
Der Schmied ist ein „Cat Daddie“, daher hat er nicht nur mir ein Zuhause geboten, es hat eine ganze Sammlung von Katzenfiguren angelegt, die er in einer Vitrine aufgestellt hat.
Typisch für seine gesammelten Manekineko-Figuren ist das überwiegend rote Halsband mit goldenem Glöckchen oder verzierter Plakette, auf der eingraviert ist, was angelockt werden soll, zum Beispiel „Glück“, „Kundschaft“ oder „Geld“. Alternativ hält die Maneki-Neko eine große Goldmünze in der nicht winkenden Pfote.
Aus der Edo-Zeit Japans existiert eine Legende hervor, die den Maneki-neko-Kult gefördert haben. Eine Geschichte erzählt von einer wunderschönen und wohlhabenden Geisha, die eines Tages die Toilette aufsuchte und überraschend von ihrer geliebten Katze angefallen wurde. Das Tier kratzte und schrie so fürchterlich, dass man Angst bekam, es sei tollwütig geworden, und der zu Hilfe eilende Hausbesitzer schlug ihm mit seinem Schwert den Kopf ab. Doch noch während der Kopf in hohem Bogen in die Toilette flog, biss er einer dort lauernden Giftschlange in den Kopf und rettete so die Geisha. Diese war über den unnötigen Verlust ihres geliebten Haustieres sehr betrübt, und so schenkte ihr der Hausbesitzer zum Trost eine Keramikfigur in Gestalt der verstorbenen Katze.
Eine modernere Sage schließlich handelt von einem bescheidenen Fischhändler, der schwer erkrankte, eine Zeit lang nicht arbeiten konnte und dadurch in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Eines Tages wurde er von einer herrenlosen Katze überrascht, die von ihm hin und wieder Essensreste erhalten hatte. Die Katze trug eine kostbare Goldmünze im Maul, die dem Fischhändler viel Geld einbrachte, sodass er durch das dankbare Tier seinen Laden retten konnte.
Der Glaube an Katzen, die das Schicksal und Wohlergehen der Menschen beeinflussen können, hat seinen Ursprung sowohl in der chinesischen als auch in der japanischen Folklore. In China wurden Katzen seit ihrer Domestizierung überwiegend positiv wahrgenommen, waren sie doch nicht nur eifrige Rattenfänger, sondern verteidigten auch die kostbaren Seidenspinnerraupen- und Teeplantagen gegen und Vögel. Katzendämonen wie der “Mao-Guishen“ hielten erst relativ spät Einzug in den Volksglauben.
Aus der chinesischen Überlieferung stammt der Aberglaube, dass es zu regnen anfange, wenn eine Katze sich das Gesicht wäscht. Weil die Putzbewegungen mit den Pfoten teilweise wie Winken aussehen, glaubte man auch, die Katze rufe die Leute und auch Kundschaft ins Haus. In Japan hingegen wurde das Winken zuweilen als eine wohlmeinende Warnung vor einem nahenden Unglück gedeutet, weswegen Katzen auch als Wiedergeburt der Gnadengöttin “Kannon“ verehrt wurden und werden. Das vermeintliche Winken wurde außerdem als Zeichen der Gastfreundschaft gedeutet
In Asien begegnet man der Katze heutigentags in Eingängen von Geschäften, Restaurants und Lotterien. Dort sollen sie mit ihrem unablässigen Winken Kunden anlocken. Auf Marktplätzen und Ausstellungen sollen sie finanzielles Glück bringen. In privaten Häusern werden sie gern aufgestellt, um Wohlstand zu bringen und Unglück fernzuhalten.
Manekineko-Figuren bestanden ursprünglich aus bemalter und glasierter Keramik. Auch heute werden sie noch aus Keramik hergestellt, inzwischen aber überwiegt die Massenproduktion aus Kunststoff. Maneki-nekos werden stets gleich gestaltet, ihre Farbe kann jedoch stark variieren. Beliebt sind auch Modelle, die mit Blattgold überzogen sind. Dabei spielt die Farbe der Maneki-neko eine große Rolle: Dreifarbige Katzen werden als Glücksbringer angesehen, weshalb eine dreifarbige Maneki-neko besonders viel Glück und Wohlstand verspricht. Eine reinweiße Maneki-neko steht für Reinheit und Unschuld, eine schwarze wehrt vorgeblich Dämonen und Stalker ab und ist bei Frauen sehr beliebt. Eine goldene Maneki-neko soll Reichtum anziehen und eine rote vertreibt Krankheiten. Eine pinkfarbene Maneki-neko schließlich soll Liebhaber anlocken. Auch bei der Größe der Figurinen gibt es kaum Grenzen
Von großer Bedeutung ist die Geste des Winkens. Hebt die Maneki-neko die linke Pfote, ruft sie Kundschaft und Besucher herbei, hebt sie die rechte Pfote, verspricht dies Glück und Wohlstand. Je höher sie ihre Pfoten hebt, desto mehr Kundschaft bzw. Glück soll sie damit anlocken. Aus Thailand stammen vergoldete Maneki-neko-Figuren, die innen hohl und mit einem batteriebetriebenen mechanischen Antrieb ausgestattet sind, der den Arm der Katze unablässig auf- und abschwingen lässt. Besonders diese dauerwinkenden Figuren erfreuen sich in der westlichen Welt unter dem Namen “Lucky Cat“ großer Beliebtheit.
***
Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarre scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.
Weiterführend → Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.