Der Jetztzeit-Moment

Alfred Stieglitz machte die Fotografie zur Kunst. Sein Magazin „Camera Work“ und die Galerie 291 brachten die Moderne nach Amerika.

Alfred Stieglitz verdeutlich mit seinem Bild „The Steerage“ die Klassenunterschiede seiner Zeit. Das zentrale und mächtigste grafische Element des Bildes ist  die Gangway. Sie schmiegt sich diagonal von links oben nach rechts in die Bildmitte.

In einer Ära, in der das Bürgertum die Fotografie im verglasten Salon als bloßes Replizierwerkzeug für die eigene Eitelkeit missverstand, schlug Alfred Stieglitz eine Bresche in die Wand der Konventionen. Die Fotografie war bis dahin die Gefangene der chemischen Präzision, ein Sklave der bloßen Wiedergabe, der man das Prädikat der Kunst verweigerte, weil ihr die Spur der menschlichen Hand fehlte. Um diesen Mangel zu fälschen, griffen die Edeldrucker zur Retusche, verfeinerten das Negativ mit dem Pinsel und suchten das Heil der Fotografie in der Nachahmung der Malerei. Sie wollten Kunst sein, indem sie etwas anderes vorgaben zu sein.

Der Fehler der frühen Lichtbildner lag im Hochmut gegenüber ihrem eigenen Apparat. Sie schämten sich der Chemie und des Glases.

Um Einlass in den Olymp der Künste zu begehren, maskierten sie die Fotografie als Malerei; sie wischten, kratzten und retuschierten die Platten, bis das Bild wie ein verwaschenes Ölgemälde aussah. Sie glaubten, die Maschine durch menschliche Willkür adeln zu müssen. Stieglitz vollzog die Wendung. Er erkannte: Die Fotografie wird nicht dadurch zur Kunst, dass sie eine andere Kunst nachahmt, sondern indem sie radikal sie selbst bleibt. Wahre Kunstfertigkeit beweist sich nicht in der nachträglichen Korrektur des Negativs, sondern in der Absolutheit des Augenblicks vor der Belichtung. Der Apparat ist kein Sklave des Pinsels, sondern ein verlängertes Organ des historischen Bewusstseins.

Die Geometrie der Klassengesellschaft

Alfred Stieglitz’ Fotografie The Steerage gilt als ein Meisterwerk der Moderne. Es zeigt die Passagiere eines Transatlantikdampfers auf dem Weg von New York nach Europa. Das Bild fungiert als ein visuelles Dokument, das die unbarmherzige soziale Schichtung des frühen 20. Jahrhunderts messerscharf offenlegt. Stieglitz nutzt hierfür keine künstliche Inszenierung, sondern die inhärente Architektur des Schiffes als direkte Metapher.

Die Komposition des Bildes ist streng zweigeteilt und spiegelt die Klassentrennung eins zu eins wider:

Im oberen Drittel des Bildes bewegen sich die Passagiere der ersten Klasse. Ein Mann mit einem eleganten runden Strohhut sticht ins Auge. Die Menschen hier oben tragen feine Hüte, Mäntel und blicken teilweise von oben herab auf das Geschehen unter ihnen. Sie repräsentieren den Wohlstand, die Leichtigkeit des Reisens und die Kontrolle.

Die untere Bildhälfte ist dicht gedrängt mit Menschen aus der Unterschicht. Es handelt sich um Handwerker, verarmte Familien und gescheiterte Einwanderer, die aus den USA nach Europa zurückkehren. Hier herrscht visuelles Chaos: Kleidung hängt zum Trocknen an Leinen, Frauen tragen einfache Kopftücher, Männer schlafen im Sitzen. Es ist eine Masse der Namenlosen, gefangen in der Enge des Schiffsrumpfes.

Dokumentation statt Retusche

„Was rettet die Fotografie?“, fragt sich auch Martin Vanselow. Auch er rettet den unwiederbringlichen Augenblick vor dem Vergessen, ohne ihn in die Statik der klassischen Kunst einzufrieren. In der Sekunde kreuzen sich Technik und Vergänglichkeit. Wie Stieglitz verweigerte die Retusche, weil jede Retusche eine Lüge an der Zeit darstellt. Ein retuschiertes Foto ist ein Bild, das seine eigene Gegenwart leugnet. Indem er den Makel des Wetters, das Korn der Platte und die Unschärfe des Augenblicks akzeptierte, gibt er der Fotografie ihre Aura zurück – nicht die Aura der fernen Kultbilder, sondern die Aura des flüchtigen, absolut gegenwärtigen Jetztzeit-Moments. So wird Fotografie zur Kunst: Indem sie aufhörte, zu retuschieren, und anfing, zu bezeugen.

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Alfred Stieglitz, Selbstporträt. Autochrom von 1907

Weiterführend  Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.

→ Unlängst versuchte die Katze eine Aufarbeitung des Werkes der Fotografin Vivian Maier.

→ Walter Benjamins Kleine Geschichte der Photographie (1931) war einer der frühesten Versuche zum Verständnis der immer noch jungen Technik

Zum Thema ´Fotographie` lesen Sie auch den Nachruf über Peter Meilchens Lebenswerk und den Essay 50 Jahre Krumscheid / Meilchen über die Retrospektive im Kunstverein Linz sowie den Essay zum Buch / Katalog-Projekt 630.

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