Ein wunder Punkt

 „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“

Samuel Beckett

In der Fußgängerzone ist das Angeschaut-Werden von vorrangigem Interesse

Das Leben beginnt mit einem Irrtum. Im Land der 1000 Berge ist zu erkennen, dass die konkrete Wirklichkeit nicht zu dem passt, was die Natural Born Neheimer eigentlich wollten. Die Häuser sind geschichtslos, die Straßen zu schmal, jeden Volljährigen treibt es umgehend fort von hier.

Niemand möchte in dieser Ereignislosigkeit vor sich hin vegetieren.

Scham entsteht in Neheim aus dem negativen Abgleich des eigenen Denkens oder Verhaltens mit der moralischen und ästhetischen Norm des heimatlich-sozialen Milieus; wenn man sich durch den urteilenden Blick der anderen sieht. Das Sauerland ist ein idealer Ort, dies zu fokussieren. Die Natural Born Neheimer versuchen sich tagtäglich auf der Grundlage einer früheren Vielfalt zurechtfinden und das Entrückte im Gegenwärtigen auszuspüren. Sie lenken die Blicke auf das, was nicht auszumachen, nicht zu erkennen ist… auf diese Weise öffnet sich ein Raum der Imagination.

In der Fußgängerzone wird das Zurückschauen durch die Blickrichtung ergänzt. Das Angeschaut-Werden ist hier zentral.

Im Leben liegt viel Hoffnung… dass sie trügt… die Natural Born Neheimer wissen es noch nicht… sie sind… wie die meisten Sauerländer hier gestrandet… an der Küste ihrer Erinnerung… seit der Lektüre von Jean Paul wissen sie, dass die Erinnerung das einzige Paradies ist, aus dem sie nicht vertrieben werden können. Das sollte reichen, um nostalgisch sich selbst gegenüber zu sein und sich ein Retrotopia zu flüchten.

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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarre scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.

Weiterführend → Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt.

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