Rückkehr vom Rückeweg

Künstler sind im Sauerland eher Mitarbeiter der „holzverarbeitenden Industrie“. Die meisten bleiben nicht im Lande, da man sich mit den schönen Künsten hier nicht redlich nähren kann.

Hier sitzt er nicht zwischen den Stühlen, der Lieblingsplatz des Herrn Nipp.

Kunst ist im Sauerland eher inhaltsleer denn schwerelos. Dies mag daran liegen, dass Artisten aller Gattungen die Gegend bereits frühzeitig hinter sich lassen.

Macke, Selbstbildnis1906

Man entkommt der Topographie nicht, indem man sie beschreibt. August Macke begriff das Exil als die erste Notwendigkeit des Pinsels; die Flucht aus Meschede mit siebzehn Jahren war kein Akt der jugendlichen Rebellion, sondern ein rabiater Bruch mit der Schwerkraft des Bodens. Die Königliche Kunstakademie in Düsseldorf bot das, was das Sauerland verweigerte: die Auflösung des Holzes in Farbe und Licht. August Macke schrieb sich nicht nur in die Kunstakademie ein, sonern auch als der wegweisende Hauptvertreter des Rheinischen Expressionismus und als einer der sensibelsten Koloristen der klassischen Moderne in die Kunstgeschichte ein. Während andere Expressionisten seiner Generation das Trauma der Großstadt, Isolation und psychische Zerrissenheit in rauen, aggressiven Formen auf die Leinwand brachten, wählte Macke einen radikal entgegengesetzten Weg. Er überwand die starre akademische Tradition und die „Schwerfälligkeit“ seiner Herkunft, indem er das Licht und das unbeschwerte, alltägliche Leben in reine, harmonische Farbe auflöste.

Auch den Hüstener Friedel Thiekötter hatte es ins Münsterland verschlagen, dort schreib es seine Vertellekes. Seinen ersten Lokalkrimi Cembalist am Glockenseil siedelte er rund um den Möhnesee und in Warstein an.

Wer dagegen bleibt, wie jene Chronisten des Lokalen, betreibt Heimatschutz im Gewand der Prosa. Der Kriminalroman, der sich um den Möhnesee oder durch Warstein zieht, ist kein Labyrinth des Geistes, sondern eine präzise Vermessung von Forstrevieren und Gemeindegrenzen. Der Mord ist hier kein metaphysisches Rätsel, sondern eine Störung der lokalen Ordnung, die am Ende wieder glattgehobelt werden muss.

Der Hüstener kann neben Friedrich Merz aus Brilon (der als erster Bundeskanzler aus dem Sauerland bundesdeutsche Geschichte geschrieben hat) und Herrmann Nipp aus Neheim als der bedeutendste Autor aus dem Sauerland angesehen werden.

Seit 1994 betreibt Herr Nipp auf KUNO das einfache, das wahre Abschreiben der Welt, er bewegt sich damit zwischen Ereignis und Reflexion. Bereit die erste Geschichte von Herrn Nipp zeigt eine melancholischen, zum Selbstmitleid neigenden Kauz. Auf den ersten Blick lässt sich dieser Typ als ein typischer Sauerländer, katholisch und freiheitsliebend, und ewiger Raunzer charakterisieren. Als repräsentativer Kleingartenbürger verkörpert er die vox populi. Er agiert als biederer Alltags-Protagonist, bummelt durch schluffige short – manchmal very short – stories. Realität wird im Sauerland durch Vereinnahmung entschärft, das Sprachverständnis schwankt zwischen den Stadtteilen Bergheim und Rusch sowie zwischen Leichtgläubigkeit und Argwohn.

Die argwöhnische Haltung dieses Eigenbrötlers belegt, dass Misstrauen und Spottlust ein Zeichen von solider Gesundheit sind. Als Liebhaber der Schnitzeljagd kommt er mit Vorliebe von Hölzchen aufs Stöckchen und glossiert sehr entlarvend die zivilisatorischen Errungenschaften.

Herr Nipp ist ein Chamäleon, das sich treu bleibt. Der Ouerbeetdenker räumt in seinen Betrachtungen mit dem rasenden Fortschritt auf, sowie dem Glauben, dass der Mensch kraft seines Intellekts zu den Sachen selbst und so zur absoluten Wahrheit vordringen könne. Diese Vertellekes sind zu trocken, zu sprunghaft für Schwärmerei. Keine Waldweisheit, keine Mystifizierung des Waldes als höheres Wesen findet sich hier. Erdgebunden geht es dem knorrzigen Neheimer um die großen Fragen, und warum man sie nicht beantworten kann. Es ist eine Form von Gebrauchs­literatur, die das Dichterische hinter sich gelassen hat.

Aus der Pedanterie seiner Ab­schweifungen gewinnt er eine Medizin gegen die Melancholie. Nicht mittun, Abstand halten, jede Torheit unter Vorbehalt stellen und bis an die Zähne mit Skepsis bewaffnet sein.

In den Geschichten bleibt über all die Jahre die Hauptperson selbstverständlich Herr Nipp, der Fragen von Mitmenschen gestellt bekommt oder Erklärungen abgibt. Er antwortet stets mit Weisheiten, die aus der Seele des Sauerländers stammen könnten. Der Neheimer zeigt dem Leser seine Haltungen auf, er kommentiert jedoch nicht immer nur mit Worten, sondern auch damit, dass er seine Gesprächspartner mit Fragen irritiert. Der kreative Verstand von Herrn Nipp ist erheblich kohärenter als die wirkliche Welt. Mit seinen Shorts nimmt er Abwege der Weltweisheit und erkennt, dass einem entschwundenen Ich im Sauerland niemand zur Hilfe kommt. Es steht zu hoffen, dass diese eigenschaftslose Figur weiterhin als Verfasser von schnoddrigen Vertellekes in Erscheinung tritt.

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Herr Nipp, ein Holzschnitt von Haimo Hieronymus

Weiterführend → Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Neue Geschichten von Herrn Nipp, vorgestellt von Jutta Ludwig. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.

→ Zum Thema Künstlerbucher lesen finden Sie hier einen Essay sowie ein Artikel von J.C. Albers. Vertiefend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.

In der Werkstattgalerie Der Bogen werden nicht nur Ausstellungen gezeigt, sondern auch Künstlerbücher – direkt vor Ort entworfen, gedruckt und vervielfältigt. Sie sind Ausdruck von Kreativität, handwerklichem Geschick und einem tiefen Verständnis für die Grenzen und Möglichkeiten von Kunst. Vertiefend zum Thema Künstlerbücher lesen finden Sie hier einen Essay. – Weiterführend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.

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