Vorwärts!

„Die obersten Ruhrthäler reichen bis zur Vereinigung bei Neheim und bis zur Mündung der Möhne. Genau dort, am Zusammenfluss von Möhne und Ruhr, liegt Neheim-Hüsten. Hier beginnt das breitere Ruhrtal, das sich dann nordwestwärts in Richtung des eigentlichen Ruhrgebiets fortsetzt.“

Johann Georg Kohl, Geograf

Dieses Foto von Martin Vaneslow soll an das Werk in Hüsten erinnern, es produzierte Eisen- und Stahl.

Die Region um Neheim und Hüsten wird als das „obere Ruhrgebiet“ bezeichnet. Diese Bezeichnung ist keine offizielle Verwaltungsbezeichnung (ähnlich wie der „Schreibtisch des Ruhrgebiets“), sondern eine volkstümliche oder metaphorische Charakterisierung, die auf geografischen, historischen und wirtschaftlichen Parallelen zum klassischen Ruhrgebiet beruht. Sie unterstreicht die Rolle von Neheim und Hüsten als „oberster“ industriell geprägter Knotenpunkt im Verlauf der Ruhr, bevor der Fluss in das ´Revier` mit seiner klassischen Montanindustrie eintritt.

Während im ´Ruhrpott` Kohle und Stahl dominierten, war es hier die Metallverarbeitung. Vor allem als „Stadt der Leuchten“ erlangte Neheim Weltruf. Die Silhouette mit Fabrikschornsteinen und großen Werkshallen erinnerte früher stark an die Städte an der Ruhr oder Emscher.

Architektonisch und sozial unterscheiden sich Neheim und Hüsten deutlich vom typischen Sauerländer Dorf. Man findet hier eine dichte, urbane Bebauung, Arbeitersiedlungen und eine ausgeprägte Vereinskultur, die der im Revier sehr ähnlich ist. Das Lebensgefühl war über Jahrzehnte von der Schichtarbeit und der harten körperlichen Arbeit in den Werken geprägt – ein klassisches Merkmal des Ruhrgebiets. So was das Werk in Hüsten von 1933 bis zur Werkschließung 1966 Teil der Hüttenwerke Siegerland. Dort wurde folgenden Arbeiten getan: Eisen- und Stahlerzeugung (als Hüttenbetrieb/Puddlings- bzw. später stahlverarbeitender Betrieb). Walz- und Blechverarbeitung (Feinblechproduktion/Verarbeitungsteile des Siegerländer Konzerns), sowie Nebentätigkeiten wie Schlacken- und Ascheentsorgung (u. a. Deponierung per Seilbahn).

Seit dem Mittelalter die geografische und wirtschaftliche Brücke

Neheim liegt direkt an der Mündung der Möhne in die Ruhr. Es ist das funktionale Tor, an dem das sanfte Ruhrtal in die raue Industrielandschaft übergeht. Historisch gesehen flossen Kapital und Know-how aus dem Ruhrgebiet oft zuerst hierher, bevor sie das restliche Sauerland erreichten. Diese enge wirtschaftliche Verflechtung macht den Ort quasi zur „letzten Bastion“ der Schwerindustrie, bevor die reine Natur des Hochsauerlands beginnt.

Der Begriff „oberes Ruhrgebiet“ ist keine geografische Verwechslung, sondern eine Anerkennung der industriellen Leistungskraft und des urbanen Charakters, der Neheim und Hüsten aus der ländlichen Umgebung hervorhebt.

Die Geschichte der Leuchtenindustrie in Neheim ist der Grundstein für den Ruf der Stadt als industrielles Zentrum des Sauerlands. Sie begann im 19. Jahrhundert und entwickelte sich zu einer weltweit führenden Branche. Neheim war Vorreiter bei der Stromversorgung im Sauerland. 1896 nahm das erste Elektrizitätswerk den Betrieb auf. Dies beschleunigte den Übergang von Petroleum- zu Elektro-Leuchten massiv. Es ist nicht übertrieben, wenn man behauptet, dass Neheim in den 1920-er Jahre zu Weltgeltung gelangte. In dieser Ära festigte diese Stadt seinen Ruf als Zentrum der deutschen Lampenindustrie. Besonders prägend war die Zusammenarbeit der Firma Gebr. Kaiser mit dem Bauhaus-Designer Christian Dell, aus der die weltberühmte Arbeitsleuchte „Kaiser idell“ hervorging.

Das heutige Stadtbild von Neheim ist ein steinernes Zeugnis dieser „Leuchten-Ära“. Man spricht von der „Industriearchitektur des Neheimer Westens“, wo Fabriken und Fabrikantenvillen direkt nebeneinander entstanden.

Das Kaiserhaus ist das wahrscheinlich bekannteste Industriedenkmal der Stadt. Der imposante Backsteinbau an der Möhne wurde um 1920 errichtet.Es verkörpert den typischen Industriebau der Zeit – funktional, aber mit repräsentativen Elementen. Die großen Fensterfronten waren damals essenziell, um den Arbeitern bei der präzisen Montage der Leuchten (wie der „Kaiser idell“) genug Tageslicht zu bieten. Nach dem Niedergang der Firma Kaiser wurde das Gebäude aufwendig saniert. Heute ist es ein modernes Dienstleistungszentrum und beherbergt unter anderem das Lichtforum NRW, das die Brücke von der historischen Leuchtenstadt zur modernen LED-Technologie schlägt.

Als Industriedenkmäler finden sich Stapelhallen und Sägezahndächer

Wer durch das Gewerbegebiet zwischen Neheim und Hüsten fährt, sieht oft noch die charakteristischen Sägezahndächer. Diese Bauweise erlaubte eine gleichmäßige, blendfreie Nordbeleuchtung der Werkshallen – ideal für die Metallbearbeitung. Auch finden sich Arbeitersiedlungen im Bereich Totenberg, die oft schlichte, aber funktionale Backsteinarchitektur aufweisen. Die Arbeitersiedlungen in diesem Bereich sind Zeugnisse der industriellen Entwicklung und sozialen Wohnungsbaupolitik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sie entstanden als direkte Folge der Industrialisierung in der Region, insbesondere durch Bergbau, Stahl- und Maschinenbau sowie die damit verbundene Nachfrage nach zuverlässigen Arbeitskräften. Es entstanden charakteristische Mehrfamilienhäuser, die dringend benötigten Wohnraum für Arbeiterfamilien und Zuwanderer boten. Charakteristische Merkmale sind kleine, zweckmäßige Wohnhäuser, meist Reihenhäuser oder Doppelhäuser mit einfachen Grundrissen; 2–3 Zimmer, Küche und Hauswirtschaftsraum. Das Viertel zeigt sich durch die kompakte Straßenstruktur aus. Kurze, klar strukturierte Straßen und Gassen, oft in unmittelbarer Nähe zu Fabriken oder Transportachsen. Zu den Gemeinschaftseinrichtungen gehören Waschräume, Schankwirtschaften oder Versammlungsräume; in späteren Ausbaustufen auch Kitas oder Gemeindehäuser. Zum Bau wurden lokale Baustoffe wie Backstein oder Sandstein verwendet, es ist eine sparsame Fassadengestaltung mit funktionaler Ästhetik. Diese Siedlungsstruktur unterscheidet sich von den typischen „Arbeiterkasernen“ der Großstädte durch eine lockere Bebauung und oft angrenzende Gartenflächen.

Neheim hat sich sein industrielles Gesicht bewahrt. Während andere Sauerland-Städte auf Fachwerk setzen, dominiert hier der Backstein-Expressionismus und die sachliche Industriemoderne.

Die Villen der „Lampenbarone“ in Neheim sind architektonisch als klassische Repräsentationsarchitektur des Industriezeitalters einzuordnen. Sie spiegeln den Übergang vom historisierenden 19. Jahrhundert in die Moderne wider und lassen sich in Historismus und Eklektizismus. Es ging den Bonzen um Prachtentfaltung. Viele der frühen Villen nutzen den Eklektizismus, also das bewusste Mischen verschiedener historischer Baustile wie Neorenaissance oder Neobarock. Die Fabrikanten wollten ihren neuen Reichtum durch eine Architektur legitimieren, die an den Adel erinnerte. Schwere Natursteinfassaden, Säulenportale, Türmchen und herrschaftliche Auffahrten. Ein Beispiel für diesen Wandel ist die Villa Brökelmann, die über die Jahrzehnte mehrfach umgebaut und erweitert wurde, um dem gewachsenen Status der Familie gerecht zu werden.  Um die Jahrhundertwende (ca. 1900) hielt der Jugendstil Einzug in Neheim. Im Gegensatz zur strengen Symmetrie des Historismus finden sich hier fließende Linien, florale Ornamente und asymmetrische Fassaden. Typisch sind dekorative Elemente aus Schmiedeeisen an Balkonen, bunt verglaste Fenster und die Verwendung von Sandstein für feine Reliefarbeiten.

Architektonisch bilden Villen der „Lampenbarone“ in Neheim einen bewussten funktionalen Dualismus.

Die Fabrik ist rein zweckgebunden, oft in Sichtbacksteinbauweise, massiv und auf Effizienz getrimmt. Die Villa soll ein Gesamtkunstwerk darstellen, das oft in auf Sichtweite zur Fabrik stand, aber durch Parkanlagen und aufwendige Zierden eine eigene, private Welt erschuf.

Die Villa Brökelmann, ein Symbol des Klassismus.

Weiterführend → Wie entstand die Maifeier?“ erkundete Rosa Luxemburg in einem Artikel für die Sprawa Robotnicza.

Ein Beitrag zur Evolutionsgeschichte des Essays.

Eine Chronik der deutschen Arbeitslosen, dargelegt von Walter Benjamin.

Der letzte Arbeiterdichter Österreichs, vorgestellt von Peter Paul Wiplinger.

Der politische Massenstreik und die Gewerkschaften, analysiert von Rosa Luxemburg.