkstattgalerie ‚Der Bogen bewlegt, dass das Buch als Kunstform weit über seine traditionelle Rolle hinausweist. Es ist ein Medium des Widerstands gegen die Beliebigkeit. In diesen Werken verschmelzen Geist und Materie zu einer Einheit, die zeigt, dass wahre Innovation oft in der tiefen Durchdringung des Handwerks liegt.

Die Künstlerbücher aus der Werkstattgalerie ‚Der Bogen‘ sind weit mehr als nur gedruckte Werke. Sie sind Ausdruck von Kreativität, handwerklichem Geschick und einem tiefen Verständnis für die Grenzen und Möglichkeiten von Kunst. Die Druckwerkstatt in der Werkstattgalerie ‚Der Bogen‘ ist das funktionale Herzstück, in dem die künstlerische Vision in materielle Form überführt wird. Sie fungiert nicht nur als Produktionsstätte, sondern als experimentelles Labor für die Verbindung von bildender Kunst und Literatur. Hier entstehen die für die Galerie charakteristischen bibliophilen Buchausgaben und Materialbücher. Die Werkstatt ermöglicht es Künstlern, den gesamten Entstehungsprozess – vom ersten Entwurf der Linie bis zur physischen Bindung – zu kontrollieren. Die Ausstattung erlaubt die Anwendung verschiedenster Techniken wie Ätzradierung, Kaltnadelradierung und klassischen Tiefdruck. Auch experimentelle Verfahren wie spezielle Leimformdrucke (z. B. im Künstlerbuch Idole) werden hier realisiert. Die Künstlerbucher aus Neheim fordert den Betrachter als Akteur. Es genügt nicht, die Seiten visuell zu scannen; man muss das Gewicht spüren, den Widerstand des Materials erfahren und die Rhythmik des Umblätterns begreifen. Diese Bücher loten die Grenzen des Mediums aus: Typografie wird zur Grafik, Leerräume werden zu Erzählern. Sie sind ein Plädoyer für die Entschleunigung und machen diese Werkstattgalerie zu einem Laboratorium der zeitgenössischen Ästhetik, in dem das Wissen alter Meister auf den Mut moderner Experimente trifft. Hier wird die Aura von Walter Benjamin nicht nur bewahrt, sondern erfrischend neu interpretiert, wodurch die Werkstattgalerie ‚Der Bogen‘ zu einem bedeutenden Ort für die zeitgenössische Kunstszene in Deutschland wird.

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Gerade erschienen: Ziemlich zufällige Zwischenstände, Katalog von Haimo Hieronymus. Die Ausstellung ist zu den bekanten Besuchszeiten geöffnet.

Vorankündigung: Mit und ohne Worte, Ausstellung am 05.07.2026, ab 15.00 Uhr von Katja Butt in der Werkstattgalerie Der Bogen (Möhnestraße 59 | 59755 Neheim, bei Arnsberg)

Katja Butt. Foto: Wolfgang Lüttgens

Weiterführend → Katja Butt aus Köln erhielt in Anerkennung ihres künstlerischen Werks das Hungertuch für Bildende Kunst 2007. – Ein Recap des Hungertuchpreises.

→ Weiter beginnen. Wir fangen an. Ein Theaterabend. Studiobühne Köln, mit Heidrun Grote, Bühnenbild: Katja Butt, 2009

→ Eine Erinnerung an die Ausstellung Wasserkur von Katja Butt im Rheintor, Linz – Anno Domini 2011. – Einen Essay zur Rheintorreihe finden Sie hier.

Vertiefend zum Thema Künstlerbücher lesen finden Sie hier einen Essay. – Weiterführend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus über Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.