Im katholischen Sauerland ist Neheim dazu verdammt ewig zu werden und niemals zu sein.

Neheim ist von den Folgen des 2. Weltkriegs weitestgehend verschont worden. Die Verheerungen sind erst danach entstanden.
Wenn die Bagger anrollen, wird nicht gebaut, sondern gesetzt. Jedes neue Penthouse am Möhne-Ufer ist ein Jeton auf einem Spielplan. Die Stadt wird lesbar wie ein Kontofübersicht: Hier ein Plus an Glasfronten, dort ein Minus an Nachbarschaft. Der öffentliche Raum schrumpft zur Durchgangszone zwischen zwei Privatbesitzungen. Man begegnet sich nicht mehr, man passiert einander auf dem Weg zur nächsten Wertsteigerung.
Seitdem Neheim zur Einkaufsstadt demoliert wurde, folgt ein immerwährender Umbau als wäre dies ein Stadtteil von Legoland. Nichts rundet sich hier, nichts entfaltet sich organisch. Was fehlt, ist eine übergeordnete Planungsidee und es keimt der Verdacht, dass diese Gemeinde nicht den Bürgern sondern den Bauunternehmern gehört, welche in einer Bauausstellung neue Ideen und Projekte im sozialen, kulturellen und ökologischen Bereich Impulse mit dem größtmöglichen Gewinn durchspielen wollen.
Einst hieß es: „Bauen für die Ewigkeit.“ Heute baut man für den Wiederverkaufswert im nächsten Quartal. Die Beständigkeit des Steins ist einer Flexibilität gewichen, die nichts anderes meint als die Flucht des Geldes in den Beton. Wenn das Heim zum Immobilienobjekt gerinnt, verliert die Sprache ihre Wärme: Man spricht von „Einheiten“, „Flächen“ und „Lagefaktoren“. Das Wort „Zuhause“ kommt in den Prospekten zwar vor, aber nur als Köder, der an einem Haken aus Zinseszinsen hängt.
Im Gegensatz zu Disneyfizierung des Verwaltungssitzes des Regierungsbezirks bietet die Traditionslosigkeit in Neheim den Vorteil, dass sie enthemmt und für die Stadtplaner eine absolute Bewegungsfreiheit schafft. Architektur ist hier eine Operation am offenen Herzen, doch niemand merkt, dass der Patient spätestens seit 1982 zombifiziert ist.
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Weiterführend → Die Erstausgabe von Die demolirte Literatur erschien 1896 in der Künstlerzeitschrift „Wiener Rundschau“. Karl Kraus war der erste Autor, der vor über hundert Jahren die kulturkritische Kommentierung der Weltlage zur Dauerbeschäftigung erhob. Seine Zeitschrift „Die Fackel“, in der er von 1899 bis 1936 auf über zwanzigtausend Seiten alle denkbaren Zeitgeist-Phänomene kommentierte, war gewissermaßen der erste Kultur-Blog.
→ In 2003 stellte KUNO den Essay als Versuchsanordnung vor.
→ In 2013 unternahm Constanze Schmidt Gedankenspaziergänge.
→ In 2023 machte sich Holger Benkel gedanken über das denken.
