
Der internationale Kampftag der Arbeiterklasse erinnert an das Leben der so genannten kleinen Leute, der Arbeiter und der unteren Mittelschicht. Auf glokaler Ebene erkennen wir wirtschaftliche Probleme und ein daraus resultierendes Alltagsleben, Liebe, Trennung, Zwänge und, überlebte Konventionen.
Die Reaktion des „ausgemusterten Menschenmaterials“ besteht in der Verweigerung gegenüber einer Gesellschaft des permanenten Funktionieren-Müssens, der vorgeschriebenen Wege, des manipulierenden Neo-Liberalen Systems. Wer sich einfach so aus seinem Leben fallen lässt, gehört nicht länger zu den Alles-Mitmachern, sondern legt Protest ein gegen die Welt und gegen die vorgefundenen Verhältnisse ein.
In einer Kleinstadt wie Neheim trifft die neoliberale Transformation auf eine historisch gewachsene Industriestruktur. Wo einst die Arbeiter der Leuchtenindustrie die Stadt prägten, zieht das Vokabular der Metropolen ein. Große Konzerne und lokale Global Player plakatieren Diversity an die Werkstore. Doch die Schließung lokaler Infrastrukturen – von Schwimmbädern bis hin zu flexiblen, bezahlbaren Kitaplätzen – lässt sich durch zeitgemäße Unternehmensrichtlinien nicht kompensieren. Das Binnen-I auf den Flyern der Stadtverwaltung überdeckt den schleichenden Rückzug der öffentlichen Daseinsvorsorge im ländlichen Raum.
Die Institutionen weichen zurück, während das Vokabular expandiert. Wo einst der handfeste Raum für das Kind gefordert wurde, besetzt heute eine orthografische Lücke das Terrain. Man hat die materielle Sorge in ein Zeichen verwandelt. Das Binnen-I fungiert hierbei als der perfekte neoliberale Platzhalter: Es simuliert den Einschluss, während es die Verhältnisse unberührt lässt. Loslassen bedeutet in diesem Kontext zuerst, den Glauben daran zu brecken, dass eine grammatikalische Korrektur die ökonomische Härte abfedern könnte. Wer die Sprache repariert, meint oft, die Welt nicht mehr verändern zu müssen.
Unter dem Schild der Diversity wird der Widerspruch zwischen den Klassen in ein Mosaik der Identitäten zerlegt. Es ist die Bürokratisierung des Anstands. An die Stelle der Umverteilung tritt die Schulung der Gesinnung; an die Stelle des Steuerbescheids die Antidiskriminierungsrichtlinie. Das Eigentum schützt sich, indem es sich tolerant gibt. Die Betriebe werden nicht gerechter, sie werden nur höflicher. Dieses System verlangt von uns, den Kampf um den materiellen Boden loszulassen, um uns stattdessen im Spiegelkabinett der feinen Unterschiede zu verlieren.
Wer den Besitzern an den Kragen will, dem bietet man ein neues Glossar an. Die Verhärtung der Verhältnisse spiegelt sich in der Verflüssigung der Begriffe. Man löst die Solidarität auf und ersetzt sie durch das Management der Einzigartigkeit. Der moderne Mensch soll lernen, sein Prekaritat als persönliche Nuance zu begreifen. Das wahre Loslassen, das diese Epoche erzwingt, ist kein Akt spiritueller Befreiung, sondern der schleichende Verlust der Hoffnung auf eine kollektive Absicherung. Uns wird beigebracht, den Staat als Versorger zu verabschieden, während wir die Moral als Aufsichtsbehörde begrüßen.
Die progressiven Richtlinien der Konzerne bieten dem Konsumenten und dem Angestellten das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, ohne dass es jemals zu einer echten Erschütterung der Besitzverhältnisse kommt. Es ist ein Feudalismus, der sich mit den Federn der Aufklärung schmückt. Das Vorurteil wird zum alleinigen Sündenbock erklärt, weil seine Bekämpfung im Gegensatz zur Enteignung absolut kostenlos ist. So bleibt am Ende die Erkenntnis: Wir haben die alte Welt nicht losgelassen – man hat uns nur das Werkzeug weggenommen, mit dem wir sie hätten umbauen können.
Im städtischen Gefüge Neheims zeigt sich der Strukturwandel als Umschichtung der Verantwortung. Während die Eigentumsverhältnisse der ansässigen Industriezweige unberührt bleiben, wird das Prekaritätsproblem privatisiert. Der Verlust von Arbeitsplätzen oder die Ausdünnung des öffentlichen Nahverkehrs im Sauerland werden nicht mehr als Systemfehler verhandelt. Sie erscheinen im neuen Diskurs als individuelle Anpassungsschwierigkeiten. Dem Einzelnen wird beigebracht, seine Situation durch „Resilienz“ und eine „positive Gesinnung“ zu bewältigen. Das bedeutet das Loslassen der kollektiven Solidarität, die einst die Arbeiterkultur im Sauerland ausmachte. Das neoliberale Versprechen der Vielfalt erweist sich in der Provinz somit als Trostpreis für den Verlust realer, materieller Chancengleichheit.
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„Wie entstand die Maifeier?“ erkundete Rosa Luxemburg in einem Artikel für die Sprawa Robotnicza.
Weiterführend → Ein Beitrag Zur Evolutionsgeschichte des Essays.
→ Der letzte Arbeiterdichter Österreichs, vorgestellt von Peter Paul Wiplinger.
→ Eine Chronik der deutschen Arbeitslosen, dargelegt von Walter Benjamin.
→ Der politische Massenstreik und die Gewerkschaften, analysiert von Rosa Luxemburg.
