Es gibt keinen Zuphall, außer dem mit ph

Mit dieser Ausstellung leitet Haimo Hieronymus seine Selbstkanonisierung ein.

´Warum` – 200 x 200 – Eitempera, 2017

Obwohl er möglicherweise der letzte Renaissance-Mensch des Sauerlands ist, Hieronymus lässt sich ungern einer Etikettierung zuordnen. Ob Lehrer, Künstler, selbst in der Prosa lässt er sein Alter-Ego – Herr Nipp für sich sprechen; er spielt viele Rollen im Theater des Sozialen. Im Rückblick auf sein vielgestaltiges Oeuvre betrachten wir in seiner selbst kuratierten Ausstellung künstlerische Arbeiten, bei denen der Artist in regelmäßiger Abfolge eine neue Abzweigung nimmt, wir sind eingeladen ihm zu folgen. Der Betrachter darf sich beim Rundgang durch die Werkstattgalerie immer wieder auf neue Überraschungen ästhetischer Art freuen. Es ist eine Einladung, Kunst nicht als abgeschlossenes Resultat, sondern als Momentaufnahme eines unaufhörlichen Flusses zu begreifen. Der Artist präsentiert großformatige Bilder, die den Raum nicht nur füllen, sondern beherrschen. Diese Formate sind notwendig, um der Wucht seiner Technik gerecht zu werden. Hieronymus arbeitet oft in Schichten; er überlagert, verwirft, kratzt auf und fügt hinzu. Das Ergebnis ist kein statisches Abbild, sondern ein energetisches Feld. Hieronymus‘ Arbeiten sind intuitiv wirkende Spiele mit der Wahrnehmung, die für das, was wir sehen, erleben, empfinden, neue Landschaften skizzieren, die alles Gewohnte hinter sich lassen. Die Distanz zu Pinsel, Stift und Papier wächst, man kann sich noch nicht sicher sein, wie zwangsläufig, günstig oder grausam das für die Kunstwelt sein wird.

„Es gibt keinen Zufall; und was blindes Ungefähr nur dünkt, gerade das steigt aus den tiefsten Quellen.“

Friedrich Schiller

Der „Zufall“, den Hieronymus im Titel anführt, ist kein Zeichen von Beliebigkeit, sondern bewusstes Zulassen von Unvorhersehbarem – ein Spiel mit der Materie, bei dem er die Kontrolle dort abgibt, wo die Eigendynamik der Farbe oder der Linie übernimmt. Die großformatigen Bilder entfalten eine physische Präsenz. Auf vielen Leinwänden entstehen Räume, in denen Farbfelder, Linien und Formen aufeinandertreffen – zuweilen zufällig verteilt, manchmal mit zeichnerischer Klarheit skizziert. Hieronymus treibt ein Spiel mit der Zufälligkeit: Tropfspuren, Überlagerungen oder scheinbar unkontrollierte Farbverläufe wirken wie eingefangene Momente des Entstehungsprozesses. Gleichzeitig bleibt die kompositorische Intelligenz spürbar. Der Zuphall, als Mittel eingesetzt, um etwas zum Vorschein zu bringen, das jenseits bewusster Kontrolle liegt – das visuelle Unterbewusstsein der Malerei. Der Künstler hat Spuren hinterlassen an die sich der Betrachter in dieser Retrospektive heften kann. Die Entwicklungsgeschichte kann als Suchscheinwerfer auf die zerklüftete Landschaft der heutigen Malerei gedeutet werden. Er denkt mit Pinsel, Spachtel und Ölkreide. Seine Bilder belegen die komplexen Herausforderungen einer aktuellen und originären Herangehensweise. Es geht um die alten Fragen der Malerei: Fläche und Tiefe, Kompositionen, die Spannung erzeugen, das Bild zusammenhalten und nicht auseinander fallen lassen. Hieronymus umkreist das Motiv eher zeichnerisch, er sperrt den vermeintlichen Inbegriff von Realität in ein wucherndes, malerisches Geflecht von Farben und angedeuteten Formen. Willkommen im Fragment!

Bücher sind im Zeitalter der Industrialisierung zu einem Massenprodukt geworden. Möglicherweise sind die Künstlerbücher von Haimo Hieronymus sein eigentliches Hauptwerk.

insich, von Haimo Hieronymus, 1997

Wer sich mit dem Totholzgebiet beschäftigt, gehört nicht nur im Hinterland künstlerisch zur Arrieregarde. Ein großer Vorteil des Kulturföderalismus ist, daß man die dichten Buchen- und inzwischen eher lichten Fichtenwälder im Hinterland findet. Das plattdeutsche „Suerland“ bedeutet keineswegs, daß auf dem alten Holzweg kaum etwas nachwächst. Manches muss vorher nur wegbrechen. Ein Holzschnittbuch ist ein von Holzstöcken gedrucktes Buch, bei dem die Druckform jeweils für eine ganze Seite mit Bild und/oder Text aus einer Holztafel geschnitten wurde (Blockdruck). Manchmal wurden Texte nachträglich noch von Hand oder mit Lettern zu den gedruckten Bildern hinzugefügt. Die Datierung der europäischen Holzschnittbücher erstreckt sich auf das 15. Jahrhundert. Von einigen Wissenschaftlern wird sie schon vor der Weiterentwicklung der Buchdruckkunst durch Gutenberg um 1420 angesetzt.

Der Neheimer Haimo Hieronymus ist in der Nähe des Alten Holzwegs aufgewachsen. In der Werkststattgalerie Der Bogen erweckt der Künstler mit seiner Arbeit die Erinnerung an die Blockbücher zu neuem Leben. Die Besonderheit seiner Künstlerbücher liegt darin, daß die bildlichen Darstellungen die Überhand über den Text haben, während im Inkunabeldruck der Text dominiert. Es ist daher nicht nur inhaltlich eine Freude, sich seinen Büchern aus den 1990er Jahren zu widmen, sondern vor allem rein ästhetisch. Die Abbildungen laden gerade dazu ein, immer wieder seine Bücher aufzuschlagen und einfach nur zu staunen. Viele farbige wie in schwarz/weiss gehaltene Abdrucke von Holzschnitten illustrieren das gewaltige Ausmass an Kunstfertigkeit, das dieser Künstler in die Produktion von Büchern gesteckt hat.

Faszikel, Radierung von Haimo Hieronymus

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Ziemlich zufällige Zwischenstände, großformatige Bilder von Haimo Hieronymus. Ab dem 18.04. in der Werkstattgalerie Der Bogen. Möhnestraße 59, 59755 Neheim, ab 19:00 Uhr

Weiterführend  Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie ein Artikel von J.C. Albers. Vertiefend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus über Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.

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