Wohnen als Ware

In Neheim funktioniert die Arithmetik der Verdrängung. Der Mietspiegel fungiert heute als das eigentliche Grundgesetz der Stadt.

Martin Vanselow liefert Denkbilder von der Neheimer Verwertung des Wohnraums.

Home is where no heart is… Die Wohnung ist kein Ort des Verweilens mehr, sondern eine Recheneinheit: Während die Bestandsmieten in Quartieren wie Müggenberg-Rusch auf nierigem Level verharren, markieren Neubauprojekte in zentralen Lagen bereits die Grenze zur Exklusivität. 

An Orten wie der Langen Wende oder der Karlstraße manifestiert sich der Wohnungsbau als Ausstellungsfläche. Hier entstehen Einheiten, deren Preise zwischen 247.000 € und über 560.000 € schwanken. Diese Architektur spricht nicht mehr zum Bewohner, sondern zum Investor. Barrierefreiheit und Photovoltaik werden zu Verkaufsargumenten einer „hochwertig ausgestatteten Appartementwohnung“, während der öffentlich geförderte Wohnraum oft nur als Pflichtbeilage in den Planungsunterlagen erscheint. 

Die Wohnungsbaugenossenschaft bildet das letzte Bollwerk gegen die totale Kommerzialisierung. Mit Projekten wie am Müggenberg, wo bis 2025 sukzessive neue Wohnhöfe fertiggestellt werden, versucht sie, das „Wohnrecht“ gegen die „Wohnware“ zu verteidigen. Doch auch hier erzwingen explodierende Baukosten eine neue Nüchternheit: Das Wohnen zu „fairen Preisen“ wird in einer Umgebung, die von Renditeerwartungen getrieben ist, zu einer immer schwierigeren Gratwanderung.

Wer durch Neheim geht, sieht im „Binnerfeld“ exklusive Mietshäuser und in der Innenstadt degressive Abschreibungsmodelle für Kapitalanleger. Die Stadtplanung ist hier kein Entwurf von Lebensraum mehr, sondern die Verwaltung von Verwertungszyklen. Wo früher das Strohdorf eine soziale Einheit bildete, tritt heute ein „Verdrängungswettbewerb“ auf dem Immobilienmarkt zutage, der das Wohnen endgültig zur Ware deklassiert hat. Die Unersättliche vertilgt hier früher oder später das Leben.

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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarre scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.

Weiterführend Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.