Bandsalat

Eine Vorankündigung der Jahresausstellung in der Werkstattgalerie Der Bogen, die sich in diesem Jahr der Nahrungsaufnahme widmet.

Das Foto von Martin Vanselow zeigt „Bandsalat“, eine minimalistische Installation von Laik Wörtschel in der Werkstattgalerie Der Bogen.

Am Betonpfeiler hängt eine schwarze Schultertasche an einem eingelassenen Haken. Diese Tasche hat einen langen dünnen schwarzen Riemen, der über den Haken gelegt ist. Unter dem Haken ist ein roter Klebestreifen befestigt. Auf der Vorderseite der Tasche sind kleine schwarze und rote Tasten zu entdecken. Darunter befindet sich ein silbernes Metallplättchen und ein Bereich mit feinen Lochmustern.

Die Tasche als Träger, die Riemen als das, was abfällt, sich verwickelt oder zurückbleibt (Erinnerungsfragmente, Beziehungen, Lebenswege)… eine Tonaufnahme kann eine verlorene Nähe bewahren.

Am Fußboden, direkt unter der Tasche, liegt ein chaotischer Haufen aus vielen braunen Tonbändern, der namensgebende „Bandsalat“. Die Bänder sind wild ineinander verschlungen und liegen auf einem dunklen, leicht abgenutzten Fliesenboden mit weißen Farbspritzern. Der Rest der weißen Wand und der Sockelleiste bleibt bewusst leer und betont die sparsame, fast dokumentarische Anordnung der beiden Elemente. Die Arbeit wirkt wie als stille Hommage an Peter Meilchen und spielt mit dem Kontrast zwischen geordneter Aufhängung und totaler Verwicklung.

Der Klang einer Cassette verbindet die Ohryeure eigentlich, hier jedoch erzeugt der Bandsalat Verwirrung – eine Metapher für misslungene Kommunikation, komplexe Lebenszusammenhänge – oder den „Knoten“ künstlerischer und biografischer Prozesse.

Das Material (schwarzes Kunstleder der Tasche vs. Braunes Tonband) verstärkt den Eindruck von Gebrauchsspuren, Patina und Vergänglichkeit. Statt üppiger visueller Reize dominiert das rohe, serielle Material. Das braune, hauchdünne Magnetband verlässt seine Funktion als Datenträger und wird zur rein skulpturalen Linie. Es zieht sich entweder als rigoroses geometrisches Raster durch den Raum oder bricht – ganz im Sinne des Titels – als kontrolliertes Chaos (ein amorpher Haufen) mit der cleanen Architektur des Ausstellungsraums. Dies verweist auf das Alltägliche, Handwerkliche und auf das, was Meilchen oft unter der Arbeit interessierte: Fundstücke, fotografierte Beobachtungen und die stille Poesie des Gewöhnlichen.

In der asketischen Präsentation in der Werkstattgalerie Der Bogen wirkt das Werk wie eine stille Reflexion über das Vergehen von Zeit, über das, was bleibt, und über das, was sich unentwirrbar verknäult ist.

Die Stärke der Hommage von Laik Wörtschel liegt in ihrer Zurückhaltung: Sie erklärt nichts, sondern stellt zwei Zustände nebeneinander und überlässt die Deutung dem Betrachter. „Bandsalat“ lässt sich als Memento Mori des analogen Zeitalters lesen. Im 21. Jahrhundert, in dem Daten unsichtbar in Clouds gestreamt werden, materialisiert sich der Verlust dieser Physis. Es ist eine melancholische, aber präzise Reflexion über die Technologie und die Ästhetik des Defizits. Genau dadurch wird sie zu einer unaufdringlichen Hommage an Peter Meilchens Blick auf die Welt.

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Das letzte Abendmahl (Arbeitstitel) Jahresausstellung am 22.11. 2026 in der Werkstattgalerie Der Bogen. Möhnestraße 59, 59755 Neheim, ab 17:00 Uhr

Porträt von Peter Meilchen: Jesko Hagen. Meilchens Körperhaltung und sein direkter, leicht lächelnder Blick in die Kamera strahlen Gelassenheit, Souveränität und eine subtile, ironische Distanz aus.

Weiterführend → Widmen wir uns dem Gau des Mediums Compact Cassette, dem Bandsalat. Zurück in die Zunkunft des Cassettenlabels. Lesen Sie zum Kassettenuntergrund auch den einführenden Essay vom 31. Mai 1989 aus dem KUNO-Online-Archiv.

→ Lesen Sie auch den Essay Laik Wörtschel – ein Künstler der Stille. – *Wörtschel dankt Tom Täger vom Tonstudio an der Ruhr für die Materialspende des ersten Kassettenrekorders für Compact Cassetten, den Philips „EL3300“; Insider nennen ihn auch den ´ersten niederländischen Walkman`.

→ In der Werkstattgalerie Der Bogen werden nicht nur Ausstellungen gezeigt, sondern auch Künstlerbücher – direkt vor Ort entworfen, gedruckt und vervielfältigt. Sie sind Ausdruck von Kreativität, handwerklichem Geschick und einem tiefen Verständnis für die Grenzen und Möglichkeiten von Kunst. Vertiefend zum Thema Künstlerbücher lesen finden Sie hier einen Essay. – Weiterführend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.

→ Ausweitung der Kunstzone, eine Würdigung von Margareta Hesse.

→ Das Tanz-Theater des Manuel Quero.

→ Ein Nachruf auf den Bogenkünstler Karl Hosse. – Zum 100. Geburtstag der Skulpturistin Agnes Richter.

→ Jürgen Diehl war weit mehr als ein Maler, er war ein Architekt des geistigen Raums, der die Leinwand als Bühne für ein komplexes Wechselspiel aus Zeichen, Gesten und Gedanken begriff.

→ Mit einem Nachruf würdigt KUNO das Lebenswerk von Peter Meilchen. Lesen Sie auch den Essay 50 Jahre Krumscheid / Meilchen über die Retrospektive im Kunstverein Linz und den Essay zum Buch / Katalog-Projekt 630.

→ Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.

→ 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte Seine größten Erfolge, produziert von Helge Schneider und Tom Täger im Tonstudio/Ruhr.