Neheim, die Partnerstadt von Schilda

Das literarische Erbe der Schildbürger – jene klassischen Schwänke aus dem Lalen-Buch (1597/1598), die mit absurden, scheinbar törichten Handlungen, logischen Fehlern, moralischen Verwechslungen und einer ironischen Beobachtung des Alltags die menschliche Torheit und zugleich die Heimatverbundenheit satirisch beleuchten – setzt sich quasi im Projekt „Schmieds Katze“ auf charakteristische Weise fort.

Der Restaurierung des Rathauses zeigt, dass man es anders machen wollte, als in Schilda. Die Sanierung begann in 2021. Die vollständige Fertigstellung wird für das 3. Quartal 2026 erwartet.

Das in 2025 gestartete Online-Projekt sowie das gleichnamige Buch aus der Edition Das Labor (Neheim) verbindet Streetphotography von Martin Vanselow mit Vertellstückskers von Félin Murr aus dem fiktionalisierten „5760 Neheim“ (eine bewusste Stilisierung des Sauerländer Ortes, der an das erfundene Lalenburg erinnert). Während die historischen Schildbürger versuchten, ihre Klugheit hinter Torheit zu verbergen, fangen Martin Vanselow und Johannes Schmidt als Herausgeber die unfreiwillige Komik und die „Unbegreiflichkeit“ des Alltags in einer realen Kleinstadt ein. Wo die Lalenburger versuchten, das Licht in Säcken in das rathauslose Fenster zu tragen, dokumentiert „Schmieds Katze“ die modernen Entsprechungen: Situationen, in denen der gesunde Menschenverstand so konsequent zu Ende gedacht wird, dass er ins Absurde kippt.

Anstelle der gedruckten Schwänkesammlung des 16. Jahrhunderts tritt das digitale Format von „Schmieds Katze“. Die unerhörten Geschichten werden hier durch die Streetphotography von Martin Vanselow visualisiert, die oft skurrile oder widersprüchliche Momente im öffentlichen Raum von Neheim festhält.

Die Vertellstückskers übernehmen die Rolle moderner Schwänke: Sie sammeln und erzählen „moderne Legenden“ und autosoziobiografische Anekdoten aus dem Sauerland, die genau die Schildbürger-typischen Mechanismen aufgreifen – begrenzter Wortschatz führt zu kategorialen Irrtümern, ästhetische Urteile werden moralisch verdreht, Kinderspiele (z. B. Steineflitschen am Sauerländischen Meer) kippen plötzlich in „blutigen Ernst“, und der Alltag zwischen „Tür und Angel“ enthüllt kulturelle Selbsttäuschungen oder vergeudete Autonomie. Die knortzige Identität des Sauerlandes – jene Mischung aus spröder Herzlichkeit, westfälischer Derbheit und einem Lebensgefühl zwischen Ruhrpott-Nähe und bergischer Abgeschiedenheit – liefert den perfekten Nährboden für diese Fortsetzung. Während die klassischen Schildbürger ihre Absurditäten noch in einer geschlossenen, mittelalterlich anmutenden Welt inszenierten, öffnet „Schmieds Katze“ den Blick auf Landmarken, die die Neheimer selbstironisch als Elbphilharmonie des Sauerlandes feiern. In den klassischen Schwänken waren Tiere oft die klugen Kontrastfiguren zu menschlicher Torheit; hier ist die Katze die Instanz der Gelassenheit. Sie schaut zu, wie die Menschen ihre kleinen Genialitäten und großen Absurditäten ausleben, und der Leser erkennt darin sich selbst. Die Torheit ist nicht mehr nur die der anderen, sondern die universale: der Versuch, in einer globalisierten, identitätslosen Welt lokale Wurzeln zu bewahren, ohne dabei in Folklore zu verfallen. Félin Murr schreibt aus der Perspektive einer Katze, was die Geschichten erdig, mündlich und volkstümlich hält – ganz wie die aufgegriffenen und kunstvoll verarbeiteten Schwänke des Lalebuchs.

Die Streetphotography von Martin Vanselow ergänzt dies visuell: Die Bilder fangen genau jene „Zauber des Alltäglichen“ ein, die in den Texten beschrieben werden – absurde Konstellationen, sprachliche Fehlleistungen oder idyllisch-provinzielle Szenen (z. B. Neheim als „Diaspora“ für Filme, Disco-Schließungen oder Industrie-Relikte). Sie wirken wie fotografische Schildbürgerstreiche: vordergründig naiv, doch scharf beobachtend.

Die Streetphotography von Martin Vanselow sind die Fenster, die die alten Schildbürger vergessen hatten einzubauen; die Geschichten die Fässer, in denen das Licht der Erkenntnis transportiert wird – nur dass es diesmal nicht ins Rathaus, sondern direkt in die Herzen der Leserinnen und Leser gelangt. Vanselow erkennt kleine Missverhältnisse, isoliert Gesten und Details, die komische Energie erst sichtbar machen. Seine fotografische Sprache ist dabei nie denunzierend, es ist eine liebevolle Beobachtung. Die Ästhetik spielt mit dem Kontrast zwischen dem hohen Anspruch von Ordnung und der charmanten Unvollkommenheit der Ausführung. In dieser Spannung entsteht die visuelle Entsprechung zum literarischen Erbe: Das Bild liefert die Pointe, die der Betrachter selbst im Kopf vervollständigen muss. So wird Neheim quasi durch die Linse zu einem begehbaren Lalen-Buch, in dem das Foto die Rolle des Chronisten übernimmt und beweist: Schönheit und Torheit liegen oft nur eine Blende voneinander entfernt. Die fotografische Schwankerei bringt diese Funktion in eine neue Medienlogik: Bilder verbreiten sich, Kommentare provozieren Gespräche, und das Gemeinsame – das befreite Lachen über sich selbst – wird zu einer Haltung.

Die Torheiten des Sauerlands sind so mehr als bloßes Amüsement: sie sind kulturelle Praxis, kritische Selbstvergewisserung und ein Ausdruck tief verwurzelter Gemeinschaft. Die Katze schaut zu, die Kamera klickt, und das Lachen bleibt: wohltuend, erhellend und eigenwillig menschlich.

Zentraler narrativer Trick ist die Katze („Félin Murr“ oder die Katze des Schmieds). Sie fungiert als distanzierter, tierischer Beobachter – genau wie die ironische Erzählhaltung in den alten Schwänken. Die Katze „etabliert eine Wahrnehmungshierarchie“, erklärt nichts psychologisch, „legt den Putz an der Fassade eines zerbröselnden Lebens frei“ und durchleuchtet „Sprachereignisse“. Sie braucht keine Begründung, sie zeigt einfach die Absurdität – eine moderne Variante des Schildbürger-Narrators, der die Torheit der Menschen entlarvt, ohne sich selbst zu erklären. Die Schildbürger-Schwänke lehren nichts Moralinsaures; sie sind eher diagnostisch. In Neheim werden dieselben Fragen gestellt wie einst: Wo endet gesunder Gemeinsinn, wo beginnt kollektive Kurzsichtigkeit? Welche Rolle spielen Traditionen, Autoritäten und der Wunsch nach Kontrolle? „Schmieds Katze“ zeigt, dass Torheit weder zeitlos peinlich noch bloß lächerlich ist – sie ist Ausdruck von Nähe, Sorge und dem Bedürfnis nach Verlässlichkeit. Wer einen Zaun falsch baut, tut es vielleicht aus Sparsamkeit; wer einen Rat ignoriert, vielleicht aus Misstrauen gegenüber Fremdem. Die Empathie, die aus der Darstellung spricht, macht die Vertellstückskers tragikomisch statt bloß lächerlich.

In Anlehnung an die „Lalenburg“-Thematik thematisiert das Projekt die Unbegreiflichkeit und Unaussprechlichkeit des postmodernen Lebens. Die Bürger werden nicht mehr als Karikaturen dargestellt, sondern in ihrem „natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichen Gewordensein“ beobachtet.

Thematisch wird dieses Erbe durch den Heimat-Bezug verstärkt: Wie die Grimm’schen Schwank- und Tiermärchen oder die Lebens-Ansichten des Katers Murr von E.T.A. Hoffmann, reflektiert das Projekt regionale Identität, mündliche Traditionen und die Vielfalt des Kulturguts Sprache. Vertellstückskers wie Ästhetische Richtungsentscheidungen, Das sauerländische Meer oder Ein wunder Punkt verbinden Alltagsbeobachtung mit folkloristischer Ironie – vom logischen Fehler über kulturelle Isolation bis hin zur „Archäologie des Sauerlands“. Es entsteht ein zeitgemäßes Volksbuch für Neheim: nicht mehr mittelalterliche Stadttore, sondern Windräder, Currywurst-Buden und nostalgische Disco-Abende, doch mit derselben liebevoll-spöttischen Schärfe. Was das Projekt auszeichnet, ist seine doppelte Bewegung: Es bewahrt die satirische Schärfe der Schildbürger und verbindet sie zugleich mit einer tiefen Affirmation der Heimat. Die Lalenburger handelten töricht, um ihre Autonomie zu verteidigen; die Neheimer in „Schmieds Katze“ tun es, um ihre Identität gegen den Verlust lokalen Wissens, gegen Dialektverfall und gegen die Gleichmacherei der Moderne zu behaupten. Die Postleitzahl 5760 wird dabei zum Symbol: Sie markiert keinen fiktiven Ort, sondern einen realen, der seine Geschichten nicht erfindet, sondern sie einfach nur fotografiert und erzählt. Die menschliche Natur zwischen Genialität und absurder Alltäglichkeit bleibt dieselbe – nur das Setting hat sich verändert. Hier wartet ein Rathaus auf seine Fertigstellung, ein paar Meter weiter steht ein Mediamarkt mit Haifischmaul-Eingang, das die Neheimer begeistert als Parallelwelt begrüßen.

Félin Murr übernimmt die Rolle der Chronistin. Ihre Vertellstückskers fungieren als moderne Entsprechungen der Schildbürgerstreiche, indem sie lokale Begebenheiten mit einem Augenzwinkern und tiefgründigen Untertönen reflektieren.

Während Schilda ein fiktiver Ort war, dient die Postleitzahl 5760 (die historische Postleitzahl von Neheim) als realer Ankerpunkt. Das Projekt nutzt die spezifische knortzige Identität des Sauerlandes, um die zeitlose menschliche Natur – zwischen Genialität und absurder Alltäglichkeit – zu porträtieren. Die Schildbürger sind kein historisches Kuriosum, sondern ein anthropologischer Dauerzustand. Sie leben in Neheim weiter, in den Gesichtern der Passanten auf Vanselows Fotos, im ruhigen Blick der Katze. Das Sauerland ist kein Schilda mehr, es ist Schilda geworden – real, greifbar, multimedial. Und genau darin liegt die zeitlose Kraft dieses literarischen Erbes: Es zeigt uns, dass Torheit und Heimatliebe, Absurdität und Weisheit, immer zusammengehören. „Schmieds Katze“ ist somit mehr als eine bloße Hommage. Es ist der Beweis, dass Neheim kein Museum ist, sondern ein lebendiger Schauplatz moderner Schildbürgerstreiche, die in ihrer liebevollen Absurdität den Kern des Menschseins treffen. Das Projekt macht aus dem literarischen Schildbürger-Erbe ein multimediales Schwank-Buch des 21. Jahrhunderts – die Torheiten des Sauerlands werden fotografiert und erzählt, die Katze schaut zu, und der Leser erkennt: Die Lalenburger sind nie ausgestorben, sie leben in Neheim weiter.

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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt (Hg.). Edition Das Labor 2025

Die Schildbürger, wohnhaft im fiktiven Ort Schilda, sind Hauptakteure einer ganzen Reihe von kurzen Erzählungen, den Schildbürgerstreichen. Der Inhalt des Werks behandelt die fiktive Stadt Laleburg im Kaiserreich Utopia. Der Name Lale geht auf das griechische Verb λαλέω (laléō) zurück, das einerseits plaudern und schwatzen, aber auch verkündigen und lehren bedeutet. Die übrige Rahmenerzählung gleicht dem späteren Topos der Schildbürger aus Schilda, die sich aus eigenem Antrieb von weisen Beratern zu närrischen Bauern entwickelten.Eine Sammlung bzw. ein Volksbuch mit Schildbürger-Schwänken zum Inhalt erschien 1597 erstmals unter dem Titel Das Lalen-Buch. Wunderseltzame / Abentheurliche / unerhörte / und bißher unbeschriebene Geschichten und Thaten der Lalen zu Lalenburg. Bekannt wurde die zweite Ausgabe von 1598 mit dem Titel Die Schiltbürger; mehrere Autoren sind als ihr Urheber im Gespräch, u. a. Friedrich von Schönberg. Wie der Till Eulenspiegel oder der Faust geht auch das Lalebuch nicht auf eine fremdsprachige Vorlage zurück. Vielmehr wurden Schwänke und Erzählungen, die im Umlauf waren, aufgegriffen und, kunstvoll mit vielen gelehrten Andeutungen gespickt, zu einem Ganzen verarbeitet.

Weiterführend → Lesen Sie auch den ersten Teil der geplanten Trilogie über die neheimischen Schildbürger.