Eine Manifestation von Präsenz und Verweigerung

Nähe entsteht dort, wo die Künstlerin Katja Butt Bilder auflädt, performative Akte darbietet und Vortrefflichkeit aufscheinen lässt. Der Versuch einer Annäherung an ihre Ausstellung Mit und ohne Worte.

Wolke, Installation von Katja Butt in der Werkstattgalerie Der Bogen. Ins rechte Licht gesetzt von Trilux und Martin Vanselow.

In einer Welt, die von einer Flut digitaler Zeichen und standardisierter Texte dominiert wird, bricht Butt die Lesbarkeit auf. Ihr zeichnerisches Schaffen der letzten Jahre entfaltet sich in einem Spannungsfeld zwischen bildlicher Präsenz und konzeptueller Verweigerung. Die Ausstellung „Mit und ohne Worte“ in der Werkstattgalerie Der Bogen in Neheim und der gleichnamige Katalog fangen diesen Zustand präzise ein. Butt nutzt die Zeichnung nicht primär als abbildendes Instrument, sondern als erkenntnistheoretisches Werkzeug. Sie hinterfragt die Grundstrukturen der Wahrnehmung und rückt das Verhältnis von Linie, Raum, Körper und Sprache ins Zentrum ihrer Forschung.

Ein zentraler Aspekt in Butts aktuellen Arbeiten ist das Ausloten der Grenzbereiche von Schrift und Sprache. Buchstaben und sprachliche Fragmente werden bei ihr zu autonomen grafischen Elementen. Die Trennung zwischen dem semantischen Gehalt (Was bedeutet das Wort?) und der physischen Form (Wie sieht die Linie aus?) wird aufgehoben.

In der Arbeit von Butt wird Zeichnung weder als neutrales Abbild verstanden noch als bloßes Vorstadium anderer Medien. Vielmehr fungiert sie als ein Erkenntnisapparat, sie macht sichtbar, dass das, was wir „sehen“, bereits Resultat von Setzungen ist – von Entscheidungslinien, Blickroutinen und sprachlich gerahmten Bedeutungen. Gerade deshalb lässt sich auch der Katalog zu „mit und ohne Worte“ nicht als erklärende Begleitpublikation lesen, sondern als verlängerter Feldversuch, er erprobt, wie weit Bild und Sprache auseinanderliegen, wie sie sich zugleich bedingen, und wie aus dieser Spannung eine bestimmte Art des Denkens entsteht.

Der Katalog „MITOHNEWORTE“ manifestiert diese Haltung durch seine eigene Form. Er ist kein klassischer Dokumentationsband mit reproduzierenden Abbildungen und erklärenden Texten, sondern ein integraler Bestandteil des Werks.

Die Ausstellung „Mit und ohne Worte“ verdeutlicht, dass das „Ohne Worte“ kein Schweigen aus Ohnmacht ist, sondern eine bewusste Entscheidung für die vorsprachliche oder außersprachliche Dimension der Kunst. Der Titel– verschmolzen zu einem Wortgebilde – signalisiert bereits die konzeptuelle Strategie: Worte sind nicht abwesend, sondern werden in die visuelle und materielle Ebene integriert, transformiert oder bewusst zurückgenommen. Dies entspricht Butts langjährigem Engagement in Projekten wie ´Strichstärke_Projekte zur Zeichnung` (seit 2017) und ´Wortwelt`, in denen sie die Schnittstellen von Zeichnung, Schrift und Bewegung erforscht.

In Butts Zeichnungen wird die Linie zum Träger von Erkenntnis. Sie ist nicht bloße Kontur, sondern dynamische Spur einer körperlichen und intellektuellen Auseinandersetzung.

Eine Skulptur, die an geknitterte und wieder entfaltete Transparentpapiere erinnert, auf denen Falten mit Tusche nachgezeichnet und vertieft werden, erzeugen Landschaften der Handlung. Die physische Manipulation des Papiers hinterlässt Spuren, die der Füllfederhalter dokumentiert und die Tusche akzentuiert. Solche Arbeiten verkörpern eine „umgebaute Bewegung“ – ein Leitmotiv in Butts Œuvre, das von Videoinstallationen und raumbezogenen Arbeiten bis zur Zeichnung reicht.

Der Katalog übersetzt diese Prozesshaftigkeit in sein Layout und seine Materialität. Die bildliche Präsenz entsteht durch die unmittelbare Sichtbarkeit der Geste.

Ein zentrales Element ist das Spannungsverhältnis von Sprache und Bild. Butt hat sich intensiv mit Gertrude Stein auseinandergesetzt (Theaterprojekt 2009) und thematisiert, wie Worte Wahrnehmung strukturieren und gleichzeitig destabilisieren können. Im Katalog manifestiert sich dies in der Integration oder bewussten Reduktion von Text. Worte erscheinen nicht als erklärende Legenden, sondern als zeichnerische Elemente – vielleicht fragmentiert, überlagert oder in die Linienführung eingewoben. Der Titel „Mit und ohne Worte“ wird damit programmatisch: Die Zeichnung operiert jenseits sprachlicher Eindeutigkeit, schafft aber durch ihre konzeptuelle Rahmung eine Meta-Ebene der Reflexion.

Jeder Strich ist Zeugnis einer körperlichen Handlung im Raum. Gleichzeitig verweigert Butt eine rein illustrative Lesbarkeit. Die Zeichnungen fordern den Betrachter auf, nicht nur zu sehen, sondern die Wahrnehmung selbst zu reflektieren. Was erscheint als Figur, was als Grund? Wo endet die Linie und beginnt der Raum?

Die Verweigerung konventioneller Abbildung führt zu einer gesteigerten Präsenz. Die Arbeiten bleiben offen, fragmentarisch und fordernd. Sie laden ein, die eigene Wahrnehmungsstruktur zu befragen. Butt, die auch raumbezogene Videoinstallationen und Fotoarbeiten schafft, überträgt die Instabilität architektonischer und körperlicher Konstrukte auf das Papier. Die Zeichnung wird zum Modell für kaleidoskopische Wirklichkeiten – radikal reduziert und analytisch zugleich.

Wie konstruieren die Betrachter im 21. Jahrhundert die Realität aus Linien, Pausen und Leerstellen?

Im Katalog verdichtet sich diese Forschung. Er ist kein sekundäres Medium, sondern erweitert die Ausstellung in die Hand des Betrachters. Durch sorgfältige Auswahl, Sequenzierung und möglicherweise haptische Qualitäten der Seiten wird der Akt des Blattes selbst zu einer zeichnerischen Erfahrung. Die konzeptuelle Verweigerung zeigt sich in der Vermeidung erschöpfender Erklärungen. Der Katalog gibt keine abschließende Interpretation vor, sondern setzt die künstlerische Forschung fort. Er thematisiert die Grenzen der Repräsentation und feiert die Autonomie der Linie.

Butts Arbeit steht in einer Tradition, von den Linienexperimenten der Moderne bis zu zeitgenössischen Positionen, die das Medium erweitern.

Ihre Beiträge zu Netzwerkprojekten wie ´Aus dem Koffer` unterstreichen zudem den kollaborativen und mobilen Charakter der Zeichnung: leicht, tragbar, ideenreich. Im Katalog zu „Mit und ohne Worte“ kulminiert dies in einer kompakten, aber vielschichtigen Präsentation, die den Betrachter nicht belehrt, sondern zur Mit-Forschung einlädt. Dieser Katalog manifestiert Butts künstlerische Haltung exemplarisch. Er balanciert bildliche Intensität mit konzeptueller Offenheit, Präsenz mit Verweigerung. Linie, Raum, Körper und Sprache treten in ein dialektisches Verhältnis, welche die Wahrnehmungsgewohnheiten der Betrachtenden unterläuft. In einer von Bildern überfluteten Zeit erinnert Butt daran, dass wahre Erkenntnis in der reduzierten Geste und dem bewussten Schweigen der Worte liegt. Der Katalog wird so zum bleibenden Zeugnis einer Zeichnung, die nicht abbildet, sondern denkt.

Neben der Sprache widmet sich Katja Butt intensiv der Befragung von Raum- und Körpertheorien. Die Zeichnung gilt traditionell als zweidimensionales Medium, das Dreidimensionalität lediglich simuliert. Butt bricht mit diesem scheinbar feststehenden Prinzip. Ihre Linien beschreiben keine statischen Körper im Raum; sie erzeugen Räume durch ihre eigene Dynamik und Dichte.

In dieser Butt-Perspektive erweist sich, dass Schrift – aus ihrer Sicht – im Grunde genommen eine hochgradig ritualisierte Form der Zeichnung ist. Wenn die Konvention der Lesbarkeit versagt, bleibt die nackte Linie zurück. Diese Transformation verunsichert den Betrachter. Er sucht nach Sinn, findet jedoch eine visuelle Struktur, die sich der schnellen Konsumtion verweigert. Sprache wird bei ihr spürbar als etwas Konstruiertes, das im Moment des Zeichnens sowohl entstehen als auch zerfallen kann.

Die Zeichnung wird bei Butt zu einem performativen Akt, bei dem das Papier zum Resonanzraum für gedankliche und körperliche Bewegung wird. Sie lotet die Grenzbereiche des Mediums aus, indem sie die Zeichnung an die Grenzen der Abstraktion, der Skulptur und der Poesie führt.

Der begleitende Katalog „MITOHNEWORTE“ fängt das Spannungsfeld zwischen bildlicher Präsenz und konzeptueller Verweigerung kongenial ein, indem er selbst zu einer Art von autonomen Künstlerbuch wird. Wo die Ausstellung „Mit und ohne Worte“ in der Werkstattgalerie die fundamentale Struktur der Wahrnehmung im physischen Raum verhandelt, übersetzt das im Intervallverlag erschienene Druckwerk diese künstlerische Forschung in die Zweidimensionalität des Mediums Buch.

Butts Zeichnungen fungieren hier nicht als passive Abbildungen, sondern nutzen das Buch als erweiterten Denkraum, in dem das Verhältnis von Linie, Raum, Körper und Sprache Buchstabe für Buchstabe dekonstruiert wird.

Katja Butts zeichnerisches Werk ist ein Plädoyer für das genaue Hinsehen in einer beschleunigten Welt. Indem sie die Fundamente von Schrift, Sprache, Raum und Körper zeichnerisch dekonstruiert, schafft sie einen Reflexionsraum, der weit über die Ästhetik der Linie hinausgeht. „Mit und ohne Worte“ zeigt eindringlich, dass die Zeichnung in den Händen einer konsequenten Künstlerin kein historisches Medium ist, sondern ein hochaktuelles, kritisches Instrument zur Befragung unserer Wirklichkeit.

Luther Blissett

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Mit und ohne Worte, Ausstellung von Katja Butt in der Werkstattgalerie Der Bogen, Neheim. Finissage: 26. Juli, ab 15:00 Uhr. An diesem Tag für der frisch gedruckte Katalog vorgestellt.

MITOHNEWORTE, von Katja Butt. Intervallverlag, 2026

Weiterführend → Katja Butt aus Köln erhielt in Anerkennung ihres künstlerischen Werks das Hungertuch für Bildende Kunst 2007. – Ein Recap des Hungertuchpreises.

→ Weiter beginnen. Wir fangen an. Ein Theaterabend. Studiobühne Köln, mit Heidrun Grote, Bühnenbild: Katja Butt, 2009

→ Eine Erinnerung an die Ausstellung Wasserkur von Katja Butt im Rheintor, Linz – Anno Domini 2011. – Einen Essay zur Rheintorreihe finden Sie hier.

→ Eine Erinnerung an die Ausstellungseröffnung von Mit und ohne Worte, von Katja Butt in der Werkstattgalerie Der Bogen

In der Werkstattgalerie Der Bogen werden nicht nur Ausstellungen gezeigt, sondern auch Künstlerbücher – direkt vor Ort entworfen, gedruckt und vervielfältigt. Sie sind Ausdruck von Kreativität, handwerklichem Geschick und einem tiefen Verständnis für die Grenzen und Möglichkeiten von Kunst. Vertiefend zum Thema Künstlerbücher lesen finden Sie hier einen Essay. – Weiterführend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.